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Filmkritik: Sing Street

© Studiocanal GmbH Filmverleih
Story: Irland in den 1980er Jahren. Vor dem Hintergrund von Rezession und Arbeitslosigkeit wächst der jugendliche Conor in Dublin auf. Als Außenseiter in der Schule gebrandmarkt, flieht er in die Welt der Popmusik und träumt nebenbei von der unerreichbaren, schönen Raphina, die mit auffälligem Make-up, extravaganter Frisur und einer guten Portion eigener Meinungen und Träume bezaubert. Seine Idee: Er lädt Raphina ein, im Musikvideo seiner Band aufzutreten. Sein Problem: Er hat gar keine Band. Doch das hält ihn nicht auf, und er gründet mit ein paar Jungs aus der Schule kurzerhand seine eigene Gruppe und schreibt seine ersten Songs.

Kritik: Wohlfühlkino. Spätestens, seit in regelmäßigen Abständen völlig inhaltsloses Zeug (viel Romantik, bisschen Sexismus, bisschen Rassismus, unbekannte Darsteller und generischer Soundtrack sind das Grundrezept) in viel zu heller Belichtung den Kinomarkt überflutet, will man diesen Begriff eigentlich ja vermeiden. Wohlfühlkino scheint synonym zu sein für Inhaltsleere, und wer schaut sich schon gerne völlig inhaltsloses Zeug an? Also, außer mir, wenn es um irgendwelchen Low Budget Horror geht, versteht sich von selbst. "Sing Street" schickt sich an, dem in Mitleidenschaft gezogenen Begriff wieder zu einer Daseinsberechtigung zu verhelfen. Denn, und das kann man selten so festhalten, hier stimmt einfach Alles.
© Studiocanal GmbH Filmverleih
Das fängt bei den Darstellern an. Mit einer Mischung aus bekannten Gesichtern (Aidan Gillen aus "Game of Thrones", Maria Doyle Kennedy aus "The Tudors") und neuen Darstellern punktet "Sing Street". Besonders Ferdia Walsh-Peelo als Conor schafft es, den Film auf seinen noch jungen Schultern zu tragen. Und das in einer Debütrolle. Ferdia hat aber nicht nur tolle Ausstrahlung und eine vielseitige Mimik, sondern auch eine tolle, angenehme Stimme, wenn es ums singen geht. Ebenfalls toll geschrieben ist die Rolle von Conors älterem Bruder, gespielt von Jack Reynor. In den 80er lief es in Irland wirtschaftlich mal so gar nicht gut, und der Film nimmt sich viel Zeit, die Auswirkungen der finanziellen Krise auf der Familienebene aufzuzeigen. Jedes Familienmitglied geht anders mit der Situation um, alle Figuren bleiben aber nachvollziehbar. John Carney schafft es, jederzeit Ruhe in seiner Geschichte zu verankern, so kriegen emotionale Treffer den vollen Wirkungsfreiraum. "Sing Street" geht so in seinen kleinsten Momenten richtig ans Herz. Kinder der 80er werden außerdem eine Menge Freude an den herrlichen Retro-Eskapaden haben. Das damalige Wunder der ersten Musikvideos, der Stil verschiedener Bands, das Wochenendritual, bei dem alle gemeinsam "Top of the Pops" schauen, all dies sind Erinnerungen, die ab einem gewissen Alter der Zuschauer automatisch vorhanden sind, Erfahrungen, die beinahe jeder gemacht hat.
© Studiocanal GmbH Filmverleih
In erster Linie ist es aber ein Film für und über Träumer. Konfrontiert mit der harschen Außenwelt, in der die Mitschüler größtenteils mobbende Idioten und die Lehrer brutale Ignoranten sind, und in der die eigene Familie langsam, aber unaufhaltsam an sich selbst zerbricht, versucht Conor, auszusteigen. Und hier offenbart sich die größte Stärke des Films: er blickt nicht auf diese Figuren herab. Wie leicht ist es doch, sich über heranwachsende Teenager lustig zu machen. Wie oft hört man, wenn man aufwächst, dass man sich nicht so anstellen soll, dass der eigene Weltschmerz lächerlich ist? Viele scheinen zu vergessen, wie unsicher man sich damals fühlte, was für Träume man hatte. "Sing Street" nimmt seine jungen Figuren ernst, lässt ihnen Raum, sich zu entfalten. Da wird es dann auch möglich, eine Band zu starten ohne wirklich Ahnung von Musik zu haben. Oder das unerreichbare Mädchen anzuquatschen. Oder im toxischen Umfeld der Schule seinen eigenen Selbstfindungstrip durchzuziehen. Angeleitet von seinem älteren Bruder, der sich in seine Plattensammlung flüchtet, entdeckt Conor nach und nach prägende Bands, die ihm helfen, herauszufinden, wer er selbst ist. Musik wird in vielerlei Hinsicht zur Ausdrucksplattform, und die Szenen, in denen er gemeinsam mit einem anderen jungen Songs schreibt, sind einfach pure Schönheit. Das wunderbar umgesetzte Feeling eines Irlands, das sich tief in der Krise befindet und von seinen Einwohnern in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Scharen verlassen wird, verdient ebenfalls Lob. Wer kann, sollte hier ganz klar zur Originalversion greifen, dort wird stimmungsmäßig nochmal eine Schippe draufgelegt.
© Studiocanal GmbH Filmverleih
Doch auch Träume können scheitern, und so bleibt ein Anker zur Realität immer vorhanden. Die erste Liebe, Ablehnung, Probleme in der Schule, nicht ernstgenommen werden, die Ungewissheit die mit dem Erwachsenwerden zusammenhängt, all das sind Themen, die angeschnitten werden. Doch dem stehen Freundschaft und Vertrauen gegenüber, die Sicherheit, die einem Familie geben kann. Und die Gewissheit, dass Träume wahr werden können, wenn man sich nur im richtigen Moment traut, nach den Sternen zu greifen. Selten traf die Bezeichnung "richtig was fürs Herz" so zu wie auf diesen Film.

