Posts mit dem Label Biopic werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Biopic werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Filmkritik: The Danish Girl

© Universal
Story: Es ist die, auf einer wahren Begebenheit beruhenden, Geschichte von Lili Elbe (Eddie Redmayne), die als Mann Einar Wegener mit Ehefrau Gerda (Alicia Vikander) ein bewegtes Künstlerleben im Kopenhagen der zwanziger Jahre führt. Als die anfangs noch erfolglose Malerin Gerda sie bittet, als weibliches Modell zu posieren, finden die daraus resultierenden Portraits einen ungemeinen Anklang. Es scheint, als ob Gerda endlich die Muse gefunden hat, die sie zu wahrer Meisterleistung inspiriert. Währenddessen entwickelt Lili eine ganz eigene Liebe, zu dieser anderen, neuen Seite an sich, eine Liebe zu der Frau, die sie sein möchte. Nach und nach wächst in Lili der unbändige Wunsch heran, vollständig und damit zukünftig auch körperlich als Frau zu leben… Doch was bedeutet dieser Schritt für ihr gemeinsames Leben, ihre Sehnsüchte und somit auch für ihre Ehe?
 
Kritik:  Tom Hooper hat ein Faible für Hochglanz, könnte man zumindest meinen wenn man seine letzten Werke ansieht. "The King's Speech" und "Les Misérables" beeindrucken durch ihre satte Optik, behandeln aber im Kern Geschichten, die auf das Simpelste heruntergebrochen wurden und dennoch den faden Glanz des gefälschten Epischen absondern. Ganz ähnlich verhält es sich mit "The Danish Girl", vermutlich Eddie Redmaynes nächstem Versuch einen Oscar mit der exakt gleichen Formel wie bei "Die Entdeckung der Unendlichkeit" zu ergattern. Doch hier läuft noch so vieles mehr falsch.

© Universal
Zunächst positiv hervorheben könnte man die wunderschöne Ausstattung des Films. Alles sieht aus wie ein Gemälde, die Kulissen sind detailreich ausgestattet, ein pastelliger Unterton ist allgegenwärtig. Doch das ist irreführend, und spätestens wenn Lili in einem Park angegriffen und zusammengeschlagen wird ist es Zuviel des Guten. Ein adrett drapiertes Fleckchen Blut vor leuchtender Kulisse ist symptomatisch für den Weichzeichner, der hier einfach über alles gelegt wird. Nichts wirkt real, alles ist distanziert, lässt keinerlei Nähe zu den Figuren oder Ereignissen zu. Man erfährt nichts über die Figuren außer dass sie beide Künstler sind, die Identitätskrise wird zum einzigen Charaktermerkmal für gleich zwei Hauptfiguren, alles andere verblasst daneben. Nehmen wir beispielsweise Gerda, Lilis Frau. Zu keinem Zeitpunkt wird im Film darauf eingegangen dass Gerda selbst lesbisch gewesen ist, ihre Spielereien mit Lili werden als genau dies transportiert: die Spielereien einer sehr aufgeschlossenen Frau. Dass beinahe jede einzelne Figur in diesem Film darüber hinaus vollstes Verständnis für Lili hat mutet ebenfalls eher wie sehnsuchtsvolles Wunschdenken denn als Realität an. Selbst heute noch sind die meisten Leute ablehnend gegenüber jeder Art sexueller Orientierung die von ihrer eigenen erdachten geistigen Norm abweicht, es ist unvorstellbar dass dies vor 100 Jahren anders gewesen sein soll, zu einer Zeit in der solch "geistige Krankheit" mit Bestrahlung und Lobotomie-ähnlichen Praktiken geheilt werden sollte.
 
© Universal
Auch die Intersexualität von Lili, die mit sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechtsteilen geboren wurde wird unter den Tisch gekehrt. Hier wird sie von vornherein als Mann portraitiert. Als Mann, der durch das kurzzeitige Tragen von Seidenstrümpfen und Unterkleidern erweckt wird und seine feminine Seite entdeckt. Diesen Eindruck vermittelt der Film und er geht diesen Weg so konsequent dass man sich unweigerlich Fragen stellen muss. Entsteht Lili als Reaktion auf die Gemälde von ihr? Handelt es sich um einen dieser Momente wo der Mensch zum Kunstwerk wird, welches er inspiriert hat? Oder ist Lili einfach so fasziniert von Frauen, dass der Wunsch stärker wird selbst eine zu sein? In endlosen gespiegelten Montagen entsteht dieser Eindruck: Szenen in denen Lili vor dem Spiegel steht, in denen sehnsuchtsvoll aus dem Fenster gestarrt wird, in denen eine Sexshow besucht wird und sie die Bewegungen der Darstellerin imitiert. Überhaupt wird Frau-sein zu oft auf die karikierte Bewegung heruntergebrochen, und oft scheint es als würden Frauenkleider und eine spezielle Haltung von Hand und Nacken ausreichen, alles sein was nötig ist für den Wandel. Die Trennung ist so deutlich und aus der Fluidität die in einem solchen Szenario herrscht, die generell in der Geschlechtersache vorhanden ist und immer mehr thematisiert wird eine strikte Binarität, in der man nur entweder oder sein kann. Einar Wegener oder Lili Elbe, niemals beides. Diese Trennung zementiert "The Danish Girl" so fest, dass es wirkt als läge ein akuter Fall von Schizophrenie vor, als seinen Einar und Lili zwei völlig unterschiedliche Personen. Die reale Lili Elbe sah dies ähnlich, und so ist es nur konsequent dass einer sterben muss damit die andere geboren werden kann. Doch auch hier scheitert der Film dann wieder, denn wenn Lili die Überhand gewinnt ist sie als Person so flach und ohne jede Form von Charaktereigenschaft dass es irritiert. Es wird oft beschrieben dass Transgender eine Art zweite Pubertät durchmachen, und in gewissen Zügen ist das auch hier erkennbar. Doch alles drumherum fehlt, und so verkommt Lili im Film zu einer blassen Projektion, zu einem Kunstwerk. Für jemandem, dem es so wichtig war als Mensch, als Individuum akzeptiert zu werden ist dieses Ergebnis, diese Darstellung ein Schlag in die Magengrube. 
 
