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Filmkritik: Horns

© Universal
Über die Verfilmung eines Buches zu reden, ohne das Buch dabei zu thematisieren und als Vergleichsmöglichkeit heranzuziehen ist beinahe unmöglich. In diesem Fall noch viel mehr, denn "Horns" gehört zu meinen liebsten Büchern der jüngeren Vergangenheit. Geschrieben von Joe Hill, der sich zunächst seine eigenen Sporen verdiente bevor er bekannt gab, dass niemand geringeres als Stephen King sein Vater ist, ist "Horns" oberflächlich betrachtet eine Horrorgeschichte. Doch darunter gibt es viel mehr zu entdecken, und bevor der Film nun besprochen wird kann ich wirklich jedem ans Herz legen, mal in das Buch reinzuschauen. Besonders Freunde des schwarzen Humors dürften auf ihre Kosten kommen. In den Händen von Alexandre Aja ist solches Material dann auch augenscheinlich in guten Händen, beweist er doch immer wieder ein ausgesprochen gutes Händchen für stimmigen Horror. So ist sein Remake "The Hills have Eyes" nach wie vor einer der effektivsten Horrorfilme der Neuzeit, in dem der Terror förmlich greifbar aus jeder Szene tropft. Man werfe nun noch Daniel Radcliffe mit in diesen illustren Kessel, der sich seit seiner Zeit als Harry Potter alle erdenkliche Mühe gibt, vielseitig zu sein, und heraus kommt dann eben "Horns". 

Story: Für Ig Parrish könnte es nicht viel schlechter laufen. Vor einem Jahr kam seine große Liebe, Merrin Williams, auf mysteriöse Weise ums Leben. Man fand sie im Wald unter dem Baumhaus, in dem das Paar viel Zeit verbrachte.Den Schädel hat man ihr eingeschlagen, vergewaltigt wurde sie auch. Da sie und Ig kurze Zeit vorher heftig stritten beschuldigt man ihn nun, und Ig versucht vergeblich, seine Unschuld zu beweisen. Nach einer durchzechten Nacht wacht er auf, und etwas ist ungewöhnlich: Ihm wachsen Hörner aus dem Schädel. Was sich zunächst anfühlt wie ein Fluch, wird schnell zum Segen als er merkt, dass die Hörner seine Mitmenschen zwingen, schonungslos die Wahrheit zu sagen. Kann er Merrins Mörder auf diesem Weg finden?
© Universal
Kritik: Auf den ersten Blick weiß "Horns" durchaus zu gefallen. Statt sich in tristen Grautönen zu ergehen wirken vor allem die Szenen im Wald sehr satt und farbhaltig. Juno Temples Figur Merrin wird zum ätherischen Wesen heraufstilisiert, dass durch die Vegetation tanzen darf, und Merrin und Ig haben ein paar durchaus schöne Momente zusammen. Dass hier mit Frederick Elmes ein absoluter Profi am Werk war ist in jeder Szene deutlich. Die Horrortöne sind auf ein Mindestmaß heruntergeschraubt, dafür gibt es eine gute Portion Nachbetrachtung einer beendeten Beziehung. Hier und da mischen sich Flashbacks in eine unbekümmerte Jugend mit ein. Und auf dem Papier klingt all das wie eine ansprechende Mischung.

Doch leider hapert es dann an der Umsetzung. Die einzelnen Teile des Baukastens wissen für sich durchaus zu überzeugen. Die zarte Coming-of-Age Geschichte erinnert in ihren besten Momentan an Genreklassiker wie "Stand by Me", auch die Drama-Elemente sitzen größtenteils und das Rätsel um das Ableben von Merrin hat durchaus Anleihen bei "Gone Girl", auch wenn beide Filme in etwa zeitgleich veröffentlicht wurden. Doch das Potential rund um die Kraft der Hörner wird unerfreulich verschenkt. Hier und da springt ein Lacher dabei herum, wenn genervte Mütter gestehen ihr schreiendes Kind am liebsten zurücklassen zu wollen oder Ärzte genervt von ihren Patienten sind. Und wenn Igs Eltern unter dem Einfluss der Hörner zugeben, wie sehr ihnen ihr Sohn zur Last fällt, dann reagiert man durchaus betroffen und fühlt mit Ig mit. Doch darüber hinaus wird das Potential verschenkt. Sicher, man wird mit einer eindrücklichen Eskalation eines Drogentrips zugedröhnt, doch spätestens mit dem Auftauchen von Heather Grahams Figur übernimmt die Lächerlichkeit. Hätte man sich an dieser Stelle mehr auf die tiefschwarzen Gedanken der vorbildlichen Bürger konzentriert hätte man mehr und interessanteres zu erzählen gehabt.