Fazit: "Sing Street" entpuppt sich als eine der Überraschungen des Jahres. Voller Liebe und Respekt für seine Figuren und ihre Träume, randvoll mit tollen Darstellern und einem Soundtrack, der sich mit seiner Mischung aus Eigenkompositionen und bekannten Songs ganz fest im Gehörgang einnistet. Wohlfühlkino, ganz so wie es sein sollte und eine klare Empfehlung für alle Träumer, Musikliebhaber und Irlandfans.  

Infos zum Film

Originaltitel: Sing Street
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Coming of Age, Drama, Musikfilm
FSK: 6
Laufzeit: 106 Minuten
Regie: John Carney
Drehbuch: John Carney
Darsteller: Ferdia Walsh-Peelo, Lucy Boynton, Aidan Gillen, Maria Doyle Kennedy, Jack Reynor u.a.

Trailer


Filmkritik: Chihiros Reise ins Zauberland

© Universum Film GmbH
In dieser Kritik schauen wir uns einen wahren Meilenstein der jüngeren Filmgeschichte an. "Chihiros Reise ins Zauberland" kann nämlich auf eine ganz und gar eindrucksvolle Geschichte zurückblicken. Nachdem es unter anderem auf der Berlinale 2002 einen Goldenen Bären gab, gelang dem Film von Hayao Miyazaki auch der Sieg bei den Oscars für den animierten Film. Wohlgemerkt ist es der erste Anime und der erste nicht-englischsprachige Animationsfilm, dem diese Ehre zuteilwurde. Außerdem warf Chihiro in Japan Titanic vom Box-Office-Thron und nahm 200 Millionen Dollar ein bevor er auch außerhalb von Japan im Kino lief. Sowohl finanziell als auch bei Kritikern und Awardverleihungen war Chihiro also ein enormer Erfolg. Wie bei vielen Ghibli-Filmen war im Vertrieb außerhalb von Japan Disney stark involviert, und es war der heutige Disney-Kreativchef John Lasseter, der gemeinsam mit einem großen Team von Miyazaki-Anhängern bei Disney den Film synchronisieren ließ. Aus der Zusammenarbeit entwickelte sich eine Art Freundschaft zwischen Lasseter und Miyazaki, die unter anderem Thema einer ganzen Dokumentation ist. Zeit also, sich den Film mal genauer anzusehen. 