So entschied man sich also für die massentauglichste Möglichkeit der Darstellung, bekräftigt durch den zuckergussartigen Soundtrack von Alexandre Desplat. Die Kulissen, oft im Weitwinkel aufgenommen wirken wie genau das: Kulissen, künstlich und als Schaubühne für die Darsteller. Das mag im vorgegeben Rahmen eines Filmes über Künstler irgendwie gerechtfertigt sein, fühlt sich aber trotzdem an wie ein billiger Trick. Alicia Vikander schafft es mit ihrer Figur Tiefe und dringend benötigte Menschlichkeit zu vermitteln, jedenfalls so viel wie nur möglich ist bei dem Drehbuch, das seine talentierten Darsteller so heftig im Regen stehen lässt. Eddie Redmayne, der mich in "Die Entdeckung der Unendlichkeit" noch zu begeistern vermochte grinst und stolziert durch "The Danish Girl" wie ein Mensch an der Grenze zum Wahnsinn. Wie bereits gesagt fehlt es an der dringend benötigten Motivation für Lilis Wandlung, und so ist dieser Film in erster Linie eine Wiederholung einer bekannten Geschichte: Ein Mann kämpft gegen etwas an, wird von seiner Frau unterstützt, ein Bekannter leistet seelischen Beistand. Nichts an diesem Werk ist innovativ, und während man noch argumentieren könnte dass man eventuell ins Nachdenken gerät wird das Herz hier in keinster Weise angesprochen. Die Figuren lassen einen, geschuldet der oberflächlichen Karikatur, völlig kalt. So entpuppt sich dann auch Vikanders Portrait der Gerda als Herzstück des Films, wenn vermutlich auch unfreiwillig. 
 
Fazit: "The Danish Girl" ist technisch einwandfrei inszeniert und klappert pflichtbewusst all die kleinen Kontrollkästchen ab, die ein großartiges Drama ausmachen. Doch der Funke springt nicht über, die Figuren sind flacher als ein Kinderplanschbecken und so etwas wie Handlungsmotive sucht man vergeblich. Hier wurde der glatteste und zahnloseste Weg gefunden um eine Geschichte zu erzählen, die so viel mehr hätte sein können. Doch wer hat schon Interesse an diesem "mehr", wenn man den Kinosaal genau so klug verlassen kann wie man ihn betreten hat?
 
 
Infos zum Film

Originaltitel: The Danish Girl
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Biopic
FSK: 6
Laufzeit: 120 Minuten
Regie: Tom Hooper
Drehbuch: Lucinda Coxon
Darsteller: Eddie Redmayne, Alicia Vikander, Matthias Schoenaerts, Ben Whishaw, Amber Heard u.a.

Trailer


Filmkritik: Steve Jobs

© Universal
In meinem Haushalt, oder vielmehr in meinem persönlichen Besitz, befinden sich keine Apple-Produkte. Ich erinnere mich noch an einen der ersten Computer, die im Familienkreis angeschafft wurden, und wie sehr ich so einen bunten iMac haben wollte. Einfach weil er bunt und irgendwie freundlich aussah. Doch letzten Endes war es auch immer eine Frage des Geldes, und je mehr ich mein eigenes, hart verdientes Geld in Technik investierte, desto weniger reizvoll erschienen mir die Produkte mit dem Apfel. Doch das Interesse an der Figur des Steve Jobs, das war immer vorhanden. Ich wunderte mich das so viele Menschen ihn so verehrten, da war es also keine Frage dass ich mir das Ganze in der filmischen Aufarbeitung ansehen würde. Wie gut das mit Danny Boyle einer meiner liebsten Regisseure mit an Bord war, und wenn wir mal ehrlich sind, dann hat man noch nie etwas falsch gemacht wenn man Michael Fassbender in einer Hauptrolle besetzt. Wie mir "Steve Jobs" dann letztendlich gefallen hat, und ob der Film auch was für euch ist erfahrt ihr wie immer in der Kritik. 

Story: Spannend. Überraschend. Inspirierend. Aufbrausend und dabei doch immer sein Ziel vor Augen – ein Mensch mit Ecken und Kanten. „STEVE JOBS“ nimmt uns mit ins Epizentrum der digitalen Revolution und beschreibt den Kampf, eine als unmöglich abgetane Vision Wirklichkeit werden zu lassen: ein Computer für jedermann. Innovation. Charakter. Führungsstil. In ständigen kreativen Auseinandersetzungen, die den Zusammenhalt und das gemeinsame Ziel der drei Freunde immer wieder in Frage stellen, erschaffen Steve Jobs, Steve Wozniak und Ron Wayne Apple und damit die Computer, die die Welt für immer verändern werden. Visionär. Durchsetzungsfähig. Brillant. Von den ersten Anfängen, der Entwicklung des legendären, alles revolutionierenden Macintosh bis hin zum Neuanfang mit dem iMac im Jahr 1998 - Steve Jobs erzählt die Geschichte von einem der größten Strategen unserer Zeit und seiner Mitstreiter.

