Filmkritik: Slow West

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Wenn man sich so in der Kinolandschaft umschaut, dann ist der Western irgendwie rar geworden. Sicher, es werden zahlreiche Western produziert, aber die wenigsten davon landen im Kino. Nachdem sich im letzten Jahr bereits die Skandinavier mit "The Salvation" eindrucksvoll ins Genre einmischten und neue Impulse lieferten, sind in diesem Jahr nun die Briten dran. John MacLean, der sich bisher eher als Musiker einen Namen gemacht hat, liefert mit "Slow West" einen hochkarätig besetzen Western ab, der größtenteils in Neuseeland gedreht wurde. Totgesagte leben durchaus manchmal länger; manchmal werden sie auch wiedergeboren, und auch für den Western scheint dies uneingeschränkt in Form des Neo-Western zu gelten. Schauen wir uns den neuesten Vertreter in dieser Riege, der immerhin mit Michael Fassbender als Garantie für einen guten Darsteller aufwarten kann, mal genauer an. 




Story: Im amerikanischen Westen des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist kaum jemand so sehr fehl am Platz wie Jay Cavendish. Der naive 16-jährige Sohn aus adligem Hause ist auf eigene Faust aus Schottland aufgebrochen, um das Mädchen zu finden, an das er sein Herz verloren hat. Doch obwohl er mit einem Kompass auf seinem Pferd unterwegs ist und nachts mit Revolver in der Hand schläft, ist er überhaupt nicht vorbereitet auf das Abenteuer, das ihn in Colorado erwartet. Da kommt der wortkarge, aber treffsichere Vagabund Silas, der sich ihm als Wegbegleiter Richtung Westen anbietet, gerade recht. Dass der Fremde dabei auf mehr aus ist als die 100 Dollar, die er für seine Dienste verlangt, ahnt Jay nicht. Denn tatsächlich ist auf seine Angebetete und ihren Vater in der Neuen Welt ein hohes Kopfgeld ausgesetzt - und so sind Wölfe und Indianer bald nicht die Einzigen, die Jay und Silas durch Prärien und Wälder verfolgen.
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Kritik: Vordergründig ist die größte Stärke dieses Films definitiv Michael Fassbender. Der Mann, der wie selbstverständlich zwischen riesigem Blockbusterkino und leisen Independent-Filmen hin und herwechselt, macht natürlich auch hier eine gute Figur, diesmal eben im Cowboykostüm. Natürlich stilecht mit Zigarre im Mundwinkel. Seine komödiantischen Rollen sind bisher erschreckend rar gesät, doch hier schimmert das Talent dafür durchaus ab und an mal hervor. Doch in erster Linie spielt er einen zynischen Kopfgeldjäger, der des Wilden Westens mächtig überdrüssig ist. Dem gegenüber steht Jay, der auf den ersten Blick einfach nur schrecklich naiv wirkt. Doch diese Naivität beruht auf einem nahezu unerschütterlichen Optimismus. Für ihn ist Amerika das Land der Verheißung, das Land in dem unzählige Versprechen wahr werden können. Dass diese Hoffnungen bitter enttäuscht werden müssen ist beinahe schon schmerzhaft logisch. Beide Darsteller harmonieren gut miteinander und ergänzen ihre jeweiligen Figuren. In den Nebenrollen glänzt vor allem Ben Mendelsohn als Kopfgeldjäger, der einem unweigerlich ein richtig fieses, schiefes Grinsen entlockt. An der Darstellerfront ist also, wie zu erwarten alles souverän.

Dafür überrascht "Slow West" in so ziemlich allen anderen Belangen. Bereits die ersten Sekunden machen deutlich: mit einem handelsüblichen Western hat man es hier nicht zu tun. Die Musik passt nicht so richtig, das Bildformat wirkt deplatziert. Denkt man an Western, dann erwartet man automatisch ein schönes, breites Bild um möglichst viel von der kargen Landschaft zu sehen. Doch hier ist das Format scheinbar eingeengt. Und auch von der kargen Landschaft ist weit und breit nichts zu sehen. Grüne Wälder gibt es, bunte Pflanzen stehen herum. Selbst die Gelbtöne wirken ungewohnt satt. Auch auf musikerfüllte Saloons voller halbnackter Damen wird verzichtet. Kommt es zu einer Schießerei, dann wirkt diese unmotiviert, lustlos, so als ob es wichtigeres geben würde und man der sinnlosen Gewalt keine Aufmerksamkeit schenken mag. Statt epischer Dialoge sind die Gespräche minimalistisch, konzentriert auf's Wesentliche. 

Es ist ein dekonstruieren des typischen Western, durchaus gewürzt mit der ein oder anderen Kritik am Genre. Angepasst an den Filmtitel bewegt "Slow West" sich streckenweise sehr langsam voran. Die Laufzeit von nur 84 Minuten mag da abschreckend wirken, sind doch Filme unter zwei Stunden Laufzeit mittlerweile rar gesät. Doch "Slow West" erzählt in seinem eigenen Tempo, und so fühlen sich die 84 Minuten länger an. Was keineswegs schlecht ist. Regiedebütant MacLean baut sein Finale sorgsam auf, und das Ende sitzt. Die Grausamkeit des oft romantisierten Wilden Westens wird hier gekonnt ad absurdum geführt.
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Fazit: "Slow West" hat eine Menge zu sagen: über den Mythos des Wilden Westens, über die Gewaltbereitschaft einiger Menschen, die Jagd auf Ureinwohner und die Hoffnung an sich. Sein Anliegen verpackt er in wunderschöne Bilder, die genau die richtige Kulisse für die gut aufgelegten Darsteller liefern. Doch am Ende wird der Westen dekonstruiert, seiner Magie beraubt. Es ist ein gekonntes Spiel mit den Sehgewohnheiten und den Erwartungen des Zuschauers. Das wird sicherlich nicht jedem gefallen und der eingestreute Humor wird sein übriges tun, um einige Zuschauer abzuschrecken. Dennoch funktioniert der Film, weiß an den richtigen Stellen zu unterhalten. Dass einem alteingesessenen Genre noch etwas Neues hinzugefügt werden kann ist rar, doch "Slow West" gelingt dieser Coup tatsächlich.


Infos zum Film

Originaltitel: Slow West

Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Western, Drama, Thriller, Komödie
FSK: 12
Laufzeit: 84 Minuten
Regie: John MacLean
Drehbuch:John MacLean
Darsteller: Michael Fassbender, Kodi Smit-McPhee, Ben Mendelsohn, Caren Pistorius, Rory McCann

Trailer 

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