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Filmkritik: Kikis kleiner Lieferservice

© Universum Film GmbH
Story: Dies ist die Geschichte der kleinen Hexe Kiki, die sich gemäß der uralten Hexentradition mit ihrem schwarzen Kater Jiji aufmacht um ein Jahr lang alleine an einem anderen Ort zu leben, damit sie dort ihre Hexenkräfte vervollkommnen kann.
Ihre neue Wahlheimat ist eine große Stadt am Meer, wo sie durch einen glücklichen Zufall bei einer Bäckerfamilie eine Unterkunft findet. Das Haus wird Dreh- und Angelpunkt ihres ersten eigenen kleinen Lieferservices, der nach ein paar Startschwierigkeiten sehr gut läuft. Allerdings macht Kiki die Einsamkeit in der Großstadt und die Tatsache, dass sie anders ist als andere Kinder schon bald zunehmend Probleme.

Kritik: "Kikis kleiner Lieferservice" ist Hayao Miyazakis erstes Werk innerhalb des Studio Ghibli nach "Mein Nachbar Totoro" gewesen, und auch wenn es keine direkte Fortsetzung von Totoro ist, so könnten beide Filme doch Geschwister im Geiste sein. Denn wo Totoro sich der Kindheit annimmt erinnert Kiki uns alle daran, wie sich der Beginn der Pubertät angefühlt hat. 

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Dabei ist die Geschichte an sich simpel. Kiki folgt einem alten Brauch und zieht mit 13 Jahren für ein Jahr in eine fremde Stadt, um ihre Zauberkräfte zu vervollständigen. Hayao Miyazaki erschafft hier erneut eine fantastische Welt, in der beide Weltkriege niemals stattgefunden haben und in der Hexen etwas Alltägliches sind. Das Ausblenden der Weltkriege führt vor allem bei den Fortbewegungsmitteln zu wunderschönen Anachronismen, und typisch für Miyazakis Werke wird dem Fliegen als ultimative Form der Freiheit in vielerlei Hinsicht große Bedeutung beigemessen. Tombo, der übereifrige Junge und Verehrer von Kiki könnte sicher als Parallele zu Miyazaki selbst interpretiert werden, denn Kikis Fähigkeit zu fliegen ist was ihn zunächst zu ihr hin zieht. Wie auch bei Totoro steht also auch hier eine junge Frau im Mittelpunkt, doch während bei Totoro zwei Mädchen langsam eine magische Welt kennen lernten reist Kiki von einer magischen Welt in eine Welt in der Magie nicht ganz so alltäglich ist. Hier setzen nun verschiedene Erzählebenen ein. 

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Zum einen wäre da eine kindgerechte Geschichte. Kiki lernt im Verlauf des Films an sich zu glauben, in ihre Kräfte zu vertrauen. So weit, so gut, eine wirklich besondere Angelegenheit ist das nicht, denn diese Form der Erzählung lässt sich vermutlich in jedem beliebigen Disneyfilm ebenfalls finden. Interessanter wird es, wenn man sich eine Schicht tiefer begibt. Dort beginnt "Kikis kleiner Lieferservice", Jugendliche anzusprechen. Kiki wird von außen sozusagen in die Unabhängigkeit gezwungen, gleichzeitig ist sie getrieben vom Willen sich zu behaupten. Sie muss ihren Platz in einer Welt voller Erwachsener finden. Sie spürt, dass sie nicht zu den anderen Kindern passt, die ihr Kindsein noch in vollen, lauten Zügen genießen. In gewisser Weise zahlt Kiki den Preis, den wir alle gezahlt haben als wir erwachsen wurden: die Kindheit in all ihrer Unbeschwertheit wird immer mehr zu einer Erinnerung. Gleichzeitig kämpft sie dafür das tun zu können, was sie liebt. Als Erwachsener sind all dies Dinge an die man sich erinnert, doch Kiki wohnt noch eine weitere Ebene inne. Mit ihrem Lieferservice macht sie nicht nur schöne Erfahrungen, einige Kunden sind extrem unfreundlich zu ihr. Der Alltag und die Routine schleichen sich ein und zehren im wahrsten Sinne des Wortes an ihren Kräften. Streng genommen ist Kikis Leben nichts Besonderes: es gibt keine magische Prophezeiung die ihr ein großes Schicksal vorhersagt. Sie ist keine Nachfahrin einer berühmten Persönlichkeit, es gibt kein Erbe welches sie antreten könnte. Kiki ist, zumindest in ihrer magiedurchzogenen Welt, ein ganz normales Mädchen. Ein Mädchen, das sehr schnell lernt dass der Arbeitsalltag größtenteils aus Wiederholungen besteht, garniert mit unfreundlichen Menschen. Ein Alltag, in dem aufmunternde Worte einer fremden Person schnell mal zum Highlight der Woche werden können. 

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Ungewöhnlich, zumindest für westliche Zuschauer, dürfte auch die Tatsache sein dass es in Kikis Welt nichts wirklich Böses gibt. Sicher, einige Menschen sind unfreundlich. Doch Kiki selbst ist immer freundlich und hilfsbereit, und auch ihre Umgebung reflektiert dieses Verhalten. Sie wird von Osono freundlich aufgenommen, und selbst Momente wie die erste Begegnung mit Ursula im Wald verlaufen positiv. Das Ausbleiben eines Antagonisten sorgt für ein gemächliches Erzähltempo, und würde man gemein sein wollen könnte man Kiki sicher vorwerfen langweilig zu sein. Aber dafür müsste man eben auch all die feinen Schichten unter der Oberfläche ignorieren. Und selbst dann würde noch immer eine wunderschön gezeichnete Welt voller feinsinnigem Humor bleiben. Besonders die teilweise vor Sarkasmus triefenden Kommentare von Kater Jiji (natürlich, stilgerecht für eine Hexe kohlrabenschwarz) sind wunderbar pointiert. Spuren von Melancholie sind ebenfalls zu finden, spätestens wenn Jijis Scharfzüngigkeit mit Kikis schwindender Kraft einem unverständlichen Miauen weichen muss leidet der Zuschauer mit. Und Kikis Konflikt mit der eigenen Bestimmung, oder vielmehr deren Ausbleiben, bietet leichte Identifikationsfläche für die meisten Zuschauer. Innerhalb dieser ruhigen Inszenierung fühlt sich nicht einmal der Showdown überladen an, er ist für Kiki nur ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Die Form der Bestätigung im Alltag, nach der sich so viele von uns sehnen. Ebenfalls subtil präsent ist die Entwicklung vom traditionellen hin zur Moderne. Kiki ist besonders zu Beginn der Geschichte mit Traditionen behaftet: sie übernimmt den Besen ihrer Mutter, sie kleidet sich, ganz wie die Hexentradition es verlangt, in schwarze Gewandung. Doch sie durchbricht diese starren Muster, bindet sich eine rote Schleife ins Haar und sticht so deutlich aus der Masse heraus. Gänzlich gebrochen wird hingegen das traditionelle Verständnis von Hexerei und Magie, die nur dem Selbstzweck dient und das Leben leichter macht. Kiki hat magische Kräfte, diese sorgen aber nicht dafür dass sie von Kummer und Problemen verschont bleibt. Das macht sie, trotz ihrer Fähigkeiten, zu einer extrem humanen Figur. Dazu trägt auch ihre Verletzlichkeit bei, die am Ende nicht als Schwäche ausgelegt wird, sondern Kiki hilft ihre Probleme zu überwinden. Es reicht eben nicht, eine besondere Fähigkeit zu haben. Man muss auch lernen, wie und wofür man diese einsetzen kann, um sich nicht selbst zu verlieren.

Fazit: Wie so oft wirkt "Kikis kleiner Lieferservice" oberflächlich betrachtet wie ein reiner Kinderfilm. Doch unter der gewohnt schönen Animation verbergen sich erneut zahlreiche Themen, die ein erwachsenes Publikum auf durchaus emotionale Art ansprechen. Der direkte Nachfolger von "Mein Nachbar Totoro" entpuppt sich als dessen logische Fortsetzung im Geiste, statt der unbeschwerten Kindheit steht nun die Adoleszenz mit all ihren Problemen im Fokus. "Kiki" ist dabei herzensgut und fliegt gemeinsam mit Katerchen Jiji geradewegs ins das Herz des Zuschauers. Ruhig, aber umso charmanter ist "Kikis kleiner Lieferservice" ein Film, der auf seine ganz eigene Weise zu begeistern weiß.  