Story: Die zehn Jahre alte Chihiro ist gar nicht begeistert, mit ihren Eltern von Tokio in einen kleinen Vorort umzuziehen und dabei alle ihre Freunde hinter sich zu lassen. Auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause verirrt sich die Familie und stößt dabei auf einen geheimnisvollen Tunnel. Sie wissen nicht, dass sich auf der anderen Seite des Tunnels die Zauberwelt Aburaya befindet - eine Welt, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Sie kommen in eine verlassene Stadt und finden ein leeres Restaurant, wo Chihiros Eltern sich gierig auf das Essen stürzen - und in Schweine verwandelt werden. Plötzlich erscheint ein geheimnisvoller Junge namens Haku, der Chihiro erklärt, dass es nur eine Möglichkeit gibt, ihre verzauberten Eltern zu retten: Sie muss in den Dienst der bösen Hexe Yubaba treten, die nicht nur die Zauberwelt von Aburaya beherrscht. Chihiro stellt sich dieser Herausforderung und macht sich auf eine Reise, auf der sie ungeahnten Mut, eine bisher nicht gekannte Willenskraft und Ausdauer beweisen muss.....
© Universum Film GmbH
Kritik: "Chihiros Reise ins Zauberland" erwischte mich auf völlig kaltem Fuß, denn ich wusste vorher nichts über die Handlung und den Inhalt. Also wurde ich kurzerhand in diese Welt hineingeworfen, und wie Chihiro musste auch ich mich erst einmal zurecht finden. Gleich zu Beginn fiel mir auf, wie rational Chihiro wirkt, und wie unvernünftig ihre Eltern eigentlich sind. Eine rare Angelegenheit, werden doch sonst immer die Kinder als die unvernünftigen portraitiert. Mit dieser Ausgangslage hatte der Film mich dann auch recht schnell um den Finger gewickelt, aber ich hatte ja keine Ahnung. Immer noch schwer von meiner disneygeprägten Kindheit geschädigt saß ich also 10, 15 Minuten lang hier und wartete auf die Katastrophe...

Die so natürlich nicht eintritt. Statt die Eltern brutal um die Ecke zu bringen wird ihre stark ausgeprägte Gier bestraft indem sie in Schweine verwandelt werden. Was sich aber, und das ist überraschend, so gar nicht ungerechtfertigt anfühlt, denn mal ehrlich: einfach so über fremdes Essen herfallen ist schrecklich unhöflich. Das lässt natürlich Chihiro mutterseelenallein und verängstigt zurück, doch am Ende handelt es sich auch hier um eine Coming of Age Geschichte, und so bricht das kleine Mädchen zu einer ganz persönlichen Reise auf. Und schon an dieser Stelle kam Freude auf, denn wenn ich eines mag, dann sind es Mädchen und Frauen, die sich nach einem Rückschlag aufraffen und allen Abenteuern und Gefahren trotzen. Und genau das macht Chihiro, begrenzt auf einen eigentlich sehr überschaubaren Raum, nämlich im Badehaus der Hexe Yubaba. 