Kritik: "Steve Jobs" ist ein Film voller Gegensätze. Über einen Menschen der scheinbar nichts weiter wollte als anderen Menschen eine Freude zu bereiten, der aber zu seinem direkten Umfeld unglaublich kalt und herzlos sein konnte. Über einen Menschen der das Schlichte vergöttert, bei seinen Auftritten aber umjubelt wird. Kurzum, ein Mensch der von kaum einem anderen als Michael Fassbender gespielt werden kann. Dabei ist völlig gleichgültig dass der dem originalen Steve Jobs nicht ähnlich sieht, denn Fassbender bringt die nötige Zugkraft, die nötige Präsenz für diese Rolle mit und nimmt sie völlig für sich ein. Befreit von allem unnötigen filmischen Ballast entsteht so mehr ein Event als ein Film, mehr Theaterstück als alles andere, in dem die Dialoge als Waffe durchgehen und Emotionen nur eine Rolle spielen wenn Maschinen involviert sind. 


© Universal
So wie Jobs eine von Gegensätzen geprägte Figur ist könnten auch die Leute hinter der Kamera nicht gegensätzlicher sein. Da ist Danny Boyle als Regisseur, der normalerweise seine Kamera großzügig die Umgebung erkunden lässt und einen Stil innehat den man, wenn man nur ein Wort nutzen dürfte, ruhig als flammend bezeichnen kann. Und dann steht ihm Aaron Sorkin gegenüber, der schon bei "The Social Network" für die Dialoge verantwortlich war die so präzise saßen als ob ein meisterhafter Chirurg mit dem Skalpell an die Sache gerückt wäre. Gänzlich befreit von jedem Anflug von Romantik fliegen die Dialoge hier zwischen den Figuren hin und her, fast wie bei einem Tennisspiel. Müsste man sich im Kinositz bewegen, man würde sich den Nacken verrenken. Wer dialoglastigen Filmen also nichts abgewinnen kann wird dieses Werk verabscheuen, soviel ist sicher. Jede einzelne Zeile Dialog sitzt, und gegen Ende wird mit einem einzigen Satz von Seth Rogen praktisch der gesamte Film zusammengefasst. Eine unheimlich runde Angelegenheit, die von den Schauspielern in wahrer Perfektion über die Zielgerade getragen wird. 

Neben Fassbender, der hier die so gegensätzlichen Facetten einer komplexen Figur nahezu mühelos zum Leben erweckt leisten auch die restlichen Darsteller Großes. Seth Rogen zeigt erneut dass er auch ernste Rollen spielen kann, und es ist beinahe herzerweichend wie sehr er um die Anerkennung für sein Team kämpft, natürlich gegen Windmühlen und total vergeblich. Kate Winslet verleiht Joanna Hoffman eine riesige Portion Menschlichkeit und ist als mahnende Stimme und Organisationstalent immer an Jobs' Seite. Katherine Waterston reizt die Grenzen ihrer Mutterrolle gekonnt aus und umgibt ihre Figur mit all der Verletzlichkeit und der Demütigung, die sie durch Jobs erfährt. Michael Stuhlbarg  kriegt mit die meiste Ablehnung von Jobs ab, bleibt aber trotzdem an seiner Seite und sorgt sich um ihn. Besonders gelobt gehören aber die insgesamt drei Darstellerinnen, die Jobs' Tochter Lisa in verschiedenen Altersklassen spielen. Besonders Makenzie Moss, die Lisa im Alter von nur rund fünf Jahren spielt leistet großartige Arbeit. Später besitzt Lisa dann die gleiche Bissigkeit die auch ihr Vater innehat, und zwischen beiden entstehen Dialoge die gleichzeitig so intim und doch so distanziert sind dass es förmlich weh tut. Die Abneigung die Jobs seiner Tochter entgegenbringt ist spürbar und wird durch die brutalen Dialoge noch untermauert. Wenn Jobs seiner Tochter erklärt dass der Name eines PCs, der identisch mit ihrem eigenen ist nur ein Zufall ist spürt man, wie verletzt dieser kleine Mensch durch die Ablehnung der unwilligen Vaterfigur in seinem Inneren ist. Hier gibt sich niemand Mühe eine überaus sympathische Figur zu erschaffen, was an sich ja auch schon mutig ist.

Nein, "Steve Jobs" gibt sich keinerlei Mühe damit eine sympathische Figur zu erschaffen. Man hat sich ebenfalls von der traditionellen Form des Biopic verabschiedet und konzentriert sich hier auf drei wesentliche Produktpräsentationen. Boyle wählte hierfür dann auch drei verschiedene Arten von Film. 1984 wird leicht gekörnter 16mm Film verwendet, 1988 ist das Geschehen auf 35mm gebannt und 1998 wirkt das ganze Bild durch den hohen Weißanteil und das digitale Bild klinischer als es sein müsste. Es ist eine minimale Unterscheidung, die vielen Zuschauern vermutlich nicht auffallen wird, aber sie trägt enorm zur Atmosphäre bei. Alle drei Segmente sind darüber hinaus gekonnt mit Flashbacks in die Vergangenheit verwoben. Die Welt die hier erschaffen wird ist so faszinierend dass man gerne darin eintaucht. Wer nun so gar nicht technikaffin ist dürfte mit den Dialogen teilweise Probleme haben und manches Mal nicht folgen können, und auch wer sich mit der Geschichte von Appel nicht wenigstens oberflächlich befasst hat wird das eine oder andere Mal die Orientierung verlieren. Hier kann man sich prima mit Alex Gibney's Dokumentation "Steve Jobs: The Man in the Machine" halten, die in etwa die gleichen Stationen im Leben von Jobs abklappert. 