Die Blu-ray: Gewohnt schick kommt die Studio Ghibli Blu-ray Collection aus dem Hause Universum Anime daher. Die Kanten des Pappschubers sind leider arg anfällig für Dellen und auch die FSK-Aufkleber lassen sich nicht immer rückstandslos entfernen. Doch die Optik ist überzeugend. Das Bild der Blu-ray ist scharf und die Farben wirken lebendig. Neben der japanischen Sprachfassung liegt natürlich auch die deutsche Tonspur bei (beide in DTS-HD MA 2.0), die Sprecher machen einen guten Job. Auffällig ist, dass Jiji in der Originalfassung deutlich weniger sarkastisch wirkt, da scheint man sich bei der amerikanischen Synchronisation (übrigens mit Kirsten Dunst als Kiki) orientiert zu haben. Untertitel in deutsch liegen ebenfalls vor. Besonders toll sind die Extras: 137 Minuten werden mit Storyboards zum kompletten Film gefüllt, obendrauf gibt es den japanischen Originaltrailer so wie weitere Trailer zu anderen Ghibli-Werken. Einen detaillierten Blick auf Ursulas Gemälde bekommt man ebenfalls.

Infos zum Film
Originaltitel: Majo no takkyûbin
Erscheinungsjahr: 1989
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 103 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Minami Takayama, Rei Sakuma, Kappei Yamaguchi, Keiko Toda u.a. Deutsche Stimmen: Melina Borcherding, Jochen Bendel, Petra Einhoff u.a.

Trailer


Media Monday #232


Sonntag Abend, mir tun die Beine weh vom herumlaufen auf der German Comic Con. Nikolaus war auch, ihr findet bei Instagram (oben rechts geht's zum Profil, falls ihr mir noch nicht folgt) Bilder von meiner Ausbeute und vom Wochenende. Aber bevor es ins Bett geht stehen noch die neuen Fragen vom Medienjournal an, also verdiene ich mir meinen Schönheitsschlaf heute schnell noch :)

1. Meine Eindrücke der ersten German Comic Con habe ich euch schon zusammengefasst. Ich war entsetzt, um es kurz zu fassen. Aber James Marsters war extrem nett. 





2. Obwohl "It Follows" ja noch relativ neu ist, habe ich ihn im besten Sinne als altmodisch empfunden, denn der hat sich irgendwie wie ein klassischer Horrorfilm angefühlt, sowohl von der Inszenierung als auch beispielsweise von der Musik her. Und auch die Tatsache dass nicht alles so extrem blutig gezeigt wurde, sondern stellenweise schön subtil vorgegangen wurde empfand ich als angenehm, hat an die Filme aus den frühen 80ern erinnert.

3. Jake Gyllenhaal ist auch einer dieser Schauspieler, wo ich mir jedes Mal denke: was kann der eigentlich nicht spielen? Der überzeugt mich einfach in jeder Rolle, normal ist das nicht.

4. Weihnachten rückt langsam näher, am Sonntag war Nikolaus. Ich persönlich freue mich auf leckeres Essen. Da bin ich simpel gestrickt. Mein vermutlich bestes Geschenk wartet bereits in der neuen Heimat auf mich, es beginnt mit "Playstation" und hört mit "4" auf. Am 17.12. wird übrigens ausgewandert. Ein bisschen Schiss hab ich ja schon... Aber der Reisepass ist beantragt und in der Woche vor Weihnachten gehe ich mich abmelden, mein Konto auflösen und so weiter. Schon krass. 
Doppelter Jake in "Enemy" © Capelight Pictures
5. Sollte es jemals ein Remake zu       geben, werde ich bla. Ist doch egal ob jemand ein Remake von irgendwas macht, davon nimmt mir ja niemand das Original weg. Das wird dadurch nicht verändert oder vernichtet, ich versteh nicht wieso alle immer gleich ausflippen wenn ein Remake angekündigt wird. Im schlimmsten Fall wird der Film Schrott, aber was soll sonst passieren? Leute werden auf das Original aufmerksam? Das Interesse an älteren Filmen steigt eventuell? Schrecklich. Wenn deine Kindheit durch ein Remake nachträglich zerstört wird dann war wohl schon vorher was nicht in Ordnung...

6. Aus dem Stegreif drei Filme empfehlen, ob ungewöhnlich oder Mainstream, alt oder neu? Nun, da fielen mir spontan Paddington , Alles steht Kopf und Mein Nachbar Totoro ein. Ein Kombiticket in die Kindheit und Jugend :)

7. Zuletzt habe ich den Bericht zur Comic Con geschrieben und das war stressig , weil es einfach so viel negatives gab. Ich hab im Bericht auch sicher eine Menge vergessen, vielleicht folgt da diese Woche noch eine Nachbereitung. Ich hab das Gefühl das da noch nicht alles zu gesagt ist.

Ich hoffe ihr hattet ein angenehmes Wochenende und kommt gut in die neue Woche, lasst euch nicht zu sehr vom Weihnachtsstress nerven :)

Filmkritik: Chihiros Reise ins Zauberland

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In dieser Kritik schauen wir uns einen wahren Meilenstein der jüngeren Filmgeschichte an. "Chihiros Reise ins Zauberland" kann nämlich auf eine ganz und gar eindrucksvolle Geschichte zurückblicken. Nachdem es unter anderem auf der Berlinale 2002 einen Goldenen Bären gab, gelang dem Film von Hayao Miyazaki auch der Sieg bei den Oscars für den animierten Film. Wohlgemerkt ist es der erste Anime und der erste nicht-englischsprachige Animationsfilm, dem diese Ehre zuteilwurde. Außerdem warf Chihiro in Japan Titanic vom Box-Office-Thron und nahm 200 Millionen Dollar ein bevor er auch außerhalb von Japan im Kino lief. Sowohl finanziell als auch bei Kritikern und Awardverleihungen war Chihiro also ein enormer Erfolg. Wie bei vielen Ghibli-Filmen war im Vertrieb außerhalb von Japan Disney stark involviert, und es war der heutige Disney-Kreativchef John Lasseter, der gemeinsam mit einem großen Team von Miyazaki-Anhängern bei Disney den Film synchronisieren ließ. Aus der Zusammenarbeit entwickelte sich eine Art Freundschaft zwischen Lasseter und Miyazaki, die unter anderem Thema einer ganzen Dokumentation ist. Zeit also, sich den Film mal genauer anzusehen. 


Story: Die zehn Jahre alte Chihiro ist gar nicht begeistert, mit ihren Eltern von Tokio in einen kleinen Vorort umzuziehen und dabei alle ihre Freunde hinter sich zu lassen. Auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause verirrt sich die Familie und stößt dabei auf einen geheimnisvollen Tunnel. Sie wissen nicht, dass sich auf der anderen Seite des Tunnels die Zauberwelt Aburaya befindet - eine Welt, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Sie kommen in eine verlassene Stadt und finden ein leeres Restaurant, wo Chihiros Eltern sich gierig auf das Essen stürzen - und in Schweine verwandelt werden. Plötzlich erscheint ein geheimnisvoller Junge namens Haku, der Chihiro erklärt, dass es nur eine Möglichkeit gibt, ihre verzauberten Eltern zu retten: Sie muss in den Dienst der bösen Hexe Yubaba treten, die nicht nur die Zauberwelt von Aburaya beherrscht. Chihiro stellt sich dieser Herausforderung und macht sich auf eine Reise, auf der sie ungeahnten Mut, eine bisher nicht gekannte Willenskraft und Ausdauer beweisen muss.....
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Kritik: "Chihiros Reise ins Zauberland" erwischte mich auf völlig kaltem Fuß, denn ich wusste vorher nichts über die Handlung und den Inhalt. Also wurde ich kurzerhand in diese Welt hineingeworfen, und wie Chihiro musste auch ich mich erst einmal zurecht finden. Gleich zu Beginn fiel mir auf, wie rational Chihiro wirkt, und wie unvernünftig ihre Eltern eigentlich sind. Eine rare Angelegenheit, werden doch sonst immer die Kinder als die unvernünftigen portraitiert. Mit dieser Ausgangslage hatte der Film mich dann auch recht schnell um den Finger gewickelt, aber ich hatte ja keine Ahnung. Immer noch schwer von meiner disneygeprägten Kindheit geschädigt saß ich also 10, 15 Minuten lang hier und wartete auf die Katastrophe...