Neben der Coming of Age Thematik finden sich hier auch zahlreiche andere Elemente, die in für Miyazakis Werken immer wieder durchschimmern, beispielsweise der Umweltaspekt, der durch den nahezu vergifteten und schrecklich stinkenden Besucher des Badehauses aufgegriffen wird. Besonders interessant ist bei Chihiro aber die auch in anderen Filmen vorkommende Zweiteilung zwischen kindgerechter Geschichte und Erzählung für Erwachsene. Oberflächlich betrachtet ist die Geschichte ja schnell erzählt: Chihiro muss sich nach einer Krise zusammenreißen und stark sein, wenn sie ihre Eltern wiedersehen will. Unterwegs findet sie ungewöhnliche Freunde, und am Ende wird natürlich alles gut. Doch unter diesem leicht bekömmlichen Dekor verbergen sich zahlreiche weitere Aspekte. Schält man die atemberaubenden und unfassbar detailreichen Bilder beiseite offenbart sich ein wahres Schatzkästchen. Das fängt schon damit an dass dem Kind die Zeit gegeben wird, zu trauern. Ihre Sorgen werden zumindest von einigen Bewohnern des Badehauses nicht einfach abgetan, und der reflektierte Umgang mit der Situation ermöglicht dem Mädchen, an der Lage zu wachsen.
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Für Chihiro steht im Badehaus, obwohl sie ihre Eltern retten will, sie selbst an erster Stelle. Nicht weil sie besonders egoistisch wäre, doch die Hexe Yubaba herrscht mit eiserner Hand über ihr Badehaus. Sie stiehlt ihren Mitarbeitern den Namen und ersetzt ihn durch einen simplen, nichtssagenden anderen. Nun gibt es viele Kulturen in denen die Besonderheit des eigenen Namens hervorgehoben wird, in denen es immer ein Zeichen von Macht ist wenn man den wahren Namen des Gegenübers kennt. Yubaba nimmt Chihiro und allen anderen Mitarbeitern Stück für Stück ihre Identität und lässt sie nach und nach vergessen wer sie sind. Auch optisch gleichen sich die Mitarbeiter, sind von der Bekleidung her nicht zu unterscheiden und auch die Statur ist ähnlich. Auch andere Probleme, die nicht nur am Arbeitsplatz auftreten können sind hier vorhanden. Chihiro erfährt Diskriminierung weil sie ein Mensch ist, die Frauen im Badehaus müssen sich widerliche Sprüche der Männer anhören. Es gibt nur Yubaba und das Wohl der Gäste, dem sich alle mehr oder weniger freiwillig verschreiben. No-Face mit seiner Maske und seiner Unfähigkeit sich zu artikulieren repräsentiert die unterste Stufe, denn der Zugang zum Badehaus ist ihm verwehrt und er trägt nicht einmal einen vereinfachten Namen. Kein Wunder will Yubaba ihm den Zugang verwehren, denn in seinem späteren Verhalten reflektieren sich all die unschönen Triebe und Wünsche, welche die anderen Besucher, die Arbeiter und die Besitzerin heimsuchen.

Diese Arbeiterthematik zieht sich bis in die Zugfahrt gegen Ende des Films hinein. Jeder, der schon einmal im Feierabendverkehr von der Arbeit nach Hause gependelt ist dürfte die leeren Gesichter kennen, die man in Bus und Bahn zu sehen bekommt. Wie die Geister im Film sind die meisten von ihnen gesichtslose Wesen die nachdenklich ins Nichts oder auf ihr Smartphone starren. In diesem Film wird diese Tristesse durch Chihiros Anwesenheit noch verstärkt, denn das alles fühlt sich für ein Kind einfach falsch an. Für Chihiro ist es ein Ausblick in eine unschöne Zukunft, für den erwachsenen Zuschauer ist es nur zu oft eine schmerzhafte Erinnerung an den eigenen Arbeitsalltag. Eigene Träume von dem Leben, welches man führen wollte, das nun aber in unerreichbarer Ferne liegt. Gedankenspiele nach dem Motto "was wäre wenn?", und man redet sich ein dass man, wie es in diesem Lied heißt, doch jederzeit die Sachen packen könnte und an Ferne Orte reisen kann. Aber am Ende bleibt man doch in seinem Alltag gefangen, freiwillig. Die Fahrt in die Nacht, die scheinbar ewig dauert ist extrem deprimierend und sie markiert den Abgang der Unschuld von der Bühne in den ruhigsten, umso mehr verstörenden Tönen. Es ist eine durch und durch beeindruckende Szene.
© Universum Film GmbH
Doch die Wiederherstellung der Unschuld lässt nicht auf sich warten. Die Rückreise auf Hakus Rücken, die Wiederentdeckung der Namen und somit auch das erneute aufkeimen der Unschuld werden durch den Fall symbolisiert, dem keiner der beiden mit Angst begegnet. Möglich dass die Kindheit irgendwann zu Ende geht, doch es ist niemals zu spät um ihr einen kurzen Besuch abzustatten, und es ist sicher nicht zu spät für Chihiro, den Weg zurück in die Unbeschwertheit zu finden. Hier kommt dann auch wieder das Thema der Identität ins Spiel, denn auch wenn sie sich an Haku erinnert, so ist die Erinnerung an sich selbst doch verblasst. Dies erklärt vielleicht auch ihre Reaktion auf die präsentierten Schweine, aus denen sie ihre Eltern heraussuchen soll. Da Chihiro sich aber nicht an ihr vorheriges Leben erinnern kann dürfte auch die Erinnerung an die Eltern fehlen. Es ist fraglich, inwieweit sie sich überhaupt an die Eltern erinnert, und eigentlich spielt es ja auch keine Rolle. Selbst wenn sie ihre Eltern nicht erkannt hätte, selbst wenn die Eltern anwesend gewesen wären, Chihiro hat eine gewisse Schwelle übertreten die ihr unbeschwertes altes Leben in gewisser Weise überflüssig gemacht hat. Sie wäre auch in Zukunft ohne ihre Eltern zurechtgekommen, so wie Haku, Lin und Kamaji eben auch irgendwie zurechtkommen. So wie wir alle irgendwie zurechtkommen. Der Trick ist, tief im inneren an der Person festzuhalten, die man als Kind war, während man durch das oftmals triste Dasein als Erwachsener navigiert.