© Universal
Das entbehrt stellenweise nicht einer gewissen Form der Wiederholung. Prinzipiell verläuft jeder der drei Akte gleich. Das kurze Zeitfenster vor einer neuen Produktpräsentation wird von den immer gleichen Figuren genutzt um mit Jobs zu sprechen. Hier wandert der Film dann durchaus mal ins Reich der Fiktion, denn einige Figuren waren zum jeweiligen Zeitpunkt schon nicht mehr unbedingt ein Teil von Jobs' Leben. Doch es geht auch gar nicht so genau um historische Akkuratheit. Stattdessen werden die verschiedenen Figuren als eine Art Spiegel genutzt, an ihren Beispielen wird die ambivalente Figur des Steve Jobs letztendlich charakterisiert. Die Dialoge von Sorkin dienen dazu als Stütze und erreichen teilweise ein beinahe unerträgliches Maß an Spannung. Die räumliche Enge, die in den langen Korridoren und schmalen Räumen hinter den verschiedenen Bühnen herrscht wirkt beklemmend, dem stehen die weiten Auditorien und Säle gegenüber, deren im Vergleich mit den Räumen geradezu grenzenlose Freiheit Euphorie ausbrechen lässt. Boyle bricht aus der engen Monotonie nur selten aus, die wenigen Szenen bleiben dann aber eindrücklich in Erinnerung. Besonders am Ende kommt Boyles gängiger, ruhiger Stil durch und kann sich gegen den temporeichen Dialog durchsetzen. So kommt eine turbulente Achterbahnfahrt dann doch zu einem entspannten Ende und verschafft dem Zuschauer die Möglichkeit das erste Mal in zwei Stunden durchzuatmen.

Fazit: "Steve Jobs" lebt von seinen temporeichen und pointierten Dialogen. Die Kombination aus Regisseur Danny Boyle und Drehbuchschreiber Aaron Sorkin harmoniert nicht immer perfekt, doch die meiste Zeit ergänzen sich beide. Das größte Lob gebührt allerdings den Darstellern, allen voran Michael Fassbender. Sie erfüllen die Dialoge, die auf dem Papier durchaus mal gestelzt wirken könnten, mit Leben. Immer wieder wird betont dass die Produkte von Apple sich in einem geschlossenen System bewegen. Ähnliches mag auch für diesen Film gelten, nicht jeder Zuschauer wird hier zurechtkommen. Über allem steht immer das Design, doch "Steve Jobs" gibt sich redlich Mühe hinter dieses Design zu schauen. Inwieweit man eine so komplexe Persönlichkeit überhaupt filmisch erfassen kann ist fraglich, doch Boyles Ansatz, gemeinsam mit dem fantastischen Drehbuch ist purer Nervenkitzel, ohne dass tatsächlich viel passiert. Ein sonderbarer Film, so sonderbar und anders wie seine Hauptfigur, vielleicht wird er Jobs gerade deswegen so gerecht.

Infos zum Film

Originaltitel: Steve Jobs
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Biopic, Drama
FSK: 6
Laufzeit: 122 Minuten
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Aaron Sorkin, Walter Isaacson
Darsteller: Michael Fassbender, Kate Winslet, Seth Rogen, Jeff Daniels, Katherine Waterston, Michael Stuhlbarg, Ripley Sobo, Perla Haney-Jardine u.a.

Trailer

Filmkritik: Big Eyes

© Studiocanal
Erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit arbeitet Tim Burton, seines Zeichens der Meister des liebenswert-skurrilen Kinos, hier nicht mit seiner Stammbesetzung zusammen. Weder von Johnny Depp noch Helena Bonham Carter ist auch nur die kleine Spur zu sehen. Stattdessen spielt Multitalent Amy Adams neben Exportschlager Christoph Waltz in diesem Biopic über das Leben der Künstlerin Margaret Keane. Das ist stellenweise absolut nicht typisch Burton, in anderen, kleinen Momenten dafür aber um so mehr. Burton wandelt auf lange, genauer gesagt seit Ed Wood, nicht mehr betretenen Pfaden, und das ist bei aller Liebe, die ich seinem sonstigen Werk entgegenbringe, echt mal eine angenehme Abwechslung. Gemeinsam mit dem Script von Scott Alexander und Larry Karaszewski, die mit Burton zusammen auch schon Ed Wood gemacht haben, schließt sich hier also gewissermaßen der Kreis.




In den 50er Jahren verlässt Margaret Keane gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter ihren Mann, nachdem dieser immer wieder ausfällig ihr gegenüber wurde. Doch das Leben als Alleinerziehende in San Francisco ist alles andere als einfach. Margaret ist außerdem Künstlerin, sie zeichnet immer wieder Kinder mit riesig großen, traurigen Augen. Doch niemand interessiert sich für weibliche Künstlerinnen. Eines Tages lernt sie Walter, seines Zeichens ebenfalls Maler, kennen. Die beiden heiraten recht schnell, und Walter erkennt da Potenzial in den Bildern seiner Frau. Er beginnt, sie zu vermarkten, doch dabei reisst er alles an sich und gibt die Bilder schließlich als seine eigenen aus. Und der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Doch Margaret ist unzufrieden mit dem Verlauf der Geschichte. Wird sie den Mut finden, sich zu wehren?
© Studiocanal
Die Geschichte klingt auf den ersten Moment beinahe schon abstrus, doch scheinbar hat sich das alles genau so zugetragen. Die größte Stärke dieses Films ist ganz eindeutig Amy Adams. Bisher hat sie mich noch immer überzeugt, und auch hier ist dies der Fall. Sie spielt schüchtern, zerbrechlich, ein bisschen naiv. Zum Ende hin findet sie ihre Stärke zwar wieder, doch dazwischen wirkt es fast, als wäre sie an den Rand ihres eigenen Lebens gedrängt worden. Und doch schafft sie es, ihrer Figur immer eine gewisse Würde zu verschaffen. Ihr handeln mag für den Zuschauer nicht immer nachvollziehbar sein, doch man muss sich in Erinnerung rufen, zu welcher Zeit der Film spielt.