Die so natürlich nicht eintritt. Statt die Eltern brutal um die Ecke zu bringen wird ihre stark ausgeprägte Gier bestraft indem sie in Schweine verwandelt werden. Was sich aber, und das ist überraschend, so gar nicht ungerechtfertigt anfühlt, denn mal ehrlich: einfach so über fremdes Essen herfallen ist schrecklich unhöflich. Das lässt natürlich Chihiro mutterseelenallein und verängstigt zurück, doch am Ende handelt es sich auch hier um eine Coming of Age Geschichte, und so bricht das kleine Mädchen zu einer ganz persönlichen Reise auf. Und schon an dieser Stelle kam Freude auf, denn wenn ich eines mag, dann sind es Mädchen und Frauen, die sich nach einem Rückschlag aufraffen und allen Abenteuern und Gefahren trotzen. Und genau das macht Chihiro, begrenzt auf einen eigentlich sehr überschaubaren Raum, nämlich im Badehaus der Hexe Yubaba. 

Neben der Coming of Age Thematik finden sich hier auch zahlreiche andere Elemente, die in für Miyazakis Werken immer wieder durchschimmern, beispielsweise der Umweltaspekt, der durch den nahezu vergifteten und schrecklich stinkenden Besucher des Badehauses aufgegriffen wird. Besonders interessant ist bei Chihiro aber die auch in anderen Filmen vorkommende Zweiteilung zwischen kindgerechter Geschichte und Erzählung für Erwachsene. Oberflächlich betrachtet ist die Geschichte ja schnell erzählt: Chihiro muss sich nach einer Krise zusammenreißen und stark sein, wenn sie ihre Eltern wiedersehen will. Unterwegs findet sie ungewöhnliche Freunde, und am Ende wird natürlich alles gut. Doch unter diesem leicht bekömmlichen Dekor verbergen sich zahlreiche weitere Aspekte. Schält man die atemberaubenden und unfassbar detailreichen Bilder beiseite offenbart sich ein wahres Schatzkästchen. Das fängt schon damit an dass dem Kind die Zeit gegeben wird, zu trauern. Ihre Sorgen werden zumindest von einigen Bewohnern des Badehauses nicht einfach abgetan, und der reflektierte Umgang mit der Situation ermöglicht dem Mädchen, an der Lage zu wachsen.
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Für Chihiro steht im Badehaus, obwohl sie ihre Eltern retten will, sie selbst an erster Stelle. Nicht weil sie besonders egoistisch wäre, doch die Hexe Yubaba herrscht mit eiserner Hand über ihr Badehaus. Sie stiehlt ihren Mitarbeitern den Namen und ersetzt ihn durch einen simplen, nichtssagenden anderen. Nun gibt es viele Kulturen in denen die Besonderheit des eigenen Namens hervorgehoben wird, in denen es immer ein Zeichen von Macht ist wenn man den wahren Namen des Gegenübers kennt. Yubaba nimmt Chihiro und allen anderen Mitarbeitern Stück für Stück ihre Identität und lässt sie nach und nach vergessen wer sie sind. Auch optisch gleichen sich die Mitarbeiter, sind von der Bekleidung her nicht zu unterscheiden und auch die Statur ist ähnlich. Auch andere Probleme, die nicht nur am Arbeitsplatz auftreten können sind hier vorhanden. Chihiro erfährt Diskriminierung weil sie ein Mensch ist, die Frauen im Badehaus müssen sich widerliche Sprüche der Männer anhören. Es gibt nur Yubaba und das Wohl der Gäste, dem sich alle mehr oder weniger freiwillig verschreiben. No-Face mit seiner Maske und seiner Unfähigkeit sich zu artikulieren repräsentiert die unterste Stufe, denn der Zugang zum Badehaus ist ihm verwehrt und er trägt nicht einmal einen vereinfachten Namen. Kein Wunder will Yubaba ihm den Zugang verwehren, denn in seinem späteren Verhalten reflektieren sich all die unschönen Triebe und Wünsche, welche die anderen Besucher, die Arbeiter und die Besitzerin heimsuchen.

Diese Arbeiterthematik zieht sich bis in die Zugfahrt gegen Ende des Films hinein. Jeder, der schon einmal im Feierabendverkehr von der Arbeit nach Hause gependelt ist dürfte die leeren Gesichter kennen, die man in Bus und Bahn zu sehen bekommt. Wie die Geister im Film sind die meisten von ihnen gesichtslose Wesen die nachdenklich ins Nichts oder auf ihr Smartphone starren. In diesem Film wird diese Tristesse durch Chihiros Anwesenheit noch verstärkt, denn das alles fühlt sich für ein Kind einfach falsch an. Für Chihiro ist es ein Ausblick in eine unschöne Zukunft, für den erwachsenen Zuschauer ist es nur zu oft eine schmerzhafte Erinnerung an den eigenen Arbeitsalltag. Eigene Träume von dem Leben, welches man führen wollte, das nun aber in unerreichbarer Ferne liegt. Gedankenspiele nach dem Motto "was wäre wenn?", und man redet sich ein dass man, wie es in diesem Lied heißt, doch jederzeit die Sachen packen könnte und an Ferne Orte reisen kann. Aber am Ende bleibt man doch in seinem Alltag gefangen, freiwillig. Die Fahrt in die Nacht, die scheinbar ewig dauert ist extrem deprimierend und sie markiert den Abgang der Unschuld von der Bühne in den ruhigsten, umso mehr verstörenden Tönen. Es ist eine durch und durch beeindruckende Szene.
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Doch die Wiederherstellung der Unschuld lässt nicht auf sich warten. Die Rückreise auf Hakus Rücken, die Wiederentdeckung der Namen und somit auch das erneute aufkeimen der Unschuld werden durch den Fall symbolisiert, dem keiner der beiden mit Angst begegnet. Möglich dass die Kindheit irgendwann zu Ende geht, doch es ist niemals zu spät um ihr einen kurzen Besuch abzustatten, und es ist sicher nicht zu spät für Chihiro, den Weg zurück in die Unbeschwertheit zu finden. Hier kommt dann auch wieder das Thema der Identität ins Spiel, denn auch wenn sie sich an Haku erinnert, so ist die Erinnerung an sich selbst doch verblasst. Dies erklärt vielleicht auch ihre Reaktion auf die präsentierten Schweine, aus denen sie ihre Eltern heraussuchen soll. Da Chihiro sich aber nicht an ihr vorheriges Leben erinnern kann dürfte auch die Erinnerung an die Eltern fehlen. Es ist fraglich, inwieweit sie sich überhaupt an die Eltern erinnert, und eigentlich spielt es ja auch keine Rolle. Selbst wenn sie ihre Eltern nicht erkannt hätte, selbst wenn die Eltern anwesend gewesen wären, Chihiro hat eine gewisse Schwelle übertreten die ihr unbeschwertes altes Leben in gewisser Weise überflüssig gemacht hat. Sie wäre auch in Zukunft ohne ihre Eltern zurechtgekommen, so wie Haku, Lin und Kamaji eben auch irgendwie zurechtkommen. So wie wir alle irgendwie zurechtkommen. Der Trick ist, tief im inneren an der Person festzuhalten, die man als Kind war, während man durch das oftmals triste Dasein als Erwachsener navigiert.