Und auch das Erzähltempo leidet. Egal, welcher Erzählstrang dem Zuschauer am besten gefällt, er kommt garantiert zu kurz. Die Idee, dass die Hörner die Mitmenschen nicht nur dazu bewegen ihre intimsten Gedanken mitzuteilen, sondern sie auch sehr offen für neue Vorschläge machen hätte das Potential gehabt, wirklichen Horror auf die Leinwand zu zaubern. Doch stattdessen klärt Ig nur den Mord an seiner Freundin auf. Sein restliches Gebaren, das Umarmen der neuen Fähigkeiten, widerspricht dann dem Einsetzen eben dieser. Einer richtigen, inneren Logik folgen die Filmhörner dann ebenfalls nicht. Das Flickwerk an verschiedenen Einflüssen sorgt außerdem dafür, dass sich vor allem die wenigen, visuell wirklich brutalen Szenen nicht ins Gesamtgebilde einfügen wollen. Zum Finale hin wird es dann je nach Einstellung entweder komplett lächerlich, oder man freut sich dass nun endlich nicht mehr hinter dem Berg gehalten wird mit dem Wahnsinn. Hier kommt es ganz auf den Zuschauer an. 
© Universal
Daniel Radcliffe macht dabei durchaus einen akzeptablen Job. Für mich persönlich ist es immer schwer die Erinnerung an Harry Potter vollständig abzulegen, doch Radcliffe gibt sich wirklich Mühe. Hier nimmt man ihm das Wechselbad der Gefühle zwischen Wut und Verzweiflung meistens ab, nur in manchen Szenen ist eine leichte Tendenz zum Overacting zu erkennen. Juno Temple hingegen wurde völlig verschenkt, sie ist nur in wenigen Flashbacks zu sehen. Joe Anderson, der momentan auch in der dritten Staffel von "Hannibal" mit an Bord ist, überzeugt als Igs Bruder, und David Morse zu sehen ist sowieso immer eine Freude. Abschließende Worte gehören dem Soundtrack, der mir ein bisschen zu offensichtlich daherkam. Da wird munter mit "Heroes" von David Bowie um sich geworfen wenn das Paar in Rückblenden auftaucht, Igs Transformation wird von Marilyn Mansons "Personal Jesus" begleitet und Rückblenden in die Kindheit der Protagonisten werden von "Where is my mind" von den Pixies untermalt. Es sind durchaus gute Songs, keine Frage. Doch ihr Einsetzen reisst allzu oft für einen kurzen Moment aus der Handlung, und mit fortschreitender Laufzeit beginnt genau das zu nerven.

Fazit: "Horns" bleibt leider hinter seinen eigenen Möglichkeiten doch sehr deutlich zurück. An den Darstellern liegt das nicht, die machen das beste aus ihrer Lage und überzeugen. Doch zu viele Köche verderben den Brei, und dies gilt auch für zu viele Arten von Geschichten, die man mit einem Film erzählen kann. So springt "Horns" munter von einem Genre ins nächste, und die einzelnen Versatzstücke sind auch durchaus gut erzählt. Doch als großes Ganzes überzeugt das weniger, einfach weil kaum etwas wirklich zusammenpasst. Besonder im Anbetracht der guten Vorlage tut das weh, denn das Potential, das wäre hier durchaus vorhanden gewesen. Schade drum, aber für einen netten Abend zuhause trotzdem gut zu gebrauchen.