Hier liegt eine weitere Stärke von "Big Eyes". Die 50er sind wirklich klasse dargestellt. Pastellige Farben dominieren das Bild. Und die Farben wechseln je nach Setting. Mal ist alles in blau-grünen Tönen gehalten, dann gibt es einen pinkfarbenen Einbruch, die nächste Szene sieht aus, als wäre sie in einem dichten Nebelfeld gedreht worden. Es scheint fast, als würden die Farben die Kapitel von einander trennen. Die Kontraste zwischen hellen und dunklen Farben sind spielerisch eingestreut und gleichzeitig präzise herausgearbeitet. Und auch die Ausstattung kann sich sehen lassen: Autos, Bekleidung, die Möbel, alles atmet den Geist des 50s San Francisco.

Hier macht sich dann auch eine unterschwellig feministische Ader bemerkbar, oder eher eine Art Rückblick. Es ist eine Zeit, in der eine Frau als Künstlerin einfach nicht akzeptiert wurde. Es war ein Mann nötig, der Margarets Werke berühmt macht, und sie akzeptiert dies zunächst auch, denn es war ja bisher niemals anders. Es ist zugleich eine Art selbst auferlegte Unterdrückung und eine Unterdrückung durch die Gesellschaft, die nicht anerkennen will, was offenbar existiert. Am Ende ist Margaret gefangen in ihrem Atelier, gefangen wegen ihres Talents, gezwungen wie am Fließband immer weiter Kunst zu produzieren. Es ist kein schönes Bild, kein schöner Gedanke der dahinter steckt. Gleichzeitig stellt der Film aber auch die wichtige Frage "wer bestimmt eigentlich, was Kunst ist?". Keanes Bilder wurden von anderen Künstlern geächtet, ihnen wurde das Prädikat "Kunst" schlicht nicht zugestanden. So eröffnet der Film dann auch mit einem Zitat von Warhol, dessen Inhalt sich auf "wenn viele Leute es mögen, wie kann man ihm dann absprechen, Kunst zu sein?" herunterbrechen lässt. Es ist ein Diskussion, die bis heute auf so vielen Ebenen geführt wird, auch im Bereich des Films. Ist etwas automatisch schlecht, nur weil viele Leute es mögen, es berühmt ist? Wie viele Musiker sehen sich mit dem elenden Kommerzvorwurf konfrontiert, sobald sie halbwegs erfolgreich Platten verkaufen? Muss man als Künstler ein brotloses Leben führen? Es sind diese Gedanken, die nach dem Film bleiben, den Zuschauer nachdenklich stimmen. Doch bevor man sich diese Gedanken macht, wird man mit einem weiteren wundervollen Lied der göttlichen Lana del Rey sanft wieder in unsere Welt zurückgeholt.
© Studiocanal
Leider besitzt "Big Eyes" aber auch einen enormen Schwachpunkt, und der nennt sich Christoph Waltz. Zwar passt sein Hang zum Overacting in einen Film von Tarantino wie die Faust auf's Auge, doch hier ist es unangebracht. Es ist zwar klar, dass er einen lupenreinen Soziopathen spielen soll, die Rolle ist nun mal so angelegt. Auch das damit verbundene Netz aus Lügen, in dem sich seine Figur dann verfängt, meistert er recht passabel. Dennoch geht seine ganze Art immer mehr gegen den Takt des restlichen Films, und gegen Ende lenkt seine Grimassenschneiderei so dermaßen ab, das alles andere verblasst. In gewisser Weise ist dies auch bezeichnet für seine Figur. So soll es ja eigentlich um Margaret Keane gehen, Amy Adams sollte im Mittelpunkt sein. Doch Walter betrügt sie, stellt sich selbst ins Rampenlicht, so wie Waltz immer mehr das Ruder in die Hand nimmt und mit seiner hyperaktiven Art alles andere dominiert. Doch dies verkompliziert die Beziehung des Zuschauers zu Margaret: man erfährt nie, wieso sie diese Bilder malt. Und sie bleibt die meiste Zeit blass im Hintergrund, was den Sympathieaufbau ihr gegenüber nicht unbedingt leichter macht. Und dann muss man sich noch damit arrangieren, dass sie, der damaligen Zeit geschuldet, so überaus dankbar ist dass sich ein Mann ihr und ihrer Tochter annimmt, auch wenn der Typ eine wandelnde Katastrophe ist. Es ist ein schwieriges Unterfangen, und eines welches nicht bei jedem Zuschauer zum Erfolg führen wird.

Dennoch ist "Big Eyes" ein recht gelungener Film. Burton beweist erneut, dass skurril-liebenswerte Figuren sein Metier sind. Und bis auf eine Szene in einem Supermarkt verzichtet er auch komplett auf die sonst so typischen, fantastischen Elemente. So ist ein ruhiger Film gelungen, der versucht, uns eine Künstlerin nahe zu bringen, die erst lernen musste für sich selbst zu kämpfen. Mein Interesse an Margaret Keane hat er jedenfalls geweckt, und ich fühlte mich knapp anderthalb Stunden auch wirklich gut unterhalten. Sicherlich nicht das absolute Highlight in Burtons Repertoire, aber durchaus den ein oder anderen Blick wert.


Infos zum Film
Originaltitel: Big Eyes
Genre: Biopic, Komödie, Drama
FSK: 16
Laufzeit: 107 Minuten
Regisseur: Tim Burton
Darsteller: Amy Adams, Christoph Waltz, Krysten Ritter, Jason Schwartzman, Danny Huston
Trailer

Filmkritik: The Imitation Game

 Sometimes, it is the people no one imagines anything of who do the things that no one imagines.