Visuell ist das natürlich, wie gewohnt, absolute Spitzenklasse. Der Detailreichtum, die Vielzahl an skurrilen Figuren die scheinbar alle irgendwo in Miyazakis Kopf hausen und sich ab und an den Wegs auf das Papier bahnen, "Chihiros Reise ins Zauberland" kann man sich wieder und wieder anschauen, nur um auf Entdeckungsreise zu gehen. Das verwunschene Badehaus erinnert ein wenig an "Alice im Wunderland", nur noch ausschweifender. Da wird schnell mal eine Treppe ohne Geländer zu einer bedrohlichen Angelegenheit aus Kinderaugen, und selbst als Erwachsener ringt einem diese monströse Konstruktion Respekt ab. Einige Kreaturen, wie beispielsweise Kamaji mit seinen vielen, nach Bedarf unterschiedlich langen Armen kann man nur als verwunderlich bezeichnen. Jedes Mal wenn man davon ausgeht dass es nicht seltsamer werden kann kommt etwas Neues hinzu. Ein Schiff voller Geistermasken. Ein Zug, dessen Schienen unter Wasser liegen. Bis über den Bildrand hinaus ist das Zauberland bevölkert von Kreaturen, die einzigartig sind. Keine davon fühlt sich irgendwie geklaut oder ausgeliehen an. Das Badehaus präsentiert eine völlig abgeschlossene Welt in seinen vier Wänden, und das Innenleben scheint generell größer zu sein als die Außenhülle es vermuten lassen würde. Der Detailreichtum geht so weit, dass sich hunderte von Dingen im Haus finden lassen, die für die Geschichte völlig irrelevant sind. Aber sie sind da, machen das Haus lebendig und lassen einen wünschen, wenigstens für kurze Zeit auch auf Entdeckungstour gehen zu können. Die von satten Rottönen dominierte Farbpalette des Films ist unerschöpflich und komplettiert einen visuellen Stil, der mir bisher noch nie in dieser Form begegnet ist. Und weil all dies noch nicht reicht komponierte Joe Hisaishi erneut einen Soundtrack, dessen ruhige Töne allein dafür sorgen dass die Tränen fließen, während in aufregenden Momenten ein Gänsehautschauer den nächsten von den Zehen zum Scheitel und wieder zurück jagt.
© Universum Film GmbH
Fazit: Es ist immer so seltsam wenn man einen Film als perfekt bezeichnet. Doch wenn sich einer das verdient hat, dann "Chihiros Reise ins Zauberland". Mitreißend, tiefgründig, wunderschön animiert, versehen mit einem ergreifenden Soundtrack und so detailverliebt dass man ihn mehrmals hintereinander schauen kann und jedes Mal etwas Neues entdecken würde: Hayao Miyazaki ist mit diesem Werk etwas ganz, ganz Großes gelungen. Etwas, dessen vollen Umfang man so gar nicht in Worte fassen kann. 

Infos zum Film

Originaltitel: Sen to Chihiro no kamikakushi
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 125 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Rumi Hiiragi, Miyu Irino, Mari Natsuki,  Yumi Tamai u.a. Deutsche Stimmen: Sidonie von Krosigk, Tim Sander, Nina Hagen, Cosma Shiva Hagen u.a.