Infos zum Film

Originaltitel: Horns

Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Horror, Thriller, Drama, Fantasy
FSK: 16
Laufzeit: 120 Minuten
Regie: Alexandre Aja
Drehbuch: Keith Bunin
Darsteller: Daniel Radcliffe, Juno Temple, Joe Anderson, Max Minghella, David Morse, James Remar, Kathleen Quinlan, Heather Graham


Trailer 

Media Monday #210


Der Asphalt hat sich am Wochenende in kochende Lava verwandelt, jede Bewegung war eine zuviel. Dementsprechend war das ein wenig produktives Wochenende, aber hey, geil dass ihr hier seid, denn: Das hier ist mein 200. Post! Yeaaaah! Ansonsten stecke ich so langsam in Urlaubsvorbereitungen und bin immernoch auf Jobsuche. Alles gar nicht so einfach, aber wenigstens ist man beschäftigt.

1. Der gewiefteste Verbrecher ist doch vermutlich derjenige, der sich nicht fassen lässt, oder? Ansonsten ist Moriarty immer eine gute, weil richtige Antwort. 

2. "Fargo" konnte mich als Serie vom ersten Moment an begeistern, weil die Stimmung aus dem Film perfekt eingefangen war. Weil Lorne Malvo eine der interessantesten Figuren im Fernsehen ist. Und weil mit Molly Solverson eine Frau mit am Start ist, die mich richtig begeistern konnte: nicht dumm, nicht nervig, gut geschrieben, klug und rundum toll.
© FX
3. Das Terminator-Franchise fing mit einem wunderbaren ersten Teil an, gipfelte mit T2 in einem meiner liebsten Filme überhaupt, und danach ging es irgendwie bergab. Auf den neuen hab ich nach der ganzen Kampagne im Vorfeld schonmal gar keine Lust. Erst kommt so ein liebloser erster Trailer. Dann kommt ein zweiter Trailer, der spoilt wie irre. Dann kommt das am miestesten gephotoshoppte Poster ever, auf dem Emilia Clarke auch noch vergrößerte Brüste hat. Der Spoiler aus dem Trailer prangt übrigens mitten auf dem Poster, damit auch ja niemand überrascht ist. Dann bekommt die ganze Chose eine FSK12. Dann regt der Regisseur sich über das Marketing auf. Und an den Kinokassen ist er grad auch nicht erfolgreich, und ich werde den Teufel tun mir so einen Schund im Kino anzusehen.

4. Diese Hitze lädt geradezu dazu ein, nix zu tun. Momentan sieht es so aus als würden die Urlaube in Belgrad und Madrid kühler werden als der Aufenthalt zuhause. Dabei gehör ich sowieso schon zur "alles über 25 Grad braucht kein Mensch"-Front. 

5. Mein Buchtipp für die heißen Tage ist irgendwas, was im Eis spielt. Lest "At the Mountains of Madness" von Lovecraft, es ist grandios. Suspense bis zum Anschlag, Horror ohne Ende und jeeeeeede Menge Eis. 

6. ____ war wohl eine der größten Überraschungen in ____ , schließlich ____ . Irgendwie impliziert die Frage, dass Leute ja sonst kein Talent haben und dann auffallen, wenn sie mal was richtig machen. Mittlerweile geht mir dieses "ahahaha Schauspieler/in XYZ ist ja sooo schlecht, nix kann der/die, nichtmal geil aussehen" echt derbe auf die Nerven. Wieso immer so negativ? Ich weiß, ich mach das manchmal selbst, aber schlechte Angewohnheiten muss man ja auch erstmal entdecken und dann muss man sie loswerden, und manchmal ist das gar nicht so einfach. Jedenfalls, ein bisschen weniger Häme täte so einigen Leuten ganz gut, ist ja auch furchtbar unanttraktiv :D