© Squareone
The Imitation Game kommt zu einer Zeit in unser Kino, in der sich sämtliche Studios bereitmachen um ihre besten Waffen im Rennen um sämtliche Awards auf die Zuschauer loszulassen. In England selbst lief der Film allerdings schon letztes Jahr, dort hatte ich auch bereits die Gelegenheit ihn im Kino anzuschauen. Einige Themen funktionieren in der Award-Saison bedeutend besser als andere. Und Biografien außergewöhnlicher Persönlichkeiten sind eigentlich immer ein sicherer Publikumsmagnet. Auf jeden Fall aber gefallen sie den zahlreichen Juries, welche die Preise vergeben. Doch erfüllt The Imitation Game, in dem es um den Mathematiker Alan Turing geht, der das Theorem des polnischen Mathematikers Rejewski weiterentwickelte und daraus die Maschine baute, die letztendlich den Enigma-Code zeitnah knacken konnte, die hohen Erwartungen? Lest hier, ob sich der Gang ins Kino für das erste englischsprachige Werk des norwegischen Regisseurs Morten Tyldum, besetzt unter anderem mit Benedict Cumberbatch, Keira Knightley, Charles Dance, Mark Strong und Matthew Goode, lohnt.


Die Geschichte ist recht schnell erzählt. Alan Turing gehört zu einem Team britischer kluger Köpfe, deren Aufgabe einzig darin besteht, den Enigma-Code zu knacken. Diesen verwenden die Nazis im Zweiten Weltkrieg, um ihre Nachrichten zu verschlüsseln. Turing hat dabei immense Probleme mit seinen Kollegen, mit seinen Vorgesetzten und mit sich selbst. Im Rennen gegen die Zeit stehen alle unter enormem Druck, denn jede Minute die der Code nicht geknackt wird, kostet zahlreiche Menschenleben...

© Squareone
Die persönliche Geschichte von Alan Turing allein mutet schon traurig genug an. Unumstritten ein Genie, litt er im persönlichen Leben dafür um so mehr. Schon als Kind überordentlich begabt, aber durch die Lehrer unterfordert, war er später auf zahlreichen Wissenschaftsfeldern tätig. Überschattet wurde seine Vielseitigkeit in Sachen Wissenschaft durch seine Homosexualität, die damals in England, wie in den meisten anderen westlichen Ländern auch, unter Strafe stand. 1952 wurde er dafür angeklagt und verurteilt und musste zwischen einer Gefängnisstrafe und der chemischen Kastration wählen. Turing entschied sich für letzteres, erkrankte als Folge an Depressionen und beging kurze Zeit später Selbstmord. Eine posthume Begnadigung durch die Queen erfolgte erst im Jahre 2013, seine Mitarbeit am knacken des Enigma-Codes war lange Zeit unter Verschluss gehalten worden.

Dass diesem Genie nun ein Film gewidmet wird, ist eine erfreuliche Angelegenheit. Bereits 2001 wagte "Enigma" diesen Versuch, setzte aber als Hauptfigur einen fiktionalen Charakter ein, der natürlich hereosexuell sein musste und ein Happy End erleben durfte. Mehr Vergleichsmaterial besteht auch nicht wirklich, da sich bisher wohl niemand an die Person Alan Turing herantraute. Wie auch, wenn man lange Zeit kaum etwas über ihn wusste. Aber Zeiten ändern sich erfreulicherweise. Dass die wesentliche Vorarbeit von Rejewski unterschlagen wird, ist unerfreulich, tut der eigentlichen Qualität des Films aber keinerlei Abbruch. Vielleicht wird sich eines Tages ein Regisseur mit ihm befassen oder die Arbeit dieser beiden Männer verknüpfen. Ein Grundstein für den weiteren filmischen und öffentlichen Umgang mit Alan Turing als Person dürfte ja nun geschaffen sein.

Es erscheint nur angebracht, dass ein Film über einen Menschen, dessen Lebensinhalt aus Rätseln bestand, zunächst selbst als solches aufgezogen wird. Mehrere Erzählstränge werden zunächst parallel aufgegriffen, bevor sie dann zusammenfließen und eine angerundete Geschichte ergeben. Zu Beginn des Films ist deswegen vielleicht ein wenig Geduld vom Zuschauer gefordert. Doch mit jeder Minute schafft es diese Mischung aus Thriller und Biopic, packender zu werden. Dies liegt nicht nur an der wirklich spannenden Geschichte, sondern vor allem an den Schauspielern. Allen vorran natürlich Benedict Cumberbatch, dem die Rolle auf den Leib geschrieben worden scheint. Sozial abgeschottet, absolut unterkühlt und rational erscheint sein Turing, nur um in wenigen Momenten aus diesem starren Korsett auszubrechen und von Emotionen überwältigt zu scheinen. Doch auch eine gewisse Verletzlichkeit umgibt ihn. Es ist eine Gratwanderung, die Cumberbatch meisterhaft und nuanciert absolviert. Doch seine restlichen Kollegen stehen ihm in nichts nach. Vor allem Keira Knightley verdient ein dickes Lob für ihre Darstellung der Joan Clarke. Sie war die einzige Frau im Team, extrem intelligent und der menschliche Gegenpool zu Turings distanzierter Art. Doch auch der ewig coole Mark Strong, Charles Dance (der nach wie vor über alles und jeden erhaben scheint) und Matthew Goode sind gewohnt stark.

© Squareone
Auch Soundtracktechnisch wird hier einiges abgeliefert. Alexandre Desplat, der im letzten Jahr bereits die Musik für Grand Budapest Hotel komponierte, liefert einen Soundtrack ab, der unter die Haut geht. Langsam und beinahe unbemerkt schleicht er sich an den Zuschauer, nestet sich irgendwo im Gehörgang ein und baut im Verlauf des Films seine ganz eigene Spannung auf. Die Uhr tickt immer schneller, die Musik wird lebendiger, noch packender. Ein wirklich perfektes Zusammenspiel. Ebenso zielgenau agiert die Kamera. Und auch dialogtechnisch überzeugt der Film. Unweigerlich zaubert sich ein Grinsen ins Gesicht, wenn Turing gegen seine Vorgesetzten aufbegehrt weil er weiß, zu was er in der Lage ist. Man fühlt mit, wenn Turing und Clarke sich heimlich unterhalten müssen: zwei Ausgestossene, die nicht in die Gesellschaft passen und einander gefunden haben. Und dann sind da noch die zahlreichen Momente, in denen nichts gesagt werden muss, weil das schauspielerische Talent aller Beteiligten ausreicht.