Visuell ist das natürlich, wie gewohnt, absolute Spitzenklasse. Der Detailreichtum, die Vielzahl an skurrilen Figuren die scheinbar alle irgendwo in Miyazakis Kopf hausen und sich ab und an den Wegs auf das Papier bahnen, "Chihiros Reise ins Zauberland" kann man sich wieder und wieder anschauen, nur um auf Entdeckungsreise zu gehen. Das verwunschene Badehaus erinnert ein wenig an "Alice im Wunderland", nur noch ausschweifender. Da wird schnell mal eine Treppe ohne Geländer zu einer bedrohlichen Angelegenheit aus Kinderaugen, und selbst als Erwachsener ringt einem diese monströse Konstruktion Respekt ab. Einige Kreaturen, wie beispielsweise Kamaji mit seinen vielen, nach Bedarf unterschiedlich langen Armen kann man nur als verwunderlich bezeichnen. Jedes Mal wenn man davon ausgeht dass es nicht seltsamer werden kann kommt etwas Neues hinzu. Ein Schiff voller Geistermasken. Ein Zug, dessen Schienen unter Wasser liegen. Bis über den Bildrand hinaus ist das Zauberland bevölkert von Kreaturen, die einzigartig sind. Keine davon fühlt sich irgendwie geklaut oder ausgeliehen an. Das Badehaus präsentiert eine völlig abgeschlossene Welt in seinen vier Wänden, und das Innenleben scheint generell größer zu sein als die Außenhülle es vermuten lassen würde. Der Detailreichtum geht so weit, dass sich hunderte von Dingen im Haus finden lassen, die für die Geschichte völlig irrelevant sind. Aber sie sind da, machen das Haus lebendig und lassen einen wünschen, wenigstens für kurze Zeit auch auf Entdeckungstour gehen zu können. Die von satten Rottönen dominierte Farbpalette des Films ist unerschöpflich und komplettiert einen visuellen Stil, der mir bisher noch nie in dieser Form begegnet ist. Und weil all dies noch nicht reicht komponierte Joe Hisaishi erneut einen Soundtrack, dessen ruhige Töne allein dafür sorgen dass die Tränen fließen, während in aufregenden Momenten ein Gänsehautschauer den nächsten von den Zehen zum Scheitel und wieder zurück jagt.
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Fazit: Es ist immer so seltsam wenn man einen Film als perfekt bezeichnet. Doch wenn sich einer das verdient hat, dann "Chihiros Reise ins Zauberland". Mitreißend, tiefgründig, wunderschön animiert, versehen mit einem ergreifenden Soundtrack und so detailverliebt dass man ihn mehrmals hintereinander schauen kann und jedes Mal etwas Neues entdecken würde: Hayao Miyazaki ist mit diesem Werk etwas ganz, ganz Großes gelungen. Etwas, dessen vollen Umfang man so gar nicht in Worte fassen kann. 

Infos zum Film

Originaltitel: Sen to Chihiro no kamikakushi
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 125 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Rumi Hiiragi, Miyu Irino, Mari Natsuki,  Yumi Tamai u.a. Deutsche Stimmen: Sidonie von Krosigk, Tim Sander, Nina Hagen, Cosma Shiva Hagen u.a.

Trailer


Filmkritik: Das wandelnde Schloss

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Nachdem ich erst vor kurzem "Mein Nachbar Totoro" und "Prinzessin Mononoke" gesehen hatte und natürlich sofort hier besprechen musste ist es nun wieder Zeit für einen weiteren, zauberhaften Film des unverschämt kreativen Hayao Miyazaki und dem Studio Ghibli. Bei "Das wandelnde Schloss" handelt es sich um die Verfilmung des britischen Buches "Howl's Moving Castle" von Diana Wynne Jones, welches bereits 1986 erschien, aber eine besonders zum Ende hin ganz andere Geschichte erzählt. Wer gerne liest sollte sich das Buch und die beiden Nachfolger nicht entgehen lassen. Gleichzeitig eine Liebesgeschichte, ein Abenteuer und ein Portrait über das Leben in Zeiten des Krieges ist "Das wandelnde Schloss" ein Film, den man sich durchaus genauer ansehen sollte. Miyazakis neunter Film markiert auch eine Rückkehr zu klassischeren Themen wie Magie, gleichzeitig ist es nach "Kikis kleiner Lieferservice" die zweite Geschichte, die nicht komplett von ihm ausgedacht ist. Die Buchvorlage ist sogar nicht einmal japanisch, sondern, wie weiter oben erwähnt, britisch. 2006 war er für einen Oscar in der Kategorie "Bester Animationsfilm" nominiert, verlor aber gegen "Wallace und Gromit". Wieso der Film sich aber hinter keinem anderen verstecken muss, das erfahrt ihr in der Kritik. 

Story: Das Mädchen Sophie arbeitet als Hutmacherin im Geschäft ihres verstorbenen Vaters. Bei einem Besuch in der Stadt lernt sie zufällig den Zauberer Hauro kennen. Sie verliebt sich in ihn und wird daraufhin von einer eifersüchtigen Hexe mit einem Fluch belegt, der sie in eine alte Frau verwandelt. Sophie verlässt im Körper einer 90-Jährigen ihre Heimatstadt und zieht in die Ferne, um Hauro zu suchen und den bösen Fluch rückgängig zu machen. Schließlich findet sie ihn und arbeitet als Putzfrau in seinem geheimnisvollen "wandelnden Schloss", das Türen in vier verschiedene Welten und Zeiten öffnen kann. Feuerteufel Calcifer, der das Haus bewacht, und Hauros kindlicher Assistent Markl werden bald ihre Freunde - nur Hauro schenkt ihr kaum Beachtung. Als er jedoch vom König berufen wird, sein Land vor dem drohenden Krieg zu retten, übernimmt er Verantwortung. Sophies wachsende Liebe zu ihm vermag schließlich den Fluch zu lösen, sie beide zu retten und die Welt vor Zerstörung zu bewahren...
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Kritik: Reden wir doch zunächst über das visuelle. Für "Das wandelnde Schloss" wurde beispielsweise das Schloss selbst am PC animiert, die Hintergründe wurden aber alle von Hand gezeichnet. Und es ist nur legitim wenn man das Schloss als eigenständige Figur bezeichnet. Aus sicher beinahe 100 Einzelteilen besteht es, die sich dauernd verändern. Wie eine riesige Maschine, an der nichts zusammenpassen will und gleichzeitig alles am richtigen Fleck sitzt wandert es durch die Landschaft. Die Innenräume verändern sich ebenfalls und generell quillt alles vor lauter Fantasie schier über. Die Landschaften um das Schloss herum laden zum Träumen ein und sehen teilweise wie frisch aus dem Louvre geklaut aus. Und dann wäre da noch die kleine Stadt, in der Sophie wohnt. Angelehnt an Städtchen wie Colmar gibt es hier charmante alte Häuser. Im starken Kontrast dazu steht die Stadt des Königs, die sehr modern wirkt. Selbst wenn der Film sonst nichts zu bieten hätte könnte man sich immer wieder in den wundervollen Bildern ergehen. Typisch für die Filme von Miyazaki ist auch, dass er die Bilder für sich sprechen lässt, keine Zeit damit verbringt dem Zuschauer genau zu erklären, was was ist. Stattdessen findet man sich sofort mitten im Geschehen wieder und darf selbst auf Entdeckungsreise gehen.