7. Zuletzt habe ich mich endlich mal an David Lynch rangetraut und "Lost Highway" gesehen und das war ziemlich trippy, weil ja, weil eben! Wer den Film kennt weiß vermutlich, was ich meine, und allen anderen könnte man das im Leben nicht so erklären dass es Sinn ergibt. Aber gefallen hat er mir, und zwar sehr, sehr gut! Hat auch neugierig auf mehr gemacht, mal schauen welchen Lynch ich mir dann als nächstes geb.
© Senator Filmverleih

Filmkritik: Inherent Vice

© Warner Bros. Pictures
So, heute fangen wir mit dem Review mal anders an, nämlich mit einem Erfahrungsbericht. Ab und an muss man sich auch mal etwas gönnen. Zum Beispiel einen schicken Ausflug in eine Institution, in der man auch Filme anschauen kann. Da ich mich momentan in Dublin befinde, lag also ein Ausflug in das Irish Film Institute, kurz IFI nahe. In London hatte ich schon die Freude, das British Film Institute, BFI, zu besuchen. In Dublin ist aber alles ein wenig persönlicher und kleiner. Hach, geheiligte Hallen. Mitten im Szeneviertel Temple Bar gelegen, grüßt eine alte, aber ehrwürdige Fassade. Innendrin kommt man an einem Shop vorbei, in dem Film um Film im Regal steht. Zu gerne hätte ich mich einmal durch das ganze Sortiment gewühlt, aber die Zeit fehlte. Vielleicht komm ich aber noch dazu. Im Institut selbst werden auch Filme gezeigt, eine schicke Mischung aus Irischem Film, Arthouse und auch ein bisschen Mainstream. Also, so weit Mainstream wie man Inherent Vice oder Birdman als Mainstream bezeichnen kann. Inherent Vice war für diesen Abend mein Film der Wahl. Zur Einstimmung gab es leckeres (und recht günstiges!) Essen aus dem Restaurant, und pünktlich um 18 Uhr ging der Saal auf. Innendrin erwarteten uns Zuschauer flauschige, samtig weiche und sehr rote Sitze. Ein bisschen abgenutzt wirkt es, aber irgendwie auch heimelig. Popcorn und andere Fressalien werden garnicht erst verkauft, Getränke kann man in Plastikbechern mit in den Saal nehmen. Ruhe war also garantiert. Beinfreiheit ist zwar nicht so gegeben, jedenfalls wenn man über 1,80 groß ist, aber egal. Pünktlich ging dann auch der Film los, und über den berichte ich dann jetzt. 

Bücher von Thomas Pynchon galten bisher aus diversen Gründen als unverfilmbar. Wie gut, dass Paul T. Anderson auf diesem Planeten verweilt, denn der hat sich jetzt der Sache angenommen und präsentiert uns die erste Verfilmung eines Pynchon-Werkes. Klären wir doch zunächst mal, worum es eigentlich geht. 
© Warner Bros. Pictures
Larry "Doc" Sportello lebt in den irgendwie entspannten, aber dann doch nicht ganz so entspannten 70ern. Eigentlich ist er Privatdetektiv, hauptberuflich ist er aber lieber high. Eines Tages steht Shasta Fay Hepworth, seine Exfreundin, in seinem Wohnzimmer. Erzählt ihm, dass ihr aktueller Freund, der ziemlich reiche und ziemlich bekannte Bauunternehmer Mickey Wolfman, von seiner Frau und ihrem Geliebten in eine Irrenanstalt eingewiesen werden soll. Shasta findet das garnicht gut und bittet Doc um Hilfe. Der kann unmöglich nein sagen, eigentlich kann er garnicht so viel sagen. Er nimmt sich des Falles an, doch dann verschwindet auch Shasta. Als er neben einer Leiche aufwacht, ist nicht nur sein spezieller Freund, ein Cop namens "Bigfoot", auf ihn aufmerksam geworden, auch andere Leute wenden sich mit scheinbar anderen Fällen an ihn. Doch je mehr Doc ermittelt, desto verworrener wird die ganze Angelegenheit, wenn du verstehst was ich sagen will...