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Filmkritik: It Follows

 © Weltkino
Machen wir uns nichts vor, wir werden seit ein paar Jahren von schlechten und durchschnittlichen Horrorfilmen nach Schema F überflutet. Entweder gibt es Torture Porn im Stile von Saw 1 bis 836, oder wir kriegen die Jumpscares im Dutzend um die Ohren geworfen. Andere Herangehensweisen gibt es, doch sie sind selten. Zuletzt nahm sich beispielsweise "The Babadook" der Sache an, und unter der Regie von Jennifer Kent entstand ein Psychodrama mit Horrorelementen, dass es in sich hatte. Und nun steht Nachschub in den Startlöchern. Mit "It Follows" verfilmt David Robert Mitchell vor allem einen persönlichen Alptraum, doch neben einem der besten Horrorfilme der letzten Jahre serviert er, so ganz nebenbei, noch ein beeindruckendes Coming of Age Drama, welches die Schattenseiten des Erwachsenwerden so deutlich und unbeschönt darlegt wie es selten der Fall ist. Ihr merkt schon, ich fand den Film extrem gut. Findet nachfolgend heraus, wieso genau das so ist. 



 © Weltkino
Story: Eigentlich sollte es etwas besonderes werden: Die 19 Jahre alte Jay hat zum ersten Mal Sex mit ihrem Freund Hugh. Doch danach offenbart er ihr etwas schreckliches. Ein Fluch liegt auf ihm, und er hat diesen durch den Geschlechtsverkehr auf Jay übertragen. Ab sofort wird sie von einem für andere unsichtbaren Wesen verfolgt. Um es loszuwerden muss sie es ebenfalls durch Sex weitergeben. Ihre Freunde wollen ihr währenddessen bei der Flucht helfen. Doch gibt es überhaupt eine Möglichkeit, zu entkommen?

Kritik: Die Idee ist so genial wie sie einfach ist: etwas, dass für andere unsichtbar ist, verfolgt die Protagonistin auf Schritt und Tritt. Es ist langsam, aber es bleibt niemals stehen. Übertragen wird es durch Sex. Du kannst es nur sehen, wenn du selbst infiziert bist oder infiziert warst. Und es kann jede Gestalt annehmen, auch die von Personen, die du kennst und denen du vertraust. Entweder kriegt es dich, oder du gibst es vorher an eine andere Person weiter. So simpel wie das klingt, so effektiv ist es. Es sind ureigenste Ängste, die hier bedient werden, und das mit einer ungeahnten Effektivität. Der Suspense ist von der ersten Minute an greifbar, man könnte die Luft im Film mit einem Messer zerteilen. Dass während des ganzen Films beinahe ohne Jumpscares ausgekommen wird ist ebenfalls löblich. Natürlich hat die ganze Sache mit dem Wesen noch weitere Haken, aber die müssen selbst entdeckt werden.

Denn "It Follows" braucht dieses Geheische um die Nerven des Zuschauers nicht. Laut muss nich immer gruselig bedeuten, und wenn einem nicht andauernd etwas ins Gesicht springt, dann sind die wenigen Ausnahmen in denen dies doch passiert umso effektiver. Schaut man sich im japanischen Horrorfilm um, so wird schnell klar dass Dinge, die einfach auf die Kamera zulaufen völlig ausreichen um die Nerven in Anspannung zu bringen. Und David Robert Mitchell spielt auf diesen angespannten Nerven dann Geige: schräg, dissonant und verstörend. Jede Figur im Hintergrund verkommt zu einer potentiellen Bedrohung, nichts ist mehr sicher. Als Zuschauer kann man sich davon nicht loslösen, und so sucht man verzweifelt das Bild ab, versucht das Monster zu finden bevor es die Protagonistin erwischt.
 © Weltkino
Die Diversität, mit welcher die Kamera hier agiert ist mindestens mitreissend. Mal taucht etwas verschwommenes im Hintergrund auf, mal begleitet man die Protagonistin bei einem Spaziergang, der scheinbar ohne Schnitte auskommt. Mal dreht sich das Bild um sich selbst und der Schrecken kommt mit jeder Einstellung ein bisschen näher. Anhänger von John Carpenter's frühen Werken werden sich hier wohlfühlen, denn die Kamera suhlt sich geradezu in ihrer Funktion als Beobachter. Besonders zu Beginn, wenn wir als Zuschauer nicht sehen wovon das Mädchen verfolgt wird, aber sofort deutlich wird dass "etwas" hinter ihr her ist, wird der Effekt dieser Vorgehensweise deutlich: man ist mittendrin, ob man nun will oder nicht, man ist gezwungen mitzufiebern. Die sichere Umgebung, mit warmen Farben ausgeleuchtet, verliert zunehmend an Sicherheit, sie wird im Verlauf des Films kühl und wirkt beängstigend. Die ach so friedlichen Straßen, die schönen Häuser, sie sind nur Fassade für den Horror, der darunter lauert. Unterlegt wird diese Dekonstruktion der Vorstadt mit dem nervenzerfetzenden Soundtrack von Rich Vreeland, der hier eine wahre Symphonie der schrägen Töne heraufbeschwört. Detroit muss so oft als Stellvertreter für den bröckelnden Zerfall des American Dream herhalten, und auch hier verkommt die 8 Mile zum Sinnbild für den Übertritt in eine andere Welt.