Doch natürlich ist es damit noch längst nicht getan. Für die Besprechung der Figuren im Film möchte ich die Buchvorlage außen vor lassen, denn die hätte durchaus ihre eigene Besprechung verdient. Wer weiß, vielleicht finden Bücher eines Tages den Weg in diesen Blog, wir werden sehen. Bis dahin ist wieder einmal faszinierend, wie wenig Miyazaki sich auf stumpfe schwarzweiß-Malerei verlässt. Statt der strikten Aufteilung in Gut und Böse, wie sie anderswo gern praktiziert wird, damit der Zuschauer ja nicht überfordert ist, gibt es hier Figuren in allen Schattierungen. Sie alle sind unterschiedlich, haben andere Beweggründe, handeln aber stets nachvollziehbar. Sophie ist als Figur ein interessanter Ansatz, da sie ihrer Jugend beraubt wird. Zwar ist es ein wenig schade dass man ihr andichten musste dass sie so wenig Selbstbewusstsein besitzt und sich als hässlich empfindet, doch sie ist dennoch eine sehr differenzierte Persönlichkeit, die für sich selbst und für andere einstehen kann. Klar, die Sache mit der inneren Schönheit ist mittlerweile irgendwie ausgetreten, doch Sophie ist ein gelungenes Beispiel für eine gekonnte Umsetzung der Thematik. Sie findet sich mit der Lage ab und nimmt das Entfluchen dann einfach selbst in die Hand, und sie ist ziemlich resolut bei der Sache. Ich habe besonders zum Beginn des Films wirklich gefürchtet dass man es hier mit einer dieser schrecklichen "toller Typ rettet graues Mäuschen, graues Mäuschen ist auf ewig dankbar" Geschichten zu tun hatten, aber davon wird man verschont. Ja, es geht darum sich gegenseitig zu retten, doch für eine Liebesgeschichte ist "Das wandelnde Schloss" erfrischend unkitschig. Auch wird schnell klar dass es viel weniger der Fluch der (spannend geschriebenen) Hexe ist sondern viel eher die Selbstzweifel Sophie einen Strich durch die Rechnung machen.
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Den Kontrast dazu bietet Hauro. Sein Ruf ist unterirdisch, die Frauen soll er reihenweise meucheln. Unglaublich eitel ist er, aber auch wankelmütig. Das Schloss passt sich seinen Stimmungen an und reflektiert diese nach außen hin. Dass es optisch eher heruntergekommen und ein wenig hässlich ist passt wie die Faust aufs Auge. Seine Magie nutzt Hauro sporadisch, er neigt aber zu einer Art Überdosis, die ihn dann auch konsequent erschöpft. Ein bisschen erinnert er an einen Junkie. Nur langsam erkennt er was er für Sophie empfindet, und diese Gefühle geben ihm einen Grund sich gegen den tobenden Krieg zwischen zwei Königreichen zu stellen. Im tiefsten Inneren wird auch ein magisches Wesen von Selbstzweifeln geplagt. Wer gerne interpretiert wird hier fündig, so gibt es zahlreiche Szenen die gekonnt mit der Thematik des Monsters im Menschen spielen. Im Schloss finden sie aber alle zusammen und eine sichere Ruhezone. Der aufmüpfige Feuerdämon Calcifer, der die ganze Angelegenheit zusammenhält und bitte nicht als Kochfeuer benutzt werden will. Der kleine Zauberlehrling Markl, der sich eigentlich nichts sehnlicher wünscht als eine Familie in einer Zeit, in der die Bomben scharenweise auf die Städte hinabregnen. Ebenfalls als Bewohner des Schlosses kann eine liebenswerte Vogelscheuche  gezählt werden, die unweigerlich an "Der Zauberer von Oz" erinnert. 

Statt sich nun aber einfach in einer Liebesgeschichte zu ergehen stehen andere Dinge im Vordergrund. Der sich ausbreitende Krieg wird weitflächig thematisiert und nimmt nach und nach mehr Platz innerhalb der Erzählung ein. Nun spielt der Film in einer fiktiven Welt, doch die Anleihen an vergangene Kriege unserer Welt sind nicht zu übersehen. Brisant ist ebenfalls, dass der Film erschien als der Irakkrieg tobte, doch was hier erzählt wird lässt sich prinzipiell auf jeden Krieg anwenden. Auffällig ist, dass keinerlei Szenen zu sehen sind, in denen jemand stirbt. Wir beobachten Hauro, wie er ins Gefecht fliegt, doch wir sehen ihn niemals töten. Dies gilt auch für alle anderen Kämpfe. Zwar werden nach und nach immer mehr Städte zerstört, und das sich ausbreitende Feuer sorgt für Unbehagen beim Zuschauer, doch die Bewohner scheinen jeweils zu entkommen. Hauro versucht den Konflikt so friedlich wie möglich zu lösen, durch Sabotage und Verwirrung.

Auch hier bieten sich zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten an. So werden beispielsweise die Zivilisten vom Bombenhagel heimgesucht während sie ungeschützt sind, die königlichen Paläste werden jedoch durch starke Magie geschützt. In vielen Szenen spricht "Das wandelnde Schloss" sich konkret gegen Kriege aus, ohne sich dabei aufzudrängen. Hier zeigt sich, wie effektiv der Film sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gemacht ist. Als Kind wird man sich vermutlich zu Beginn des Films nichts Schlimmes denken wenn Sophie von den beiden Soldaten angesprochen wird. Als Erwachsener weiß man, wo die wirklichen Absichten der beiden liegen. Diese Zweigleisigkeit funktioniert über weite Strecken des Films, erst gegen Ende hin verliert sie sich ein wenig im Sand. So erfährt man nicht, wieso es eigentlich Krieg gibt, die Geschichten fallen am Ende gemeinsam in ein eher unübersichtliches Durcheinander. Doch die Figuren sind da und tragen den Film gemeinsam auf ihren Schultern ins Ziel. Letzten Endes sind es, wie schon bei "Prinzessin Mononoke", zwei Hälften eines Ganzen, die zueinander finden und sich ergänzen. Das entbehrt nicht einer gewissen Tragik, denn es sind die menschlichen Momente, die Hauro seiner Menschlichkeit berauben. Dazu ist niemand hier ein typischer Held, und alle sind irgendwie auf der Flucht vor sich selbst. Das wäre an sich nicht sonderlich sympathisch, doch die Tatsache dass sie alle in ihrer Unsicherheit im Schloss zusammenfinden und sich dann entscheiden, es von nun an anders anzugehen hat etwas Befreiendes an sich. 
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Fazit: "Das wandelnde Schloss" ist vielleicht nicht ganz so komplex und gleichzeitig subtil wie die bisherigen Filme von Hayao Miyazaki. Die Geschichte hat weniger Zeit sich zu entfalten, die Figuren sind in vielerlei Hinsicht erwachsener als es in den anderen Filmen der Fall ist. Und trotzdem ist er visuell betörend, hat spannende Haupt- und vor allem Nebenfiguren, ergeht sich nicht in langweiligen Gut-Böse Schemen und stellt die Menschlichkeit in den Vordergrund. Abgerundet durch einen erneut zauberhaften Soundtrack von Joe Hisaiashi lädt auch "Das wandelnde Schloss" zum nachdenklichen Träumen ein. Vielleicht nicht der allerbeste Film des Studio Ghibli, aber ein durch und durch charmantes Abenteuer mit dem Herzen am rechten Fleck.


Infos zum Film

Originaltitel: Hauro no ugoku shiro
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 120 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Takuya Kimura, Tatsuya Gashuin, Chieko Baishô, u.a. Deutsche Stimmen: Robert Stadlober, Gerald Schaale, Sunnyi Melles u.a.

Trailer


Media Monday #224


So, diese Woche bin ich auch wieder beim Media Monday von Wulf mit dabei. Und das sogar pünktlich am Montag. Eigentlich wollt ich ja gestern Abend schon, aber dann kam mir spontan was dazwischen. Ansonsten war ich am Wochenende schwer beschäftigt mit meiner #Horrorctober Special Reihe. Nachdem am ersten Oktober-Wochenende die klischeehafte Rolle der Frau im Horrorfilm dran war wurde es diese Woche arg polemisch, ich hab mir nämlich die Frage gestellt ob der Horrorfilm am Ende ist. Und weil ich grad drin war im Thema ist das Special für die kommende Woche auch schon halb fertig. Macht schon Spaß sich mit dem Thema mal so richtig auseinander zu setzen. Ansonsten freu ich mich, denn am Ende der Woche geht es zurück nach Deutschland, mal die Familie besuchen. So wie ich mich kenne werd ich das Land dann wieder mit einem Koffer voller Blu-rays verlassen :D Aber nun erstmal die sieben neuen Fragen:

1. "Das Silmarillion" von Tolkien gilt meines Erachtens völlig zurecht als unverfilmbar, schließlich ist es die komplette Erschaffungsgeschichte von Mittelerde, inklusive diverser Gottheiten und zahlreichen, sehr komplexen Geschichten. Mir fällt beim besten Willen niemand ein der das so umsetzen könnte, und Peter Jackson hat spätestens mit dem letzten Teil der "Hobbit"-Reihe in meinen Augen das Sorgerecht für Mittelerde verloren.