Klingt ein wenig ziellos, wenn man sich das so durchliest, oder? Ist es auch. Wer gerne Filme sieht, die von vorne bis hinten anständig strukturiert sind, in denen jederzeit klar ist was eigentlich grad abgeht, und in denen man am Ende weiß, was zur Hölle da eben passiert ist, der wird hier wohl nicht glücklich werden. Wer sich aber auch mal treiben lassen kann, nach einem Nachmittag an dem man nur irgendwo rumgesessen hat um die Leute zu beobachten wunschlos glücklich ist, der könnte diesen Film mögen. Im Vorfeld drängte sich oft der Vergleich zu dem Cohen-Meisterwerk "The Big Lebowski" auf, das würde ich so nicht unbedingt unterschreiben. Inherent Vice ist zwar auch ein Stonerfilm, aber irgendwie dann doch anders. Die 70er, das hat schon schon Hunter S. Thompson vorausgesagt, sind nicht so unbeschwert wie die späten 60er. Manson ist allgegenwärtig, die positive  Stimmung durchzogenmit Angst und Paranoia. In der Schule hat mein Mathelehrer immer versucht, dafür zu sorgen dass alle das richtige Ergebnis kriegen, natürlich nur mit der Methode, die er zuvor beigebracht hat. Ich fand den Matheunterricht immer besonders schlimm, weil meine einzige Fähigkeit war, die Aufgaben anders zu lösen, als der Lehrer es wollte. Zum Ergebnis bin ich oft genug gekommen, nur eben nicht auf dem "richtigen" Weg, und noch lang nicht immer. Inherent Vice gefällt mir auch deshalb: Die Lösung ist doch am Ende völlig egal, wir sollten nicht so fixiert darauf sein sie andauernd zu finden. Völlig überbewertet, das ganze Zeug. 
© Warner Bros. Pictures
Inherent Vice als Film hat einiges an Ähnlichkeiten mit dem durchschnittlichen High, welches nach dem Genuss gewisser Pflanzen für gewöhnlich nicht allzu lang auf sich warten lässt. Manche Dinge machen plötzlich Sinn, andere sind egal. Manches wiederholt sich, manches ist neu, wird aber nicht aufgenommen. Andere Dinge weiß man eben schon, auch wenn sie vorher nie erklärt wurden. Die Prioritäten sind anders. Sogar der unvermeidliche Fressflash lässt nicht lang auf sich warten, wenn auch in anderer Form als zunächst gedacht. Aber ich hab gehört, man entwickelt grad eine Sorte, bei der man nach dem Konsum nicht das Bedürfnis hat, den ganzen Kühlschrank auf einmal zu leeren. Haltet die Augen offen, Leute.