Doch "It Follows" nur als reinen Horrorfilm zu betrachten würde ihm nicht gerecht werden. Denn es geht um so viel mehr. Coming of Age ist ein Thema, und so unglaublich es auch ist, aber: "It Follows" liefert ein recht akkurates Bild von Teenagern. Wir sind ja alle immer darin versucht, zu verstehen wie Teenager "funktionieren", wir wollen analysieren was sie mögen, was sie interessiert, wollen daraus relevante Aussagen ziehen, Werbung und Inhalte liefern um diese ach so mysteriöse Schicht der Gesellschaft noch irgendwie erreichen zu können. Den Teenagern in diesem Film ist all das egal. Sie leben ihr Leben, ein Tag vergeht, ein Tag mehr den man sich auf das Erwachsenenleben zubewegt hat ohne dass man dazu wirklich Lust hatte. Alle Figuren sind miteinander befreundet, weil man das eben so ist. Man hilft einander, weil...ja, weil man das für Freunde so macht. Wirklich große, emotionale Gesten finden nicht statt, doch die Verbundenheit liegt in der Tiefe. Das Leben als Teenager ist halbwegs sorgenfrei, und es ist im Begriff, Jay und ihren Freunden davonzurennen. Zu einem Schatten zu verkommen, der einen noch verfolgt, der aber niemals wirklich präsent ist. Maika Monroe verkörpert die ziellose und vom Etwas verfolgte junge Frau auf ergreifende Weise, mit ihr nicht mitzufühlen dürfte selbst einem Stein schwerfallen. Dies ist umso eindrucksvoller, als dass wir niemals wirklich in Jays Innerstes hineinblicken. Sie redet über ihre Erwartungen, erzählt ihren Freunden Dinge, doch als Zuschauer wird man auf Mindestabstand gehalten.
 © Weltkino
Wer nun erwartet hätte dass "It Follows" aufgrund seiner Prämisse zu einem Lehrstück über die Gefahren von Sex in jeder Form verkommt, der irrt ebenfalls. Sex beschäftigt die Teenager, ist etwas das ergründet werden muss. Etwas, bei dem die Erwartungen mit dem Ergebnis kollidieren. Doch auch wenn es primär der Auslöser für die Verfolgung durch ein übernatürliches Wesen ist, so fühlt es sich viel eher an, als wäre es der Verlust der Kindheit, der verblassende Schatten der Unbekümmertheit und die Ungewissheit über die eigene Zukunft, die Jay auf so erschreckende Art verfolgt.

Fazit:Undurchdringliche Atmosphäre trifft auf nervenzerfetzenden Soundtrack. "It Follows" macht keinen Hehl daraus, sich in Sachen Kinematografie und Erzählweise bei den Großmeistern zu bedienen. Und doch ist der Film wundervoll eigenständig und lädt auch zum mehrmaligen Anschauen ein. Für die Ersichtung dürfte die größte Aufgabe wohl sein, sich nicht zu sehr zu gruseln. Doch darunter befinden sich so zahlreiche andere Strömungen, die "It Follows" mal zu einem reinen Coming of Age Drama machen, mal Bodyhorror in Reinstform präsentieren und uns im nächsten Bild schon wieder etwas ganz Anderes präsentieren. Ein Befreiungsschlag für das eingeschlafene Mainstream-Horrorkino der letzten Jahre und ein uneingeschränkt empfehlenswertes Filmerlebnis.

Infos zum Film
Originaltitel: It Follows
Genre: Horror
FSK: 12
Laufzeit: 107 Minuten
Regie: David Robert Mitchell
Darsteller: Maika Monroe, Jake Weary, Lili Sepe, Debbie Williams, Keir Gilchrist, Olivia Luccardi
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