2. Eine der unlustigsten Komödien, die ich so in letzter Zeit gesehen habe fällt mir jetzt so gar nicht ein. Die letzte Komödie war "Tucker and Dale vs. Evil", der war ok. Aber so richtig lustig fand ich den nicht, und das man da am Ende auch wieder auf mehr als ausgetretenen Pfaden wandeln musste fand ich doof. "Pixels" war auch ganz schlimm, aber ich bemühe mich redlich, den aus meinem Gedächtnis zu verbannen. 

3. Zeitreisen ist eines dieser klassischen Science-Fiction-Themen, die mir momentan wöchentlich begegnen weil "Doctor Who" wieder läuft. Ich muss aber gestehen dass ich bisher mit der neuen Staffel noch nicht warm geworden bin.

4. Die Geschichte um Marceline aus "Adventure Time" hat mich emotional tief berührt, weil ich mich doch sehr in ihr wiedererkenne. Ich freu mich deswegen enorm dass sie bald eine eigene, kleine Miniserie bekommt, denn sie ist meine absolut liebste Figur aus der Serie. 
Selbstgemalt, Marceline © Cartoon Network ;)

5. Ich muss ja gestehen, dass ich viele Dinge nie so richtig verstanden habe, denn manchmal ist es mir wirklich ein Rätsel was die Menschen so antreibt. Vor 2 Tagen fragte ich mich beispielsweise was junge Männer Anfang 20 dazu bewegt herumzulaufen wie ihr eigener Großvater. Inklusive riesiger Hornbrille und grober Strickjacke. Ich mein, jeder so wie er will, aber man wundert sicht...

6. Das "Neo Magazin Royale" gucke ich mir immer mal wieder ganz gerne an, einfach weil ich den blassen dünnen Jungen voll gerne mag, auch wenn er kein Longboard fahren kann.

Das nenn ich mal kreativ! © Universum
7. Zuletzt habe ich mich mit meinem Schatz und unserem (naja ok, meinem) Totoro-Plüschtier eingekuschelt und "Das wandelnde Schloss" und "Chihiros Reise ins Zauberland" geschaut und das war ein ganz wundervoller Abend , weil auch meine Ghiblifilme Nummer 3 und 4 nur so vor Magie und Ideenreichtum strotzen. Ehrlich, ich werde mir nie wieder mit ruhigem Gewissen einen Disneyfilm ansehen können. Was beispielsweise bei Chihiro in 2 Stunden alles abgeht würde doch so keinem anderen Filmemacher in den Kopf kommen. Ich freu mich jetzt noch mehr auf weitere Filme. Auch wenn "Das wandelnde Schloss" gewöhnungsbedürftig war, denn wir haben mit englischer Tonspur geschaut, und da wird Hauro von Christian Bale gesprochen. Spätestens wenn sinngemäß gesagt wird "es macht keinen Sinn zu leben wenn ich nicht schön sein kann" hatte ich zwischendurch immer Patrick Bateman im Kopf. 

Media Monday #219


Neuer Montag, neuer Start in die Woche, neues Glück würd ich mal sagen. Wie gehabt starte auch ich mit den sieben neuen Fragen vom Medienjournal.

1. Sollte ich jemals Opfer eines Verbrechens werden, würde ich mir wünschen, dass Castle mit dem Fall betraut wird, schließlich könnte ich den selbst nach meinem Ableben als Poltergeist noch heimsuchen. Huuuuuuh!
Würde ich als Geist heimsuchen: Castle © ABC
2. Nachdem David Duchovny die Serie "Akte X" (aus welchem Grund und wie auch immer) verlassen hatte war das ganze einfach nur noch sinnlos. Nicht dass ich Gillian Anderson nicht anbeten würde, aber irgendwie... nee, das war nicht gut. Ich hab dementsprechend hohe Erwartungen an die bald kommende Fortsetzung mit den beiden.

3. ____ war regelrecht verstörend, denn ____ . Mir fällt nix ein. Ich informier mich immer wenigstens ein bisschen und konnte bisher immer noch abschätzen ob ich einen Film wirklich sehen will. Was mich allerdings momentan außerhalb der schönen Filmwelt verstört sind die ganzen Vollidioten die nix besseres zu tun haben als gegen Flüchtlinge zu hetzen. Möge sie der Blitz beim scheissen treffen.

4. "A Song of Ice and Fire" als eine dieser viel gepriesenen Bücher-Reihen gefiel mir beim ersten Mal so gar nicht. Da war ich 17 und mein damaliger Freund schwärmte mir von den Büchern vor. Ich begann zu lesen und war massiv angewidert. Alle paar Seiten wird jemand ermordet und/oder vergewaltigt. Erst als die Serie anlief und mich ziemlich begeisterte gab ich auch den Büchern eine Chance. Und der Funke sprang endlich über. Auch wenn ich jetzt meine Zeit damit verbringe auf das neue Buch zu warten...

5. Für mich persönlich ist derzeit insbesondere Netflix Garant für allerbeste Serienunterhaltung, schließlich läuft dort "House of Cards", "Sense8" , "Daredevil" und ganz aktuell "Narcos". Hab ich zwar erst angefangen, aber verdammt, das ist spannend.

6. Michael Fassbender lässt sich nur schwierig in eine Schublade stecken, immerhin spielt der Mann einfach alles. Immer. Und er ist immer grandios. Drama, Western, Komödie, Action... auf den Film in dem er mich nicht überzeugt warte ich vermutlich noch viele Jahre.
Putzige, knuffige Totoros. Und Minimenschen © Universum Film
7. Zuletzt habe ich mit "Mein Nachbar Totoro" und "Prinzessin Mononoke" den Wiedereinstieg in die Werke von Studio Ghibli gewagt und das war eine richtig abenteuerliche Reise , weil die Filme nicht unterschiedlicher sein könnten von der Geschichte her, beide mich aber dermaßen fasziniert haben dass ich jetzt ganz dringend noch viele weitere Filme sehen muss. Richtig zauberhaft. Ich hab außerdem das Gefühl dass hier in Zukunft mehr Merchandise einziehen wird. Mein aufrichtiger Dank geht an meinen Freund, der das Zusammenleben mit einem Fangirl meisterhaft absolviert und mitmacht wo es nur geht :D 

Filmkritik: Prinzessin Mononoke

© Universum Film GmbH
2,4 Milliarden Yen, soviel hat "Prinzessin Mononoke" damals gekostet. Rechnet man das in Dollar um sieht man sich einem Budget von knapp 23 Millionen gegenüber. Doch der Film, an dem 16 Jahre lang gearbeitet wurde hat sich gelohnt. 18,6 Milliarden Yen spielt er in Japan wieder ein (mehr als beispielsweise "Titanic"), man wird auch im Ausland auf die Filmperle aufmerksam. Auch in Deutschland erfolgte ein Kinostart im Jahr 2001, allerdings waren  landesweit nur knapp 35 Kopien im Umlauf. Nicht einmal 100.000 Zuschauer strömten ins Kino um den größtenteils handgemalten Film (Computereffekte wurden nur eingesetzt um Übergänge fließender zu gestalten) zu bewundern. Eine anständige Veröffentlichung für das Heimkino erfolgte 2006, und 2014 erschien der Film dann hierzulande erstmalig auf Blu-ray. Als einer der wenigen Filme des Studio Ghibli mit einer FSK 12 Freigabe zeigt "Prinzessin Mononoke" einen erstaunlich vorurteilsfreien Blick auf das Zusammenleben von Mensch und Natur. Dafür hagelte es sowohl positive Kritiken als auch haufenweise Auszeichnungen. Höchste Zeit also, den Film genauer unter die Lupe zu nehmen.