The Imitation Game ist ein Film, der Alles richtig macht. Über eine Person, ohne die der Zweite Weltkrieg erheblich länger gedauert hätte, und ohne die wir und vielleicht heute nicht in dem Maße auf Computer verlassen können, wie wir das so gerne tun. Mensch und Maschine, wer imitiert am Ende wen?

Infos zum Film
Originaltitel: The Imitation Game
Genre: Thriller, Drama, Biopic
 Laufzeit: 113 Minuten
FSK:
Regisseur: Morten Tyldum
Darsteller:Benedict Cumberbatch, Keira Knightley, Mark Strong, Charles Dance, Matthew Goode,

Trailer




Filmkritik: Die Entdeckung der Unendlichkeit

© Universal
Stephen Hawking. Ein Name, der eigentlich jedem ein Begriff sein dürfte. Wer schon immer mal verstehen wollte, was es mit dem ganzen Trara um Schwarze Löcher auf sich hat, wie das alles eigentlich funktioniert, der wird kaum um "Eine kleine Geschichte der Unendlichkeit" herumkommen. Und auch sonst ist Hawking zu einer festen Größe in Sachen Popkultur geworden. Doch über die Person an sich weiß man für gewöhnlich schon weniger. Hawking, das ist halt ein Genie, der irgendwie im Rollstuhl sitzt und so eine Krankheit hat. Wer hier nun also einen Film über seine Arbeit erwartet, der dürfte bitter enttäuscht werden. Stattdessen ist es Regisseur James Marsh gelungen, das Leben dieses Ausnahmetalentes auf zwei Stunden herunterzubrechen. Basierend auf dem Buch "Traveling to Infinity: My Life with Stephen" von Jane Hawking, erleben wir die gemeinsamen Jahre dieses außergewöhnlichen Paares, hauptsächlich aus Ihrer Sicht. Und als solches Drama, soviel sei vorweggenommen, funktioniert der Film einwandfrei.



Stephen Hawking ist ein junger Physikstudent an der Cambrigde University. Auf einer Party trifft er auf Jane, die Sprachen studiert. Obwohl die beiden sehr unterschiedliche Persönlichkeiten sind, werden sie ein Paar. Doch kurze Zeit später wird bei Stephen eine Motoneuron-Erkrankung festgestellt, die Ärzte geben ihm keine zwei Jahre mehr zu leben. Er schottet sich von seinen Freunden und auch von Jane ab, doch die hat ihren eigenen Kopf. Das Paar heiratet, bald kommen Kinder dazu. Doch Stephens fortschreitende Krankheit stellt die beiden immer wieder vor neue Probleme. Doch er ist ein absolutes Genie in seinem Studienbereich, und seine Gedanken lassen sich nicht einsperren.
 
© Universal
Der Vorwurf, einen Film gemacht zu haben der die perfekte Beute für die Oscar-Jury darstellt, hängt wie ein Damoklesschwert über dem Film. Ein auf den ersten Blick sentimental wirkendes Biopic einer schillernden Persönlichkeit? Die dann auch noch behindert ist? Größer könnten die Chancen nur sein, wenn Eddie Redmayne viel Gewicht verloren oder zugelegt hätte, oder eine Minderheit spielen würde. Um den Normalsterblichen Zuschauer nicht zu verschrecken wurde der wissenschaftliche Anteil des Films geradezu ausgelassen. Doch dies macht Raum für die Person dahinter. Und ganz ehrlich, Hawking hat wissenschaftlich so viel zu bieten, das nebenbei in einem Film über ihn als Person unterzubringen wäre vermutlich die größere Schande als es einfach auszulassen. Und ja, einige andere Dinge werden ebenfalls ausgelassen, gerade im Bezug auf seine zahlreichen Reisen. Für den restlichen Film gilt aber, dass sich größtenteils an Tatsachen gehalten wird, soweit sie bekannt sind. 

Regisseur James Marsh, der bereits mit "Man on Wire", welcher 2008 den Oscar für Dokumentarfilm gewann, oder "Shadow Dancer" auf sich aufmerksam machte, inszeniert hier einen ruhigen, in besonderen Momenten berührenden Film. Besonders die ersten Szenen, in denen Stephen und Jane sich kennenlernen und näherkommen, versprühen ein wundervolles Gefühl von Leichtigkeit. Der Film umspannt knapp 30 Jahre, und fast scheint es so, als würde jedes Jahrzehnt, jede Epoche in einem leicht veränderten Gewand daherkommen. Besonders der Einsatz verschiedener Farben gehört an dieser Stelle gelobt. Stephen Hawking ist auch heute bekannt für seinen manchmal schon unglaublichen Humor, und auch im Film ist dieser präsent. Kritik üben könnte man vielleicht am Drehbuch des Films, geschrieben von Anthony McCarten. So ist die Geschichte zwar sehr bedacht darauf, nicht anzuecken und allzugroße Unstimmigkeiten werden angedeutet oder gleich ausgelassen. "Die Entdeckung der Unendlichkeit" wirkt dadurch bisweilen harmloser, als die Geschichte vermutlich gewesen ist. Doch ein wirkliches Manko verbirgt sich dahinter nicht. Denn der Film konzentriert sich auf gekonnte Weise auf Jane Hawking und ihre Rolle als Mutter, Ehefrau, ehrgeizige Studentin und schließlich auch Betreuerin ihres Mannes. Viele fordernde Aufgaben, die sie über weite Strecken ohne fremde Hilfe meistert. Sie sind zwei sehr gegensätzliche Personen, waren sie schon zu Beginn des Films. Doch je mehr Stephen seiner Krankheit verfällt, desto stärker scheint Jane zu werden. Der Film geht ebenfalls auf die Krankheit ein, beschönt nichts, schafft es aber auch nicht ins sentimentale abzurutschen. Zumindest musste ich als Person, die faktisch im Wasser lebt und nicht nur nah dran gebaut ist, in diesem Film keinerlei Tränen vergießen. Billiges haschen um Zuschauertränen hat "Die Entdeckung der Unendlichkeit" nicht nötig.

