gesehen: The Lighthouse

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"The Lighthouse" ist ein Film, der noch lange nachwirkt. Von der ersten Sekunde an, wenn sich offenbart dass dieses Erlebnis in einer Ratio von 4:3 stattfinden wird und grau die dominierende Farbe ist, entfesselt sich eine unfassbare und unangenehme Sogwirkung. Getragen von zwei alles aufbietenden Darstellern (und einer schrill schreienden Möwe) ist das hier vielleicht weniger ein Film, sondern ein frontaler Angriff auf die Zuschauer. Aber der Reihe nach.


Viel passiert eigentlich nicht in "The Lighthouse". Wir begleiten Thomas Wake (Willem Dafoe) und Ephraim Winslow (Robert Pattinson), die in den 1890er Jahren ihre gemeinsame Schicht auf einer kleinen Insel mit einem Leuchtturm antreten. Vier Wochen sollen der routinierte Thomas und der unerfahrene Ephraim abwechselnd dafür sorgen, dass das Licht nicht erlöscht. Doch es kommt recht schnell zu allerhand Konflikten und deren Eskalation lässt nicht lang auf sich warten.

So entfaltet sich nach und nach eine Geschichte, die sich eigentlich gar nicht wirklich in Worte fassen lässt und für die es wohl so viele Interpretationen gibt, wie dieser Film Zuschauer hat. Besser, man geht unvorbereitet an die Sache heran und versucht, sich so gut wie möglich zu öffnen für das, was dort entfesselt wird. Und das ist eine überwältigende Menge. Der Soundtrack, der bisweilen in einer brutalen Kakophonie gifelt, wieder abebbt und im richtigen Moment zurückkehrt, ganz so wie die stürmischen Wellen, die an den Felsen brechen, und unterbewusst den Herzschlag vorgibt. Während diese beiden in ihrer Isolation abdriften, gibt sich das Drumherum redlich Mühe, den Zuschauer mit in diesen Abgrund zu reissen. Das unendliche Grau, denn schwarz oder weiss ist hier nun wirklich gar nichts. Das Geschrei der Möwen, die vielleicht wirklich die Seelen verstorbener Seemänner sind? (wer sich damit befassen möchte sollte sich Samuel Taylor Coleridges "Rime of the Ancient Mariner" vornehmen, eines meiner liebsten Gedichte überhaupt). All das verleiht der Geschichte eine nahezu unerträgliche Schwere. Es ist Horror in seiner reinsten, existenziellsten Gestalt. Und dank der nahezu viereckigen Präsentation kann man den Blick nicht vom Zentrum des Geschehens abwenden, denn es gibt ja nur dieses Zentrum. Und wegschauen? Das ist hier schlicht und ergreifend keine Option.

Und dann sind da die schauspielerischen Leistungen von Willem Dafoe als jedes Seemannsklischee überhaupt und Robert Pattinson, beladen mit einer Schwere und Verzweiflung, die im Verlaufe des Films näher beleuchtet wird. Beide bringen eine Energie in jede Szene, die ihresgleichen sucht. Wie ein in die Länge gezogener Tanz bewegen die beiden Figuren sich unweigerlich aufeinander zu, als Zuschauer sitzt man vor dem klaustrophobisch wirkenden Bild und ist wie ein Beobachter eines Autounfalls: Nicht in der Lage, wegzuschauen; wissend, dass das Unvermeidliche passieren wird. Ich könnte nicht sagen, wer hier die grössere Leistung vollbringt, beide gemeinsam harmonieren perfekt und formen eine darstellerische Leistung, die ihresgleichen sucht und vermutlich noch lange Zeit später suchen wird. Dialoge, vorgetragen in Perfektion und Schweigen, das trotz der Stille so unfassbar laut ist, so viel zu sagen hat, geben sich hier die Klinke in die Hand.

Regisseur Robert Eggers glänzte bereits mit "The Witch" und zeigte eindrucksvoll, wie man eine Geschichte gleichzeitig ruhig und und nervenzerreissend intensiv erzählt. Auch hier hat er sich wieder in Recherchen gestürzt und Dialoge erschaffen, die geradewegs aus ihrer Zeit gegriffen sind. Die Kulissen sind detailgetreu und vor allem detailliert ausgefüllt, so dass man beinahe vergessen könnte, dass es sich um einen Film handelt. Ich für meinen Teil bin furchtbar gespannt auf alles, was wir von diesem Ausnahmetalent noch erwarten können.

Fazit

"The Lighthouse" ist keine leichte Kost, man muss sich darauf einlassen können. Sicherlich wird er nicht jedem Zuschauenden gefallen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er das auch gar nicht will. Dieser sperrige Abstieg in den grauschattierten Wahnsinn ist ein Erlebnis, welches noch lange nachhallt. Oder eine Erfahrung, die einen vollkommen verwirrt zurücklassen wird. Es lohnt sich aber definitiv, herauszufinden, auf welcher Seite dieses Spektrums man steht.



Should pale death, with treble dread,
 make the ocean caves our bed, 
God who hears the surges roll 
deign to save our suppliant soul.

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