Story: Japan im frühen Mittelalter. Der junge Krieger Ashitaka tötet in Notwehr einen dämonischen Eber und wird darauf mit einem Fluch belegt. Auf der Suche nach Heilung durchstreift Ashitaka das Land und stößt schließlich auf die von Wölfen großgezogene Kriegerin San. Vor langer, langer Zeit, als Japan noch von Göttern regiert wurde, lebte in einem riesigen Wald die wilde Prinzessin Mononoke bei den Wölfen. Doch das friedliche Miteinander von Mensch und Tier ist bedroht: Immer weiter frisst sich die Zivilisation in die Natur hinein. Erstmals werden Waffen aus Eisen geschmiedet, Gewehre, deren Kugeln bereits den Panzer einer Samurai-Rüstung durchschlagen können. Nun wollen die Menschen die alte Ordnung endgültig umstürzen und machen Jagd auf den mächtigen Waldgott. Die Tiere aber wollen sich nicht kampflos ergeben und sammeln sich zu einer letzten großen Schlacht. Mitten hinein in diesen tödlichen Konflikt gerät der junge Krieger Ashitaka. Er und Mononoke finden sich zwischen den Fronten wieder - und nur in ihren Händen liegt die Macht, die drohende Katastrophe abzuwenden …
© Universum Film GmbH
Kritik: Zimperlich geht es hier nicht zu. Bereits in den ersten Minuten kämpft Ashitaka gegen einen monströsen Eber. Sein alles überwältigender Hass betäubt das Tier emotional, der Hass manifestiert sich im tropfenden Schleim und madenähnlichen Schlieren. Der Prinz gewinnt den Kampf, doch fortan lastet ein Fluch auf ihm. Sein Arm wird von einem seltsamen Muster verziert, immer wieder bricht er in unkontrollierbare Krämpfe aus. Helfen kann ihm nur der Waldgott, also bricht Ashitaka auf zu neuen Ufern. 

Der Konflikt, in den er folglich hineingezogen wird, ist universell. In einer Stadt mühen sich die Menschen ab. Unter der Leitung der eigenwilligen Lady Eboshi, die zahlreiche Frauen aufnimmt um sie vor dem Schicksal im Bordell zu bewahren und Leprakranken eine Chance gibt ihren Teil zur Gesellschaft beizutragen, wird hier am Rande der Zivilisation nach Erz gesucht. Der Kaiser ist weit entfernt, und der Umbruch zur Industrialisierung hin ist nicht aufzuhalten. So recht will sich das Dorf unter ihrer Leitung dann auch nicht einfügen. Das Matriarchat regiert hier, und zunächst scheint es als würde es mit eiserner Hand gegen die Natur vorgehen. Es sind elementare Themen, die an diesem kleinen Dorf vorgeführt werden. Die Entwicklung einer Gesellschaft in der alle einen Platz finden können, der Umgang mit Fortschritt: Themen, die niemals an Aktualität verlieren, die auch heute noch präsent sind.

Doch so einfach ist es natürlich nicht. Auf der Gegenseite stehen die tierischen Götter und ihr Gefolge, welches den Wald bevölkert. Sture Wildschweine, majestätische und weise Wölfe sind hier zu finden. Und bei den Wölfen lebt San, ein verwildertes Mädchen welches die Menschen zutiefst verabscheut. Ihre Welt gerät aus den Fugen als Ashitaka den Wald betritt und sich schnell als Vermittler zwischen den verhärteten Fronten findet. Die animalischen Götter wollen ihr Reich natürlich nicht aufgeben und bekämpfen die Menschen. Beide Seiten fahren unentwegt Verluste ein, Deeskalation wäre dringend notwendig. Man bedient sich alter Legenden um die verfeindete Stimmung anzuheizen. Und so werden zahlreiche Spannungsfelder erschaffen, in denen sich die weitere Handlung abspielt. Mensch gegen Natur, Tradition gegen Fortschritt, Frau gegen Mann, und sie alle greifen ineinander über.
© Universum Film GmbH
Was sich als langweilige Variante der immer gleichen Geschichte hätte entwickeln können wird in den fähigen Händen von Hayao Miyazaki zu einer mitreißenden und vielschichtigen Angelegenheit. Keine einzige Figur bleibt eindimensional, und nach der strikten Unterteilung in Gut und Böse kann man lange suchen. Sicher, die Situation eskaliert, doch einen Schuldigen ausmachen? Dürfte hier schwer werden. Die einen Menschen sind gierig, kommen aber auch nicht sonderlich sympathisch rüber. Die anderen wollen das Beste für ihre Gemeinschaft, wer will das nicht? Und auf der anderen Seite steht die wunderschöne und noch unberührte Natur, die von teilweise recht kriegerischen und auch extrem sturen und stolzen Tieren bevölkert wird. Kommt es zum Konflikt wird auch auf explizite Darstellung von Brutalitäten nicht verzichtet und diverse Körperteile gehen in hohem Bogen verloren. Und jedes einzelne Mal sitzt der Schreck darüber tief, tiefer als man zunächst annehmen würde. Als Zuschauer sind wir ganz andere Brutalitäten gewohnt, doch hier nimmt jeder Pfeil der sein Ziel trifft mit. Unweigerlich wird man in das Geschehen hineingezogen, fiebert mit obwohl man sich nur schwer für eine Seite entscheiden kann. Die Figuren tun Schlechtes, aber die Beweggründe sind nachvollziehbar und entziehen sich somit wenigstens anteilig einer Bewertung von außen. Das Bedürfnis nach einem Kompromiss wird unerträglich hoch, einfach weil man mit jeder Fraktion mitfiebern kann.

Erzählt wird all dies in Bildern, die als Standbild in jedem großen Kunstmuseum dieser Welt unterkommen könnten. Prächtige, intensive Farben untermalen den Konflikt, dessen Lösung im Zugehen aufeinander liegen würde. Die Welt innerhalb des Films ist unglaublich lebendig, bevölkert von faszinierenden Wesen. Doch der Fokus liegt nie auf ihnen, und man sieht sich dementsprechend an keinem Bild jemals satt. Hervorzuheben ist hier auch die Detailgenauigkeit in der Bewegung der Figuren. Dazu gesellen sich Landschaftsaufnahmen, die das Prädikat "episch" bei aller Überstrapazierung des Wortes wirklich verdient haben. Der verträumte, aber auch dramatische Soundtrack von Joe Hisaishi umspielt das Geschehen und lädt durchaus auch zum Träumen ein.
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Fazit: "Prinzessin Mononoke" lässt sich Zeit mit dem Aufbau und der Einführung der Figuren. Strikt darauf bedacht keine Partei zu ergreifen präsentiert Hayao Miyazaki ein Epos, welches seinesgleichen sucht. Visuell atemberaubend gestaltet wird der Zuschauer auf eine Reise mitgenommen, die er nicht ohne Veränderung durchmachen kann. Was am Ende bleibt und auch immer wieder vom Soundtrack unterstrichen wird ist die Hoffnung. Auf Linderung des Schmerzes, auf ein friedvolles Miteinander, eine Lösung für diesen ewig anhaltenden Konflikt. Auf wessen Seite man sich hier letztendlich schlagen will, oder ob man neutral bleibt? Das wird jedem selbst überlassen.

Infos zum Film

Originaltitel: Mononoke Hime
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: 12
Laufzeit: 134 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Yoji Matsuda, Yuriko Ishida, Yuko Tanaka u.a. Deutsche Stimmen: Alexander Brem, Stefanie von Lerchenfeld, Marietta Meade u.a.