Sortilege, die Erzählerin des Films, in der dritten Person, aber manchmal auch auf Docs Beifahrersitz (wenn da nicht grad Denis sitzt, der manchmal auch beim Ermitteln hilft), navigiert den Zuschauer mit Hilfe von Horoskopen, Planeten und Erinnerungen durch diesen Trip. Sie hilft irgendwie auch, mit den ganzen Leuten klarzukommen. Inherent Vice hat unfassbar viele Leute. Wer also, wie eingangs erwähnt, gerne Leute anschaut, der wird hier seine Freude haben. Josh Brolin als prinzipientreuer Cop Bigfoot, der sich ein zusätzliches Taschengeld mit Werbespots verdient, ist brilliant wie selten. Innere Zerrissenheit, Regeltreue, Unzufriedenheit, alles spiegelt sich in seinem Spiel wieder. Muss auch wirklich schlimm sein, wenn man so auf Regeln und Ordnung steht, und an jeder Ecke diese verdammten Hippies dabei sind, irgendwelche satanischen Kulte zu formen. Gefrorene Bananen mit Schokoüberzug werden niemals wieder so unschuldig auf mich wirken wie vor dem Film. Reese Witherspoon schaut mal kurz vorbei. Owen Wilson mit einem Saxophon und im ewigen Flüsterton gefangen beweist erneut, was er eigentlich kann. Und Martin Short bekommt von mir an dieser Stelle die Extratüte Paranoia für seine Version eines verrückten Zahnarztes (Ist er ein Zahnarzt?) auf Koks verliehen. Zwischendurch taucht noch Jena Malone auf, und ein Baby, dessen heroingeschädigten ersten Monate wohl besonders appetitlich waren. Teufelszeug aber auch. Katherine Waterston ist mir zuvor noch nie irgendwie aufgefallen, aber sie passt als Shasta perfekt in diesen Film. Verträumt, irgendwie unwirklich, nicht so wirklich greifbar. Ich bin gespannt, wann wir sie wiedersehen werden. Aber auch in allen weiteren Rollen ist der Film Top besetzt. Star der Show ist aber eindeutig Joaquin Phoenix. Unglaublich liebenswert taumelt er durch den Film, bestrebt, das Richtige zu tun. Leider ist er ein wenig zu verpeilt und zu gerne high, und so enden zahlreiche Unterhaltungen mit ihm in langem, bedeutungsschweren Schweigen. Er ist der Typ Mensch, der auf jeden Satz mit einem "right" antworten kann, und es ist einfach immer passend. Macht er auch ziemlich oft. Sein Notizbuch wäre eigentlich ein eigener Darsteller, macht sich aber auch in Joaquins Händen sehr, sehr gut mit all dieser Paranoia und dem spanischen Zeug. Oh, und hab ich erwähnt dass Benicio del Toro einen Anwalt für Marine-Recht spielt, der scheinbar auch ganz gerne mal drauf ist? Oh yeah, Baby.
© Warner Bros. Pictures
Robert Elswitt legt einen Mordsjob als Cinematographer hin. In keiner einzigen Filmsekunde hatte ich das Gefühl, es mit Kulissen zu tun zu haben. Sonnen- und nebeldurchzogene Strandbilder vermischen sich mit den Aufnahmen der Stadt, verschiedener Büros. Symmetrie spielt eine nicht unwichtige Rolle, man achte nur mal direkt auf die erste Einstellung. Inherent Vice ist Leute beobachten auf sehr, sehr schickem Niveau. Wer möchte, sollte die Augen offenhalten nach Bildern, die dem letzten Abendmahl ähneln und schicken Aufnahmen im Regen ohne irgendwelche Schnitte dazwischen. Passend dazu fügt sich die Musik ein. Sowohl die extra von Johnny Greenwood für den Film komponierten Stücke, die zum entspannen einladen und teilweise herrlich gegen den Strich gehen, als auch die für den Film ausgesuchten Musikstücke sind auf schräge Weise passend. Sicher, im Buch laufen noch ein paar mehr Charaktere rum und es ist alles noch ein wenig unübersichtlicher. Tut dem Film aber keinen Abbruch, weil genau die richtigen Figuren dann eben doch vorkommen. Tz, Änderungen von Büchern... Does it ever end? of course it does. It did. Paul T. Anderson hat ein liebevolles Händchen für seine Charaktere, die nur allzu oft in Gedanken, was-wäre-wenn-Spielchen und der Vergangenheit festhängen. Aber wer tut das denn, wenn auch nur manchmal, schon nicht? Doch untereinander verstehen sie sich, egal wie gegensätzlich sie auch sein mögen. Als Zuckerguss auf der ohnehin schon feinen Torte befindet sich dann ein wirklich seltsamer Humor. Aber am Ende, und das müssen wir uns vor Augen halten, geht es um den Respekt. Der muss stimmen. Und der stimmt hier. Auch wenn du erst gegen Ende hin merkst, dass du eigentlich einen ganz anderen Film gesehen hast, als du zu Beginn dachtest. Aber es wird Sinn machen. Oder auch nicht. Wer weiß das schon?


Infos zum Film
Originaltitel: Inherent Vice
Genre: Comedy, Drama, Stoner, Detektivstory
Laufzeit: 149 Minuten
FSK: 16
Regisseur: Paul T. Anderson
Darsteller: Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Katherin Waterston, Reese Witherspoon, Owen Wilson, Benicio del Toro, Martin Short, ein ganzer Haufen sehr cooler Leute

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