Trailer: 


Filmkritik: Mein Nachbar Totoro

© Universum Film GmbH
Story: Der zweite Film aus dem berühmten Studio Ghibli dreht sich ganz um Familie, Natur und Kindheit. Der Mutter von Satsuke und ihrer kleinen Schwester Mei geht es nicht besonders gut, weshalb man in diesem Jahr den Sommer auf dem Land verbringt, ganz in der Nähe jener Klinik, wo die Mutter liegt. Dort hat der Vater, von Beruf her Archäologe, ein kleines Haus mit großem Garten gemietet, wo er schreiben kann und die Kinder Platz haben zum toben. Was keiner ahnt: Das Haus wird von schüchternen, geradezu schreckhaften Aschegeistern heimgesucht. Doch damit nicht genug. Im Wald, der sich nahtlos an den großen Garten anschließt scheinen mysteriöse Gestalten zu leben. Doch weder der Vater noch seine beiden Töchter haben Angst vor den Geistern, und schon bald lässt Totoro sich häufiger blicken. 
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Kritik: Mit "Mein Nachbar Totoro" begebe ich mich erst zum zweiten Mal auf Ghibli-Gebiet, der erste Ausflug erfolgte mit "Die letzten Glühwürmchen", und der hat mich mit seiner bedrückenden Thematik zunächst tatsächlich abgeschreckt. Doch dieser Totoro, der sah knuffig aus, und so schnappte ich mir den Film, nicht vorbereitet auf das was da folgen würde. Bemühe ich mich sonst immer um einen sachlichen Stil sehe ich hier keine andere Möglichkeit, als mal so richtig persönlich zu werden. Ich hoffe ihr bleibt trotzdem bis zum Ende. 

Als Kind hatte ich eigentlich immer irgendwie einen Wald in der Nähe meiner Wohnorte. Zuhause war es häufig mal stressig, und so verbrachte ich einen guten Teil meiner Kindheit draußen. Baute geheime Höhlen aus Ästen, folgte dem Lauf des kleinen Flusses, entdeckte Tiere und führte ausgiebige Selbstgespräche. Manchmal veränderten sich Dinge, wenn ich ein oder zwei Tage meinen geheimen Verstecken fernblieb, und für mich stand schnell fest: das müssen die Waldgeister sein. Ich machte mir meine eigene kleine Welt, in der die triste Außenwelt nichts zu suchen hatte. 

Und genau dieses Gefühl vermittelt "Totoro" von der ersten Minute an. Sobald die Familie ihr neues Haus betritt wird unbändig entdeckt, jede noch so verstecke Ecke wird erkundet. Schnell tauchen die kleinen Aschegeister auf, und man ist sich einen Moment lang unsicher ob die nun tatsächlich existieren oder sich eingebildet werden. Doch so schnell dieser Gedanke aufkam, so schnell verschwindet er auch wieder. Viel zu spannend ist die Entdeckungsreise. Nach und nach öffnet sich der Spielraum der Kinder, der Garten wird erkundet, nur vor dem Wald hält man noch ehrfürchtigen Abstand. 
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Doch dann taucht ein kleines Wesen auf, das sich zeitweise unsichtbar machen kann. Die kleine Mei folgt dem putzigen Tierchen, und ehe sie sich versieht führt der Weg durch das Unterholz und in das innerste der Wurzel eines gigantischen Baumes. Und dort schlummert Totoro. Gleichzeitig extrem niedlich und irgendwie auch ein bisschen bedrohlich entpuppt er sich als freundlicher Waldgeist, der nur von Kindern gesehen werden kann. Oft ist er im Film nicht zu sehen, doch wenn er auftaucht weiß er zu begeistern. Schön ist hier auch die Einstellung der Erwachsenen, welche die Kinder in ihrem Glauben an die übernatürlichen Wesen bekräftigen, auch wenn sie selbst nur noch Erinnerungen an ihre eigene Kindheit haben und Totoro selbst nicht richtig wahrnehmen können. Was ihnen bleibt ist der Wind, der durch das Reisfeld weht. 

Vordergründig sind es diese zauberhaften Momente, die den Film dominieren. Doch unter dem, was zunächst als Alltagsbeobachtung zweier Kinder durchgehen würde, liegt so viel mehr vergraben. Miyazaki legt allerdings keinen Wert darauf, die vielen Schichten mit Dialogen zu erläutern. Stattdessen wird der aufmerksame Zuschauer hier und da Hinweise finden. So erfährt man zwar, dass die Mutter im Krankenhaus liegt, doch was sie genau hat wird nicht benannt. Aber es bringt das Leben der restlichen Familie gehörig aus dem Konzept. Der Vater verschusselt Dinge, Mei sucht die Nähe ihrer Familie und Satsuke gibt sich alle Mühe, erwachsen zu sein und sich mit ihren Freundinnen abzulenken. Es ist mehr als die kleinen Mädchen ertragen sollten, doch auf dem Leid wird nie verharrt. Stattdessen fiebern die Mädchen der Genesung der Mutter entgegen. unerschütterlich optimistisch. Totoro wird zum Sinnbild für die eigene, kindliche und unschuldige Phantasie und zu einer Möglichkeit, dem Alltag zu entkommen.

Zum Ende hin gerät dann all dies in Gefahr. Mei rennt davon, will ihre Mutter im Krankenhaus besuchen. In ihren Armen trägt sie einen Maiskolben, denn die freundliche Nachbarin hat ihr erzählt dass ihre Mutter sicher gesund wird, wenn sie frisches Gemüse essen kann und mit Vitaminen versorgt wird. Die kindliche Idylle zerbricht, die Verzweiflung macht sich breit. Wer erinnert sich nicht daran wie hilflos man sich als Kind fühlt, wenn etwas mit den eigenen Eltern nicht in Ordnung ist? Wer hat nicht schon mal versucht ein krankes Familienmitglied mit einem selbstgemalten Bild, einem Strauß gepflückter Blumen oder ähnlichen kleinen, kindlichen Zaubereien zu heilen? Doch außerhalb des sicheren Gartens lauert eine andere Welt, und Mei verschwindet. Panik bricht im Dorf aus, und als ein kleiner Kinderschuh in einem Teich auftaucht scheint alles verloren. 
© Universum Film GmbH
Doch Totoro ist da, wenn man ihn braucht. Wenn man nur stark genug an ihn glaubt, wenn man gute und reine Absichten hat. Weil es für ihn einen Platz in unserer Welt gibt, auch wenn wir ihn nicht sehen können. Er ist da wenn der Wind weht, wenn es abends stürmisch ist und ein Gewitter aufzieht. Aber auch wenn die Sonne scheint. Riesengroß, aber mit kindlicher Naivität ausgestattet. Beinahe schon diebische Freude kommt auf, wenn Totoro im strömenden Regen entdeckt wie witzig Regentropfen klingen wenn sie auf den Regenschirm prasseln. So wird dem Schrecken des Alltags, sei es Krankheit, Armut oder Verlust, stets etwas Positives entgegengesetzt. Die Konfrontation wird somit erträglich gemacht, und das ist dem Film hoch anzurechnen. 

Obwohl "Mein Nachbar Totoro" schon beinahe 20 Jahre alt ist muss er sich nirgends verstecken. Wunderschön gezeichnet und mit lichtdurchfluteten Bildern nimmt Miyazaki uns auf eine Reise mit, von der man eigentlich nicht zurückkehren möchte. Auch der Soundtrack ist toll. Verspielt plätschert er dahin, und der Titelsong frisst sich unweigerlich in den Gehörgang und verschwindet so schnell nicht wieder von dort.

Fazit: Man sagt, dass Bilder mehr sagen als Worte es je könnten. "Mein Nachbar Totoro" bietet Bild für Bild überwältigende Schönheit und eine stimmige Mischung aus kindlicher Unschuld, Naivität und dem bitteren Ernst des Lebens. Die Natur und die Phantasie werden zu den größten Verbündeten welche die Kinder besitzen, und alle Erwachsenen respektieren dies. Groß und Klein dürften von dem plüschigen Totoro begeistert sein, der nicht umsonst zum Maskotten für Studio Ghibli wurde. Und während Kinder vermutlich vorrangig Spaß an der Entdeckungsreise der beiden Mädchen haben tut sich für den aufmerksamen größeren Zuschauer eine ganz andere Welt auf. Eine Reise zurück in die eigene Kindheit, aber auch eine Reise in eine ganz magische Welt, die direkt vor unserer Nase ist. Wir müssen nur genau hinschauen.

Infos zum Film


Originaltitel: Tonari no Totoro
Erscheinungsjahr: 1988
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 86 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Noriko Hidaka, Chika Sakamoto, Hitoshi Takagi u.a. Deutsche Stimmen: Marea Sedlmeier, Pauline Rümmelein, Gerhard Hilka 



Trailer: 


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