In der Rolle der Jane Hawking ist es dann auch Felicity Jones, die ein wundervolles Spiel bietet. In den meisten Szenen ist sie der Typ "starke" Frau, die sich selbst hinter die Bedürfnisse ihrer Familie stellt. Wenn sie aus diesem Muster ausbricht, dann mag das nicht bei allen ankommen, doch es wirkt glaubhaft und nachvollziehbar. Und in ein, zwei ruhigen Szenen verkörpert sie die innere Anspannung, die Zerbrechlichkeit und die Aufgaben, die auf ihr allein lasten bis zur Perfektion. In Nebenrollen sehen wir unter anderem Charlie Cox (Stardust, Boardwalk Empire) als Musiklehrer, der sich mit der Familie anfreundet, Harry Lloyd (Game of Thrones) als Freund von Stephen und später auch Jane, sowie David Thewlis (Harry Potter) als Stephen's Mentor an der Universität.

© Universal
Doch die größte Rolle gehört natürlich Eddie Redmayne. In minutiöser Vorbereitung auf die Rolle hat er sich genau mit Hawking und seinem Krankheitsverlauf auseinandergesetzt. Zu Beginn ist sein Spiel unfassbar leicht und man nimmt ihm das junge, unterforderte Genie mit der Neugier auf Jane als Person ohne weiteres ab. Doch mit Fortschreiten der Krankheit blüht Redmayne zur Höchstleistung auf. Jede einzelne Bewegung, jedes Muskelzucken sitzt. Die Sprache verändert sich, bis nurnoch via Sprachcomputer kommuniziert wird. Und doch sieht man seiner Figur den Willen an, zu kämpfen. Spürt förmlich wie die Gedanken in seinem Kopf um die Wette laufen, in die Freiheit wollen. Stephen Hawking hat sich den Film angesehen und das vermutlich höchste Lob ausgesprochen: Er fühlte sich, als würde er sich selbst zusehen (falls ihr ihm noch nicht auf Facebook folgt, holt das bitte nach, der Mann ist ein humorvolles Genie und äußerst lesenswert). Als Zuschauer lacht man mit Redmaynes Figur, man leidet aber auch mit ihr. Man spürt, dass man die Hoffnung nicht aufgeben darf, dass, egal wie düster es aussieht, irgendwo Hoffnung verborgen liegt. Selbst wenn man sich nicht für Stephen Hawking als Person interessiert, selbst wenn man verfilmte Biografien aus Prinzip doof findet: "Die Entdeckung der Unendlichkeit" kann einen Hauptdarsteller vorweisen, dessen Leistung das Wort "sehenswert" in seinem wahrsten Sinne verdient hat.

Untermalt wird der Film von der wunderschönen, eindrücklichen Musik von Jóhann Jóhannsson. in schönen Momenten fügt sie sich nahtlos in das Geschehen ein, in dramatischen Momenten akzentuiert sie diese und macht sie greifbarer. Es ist die Geschichte eines Menschen, der immer mehr wollte. Zuerst der Versuch, das Universum in eine Gleichung zu bringen, dann der konstante Versuch, den eigenen Körper zu überwinden. Über viele Teile dieser Reise begleitet von einer Frau, die zeitweise mehr auf ihren Schultern trägt als man von irgendjemandem verlangen kann. Vielleicht handelt es sich dabei um Oscarbeute, wer weiß. Es ist aber auch die Geschichte zweier bemerkenswerter Personen, eines außergewöhnlichen Paares und eine eindrucksvolle Erinnerung daran, die Hoffnung niemals aufzugeben.



Infos zum Film
Originaltitel: A Theory of Everything
Genre: Biopic, Drama
FSK: 0
Laufzeit: 123 Minuten
Regisseur: James Marsh
Darsteller: Eddie Redmayne, Felicity Jones, David Thewlis, Charlie Cox, Harry Lloyd

Trailer 

Filmkritik: Wild

Not all those who wander are lost. Tolkien
© Twentieth Century Fox
Jean-Marc Vallée hat bereits im letzten Jahr mit "Dallas Buyers Club" eindrucksvoll bewiesen, dass er in der Lage ist das Publikum mit seinen Charakteren mitfühlen zu lassen. Auch wenn diese nicht immer unbedingt liebenswürdig sind. In diesem Jahr schickt er also nun Reese Witherspoon mit einem viel zu großen Rucksack auf Selbstfindungstrip. Sieht, wenn man dem Poster Glauben schenken mag, erstmal nicht sonderlich eindrucksvoll aus. Überhaupt, Reese Witherspoon? Ist das nicht die nette Blonde, die irgendwann mal einen Oscar bekommen hat, und seitdem irgendwie untergetaucht ist? Braucht es wirklich noch mehr Feelgood-Movies, in denen irgendjemand sein Glück irgendwo anders findet? Nicht, dass ich nicht jederzeit bereit wäre, Filme wie "Eat Pray Love" oder "Life of Pi" anzuschauen, mich dabei für zwei Stunden glücklich zu fühlen und dann einfach weitermache mit dem Alltag... Und überhaupt, ernsthaft, wandern als Selbstfindung? Nehmt zumindest das von einer, die sich damit auskennt: der Film ist vollends überzeugend. Wieso das so ist, könnt ihr hier nun nachlesen. Wer mag, kann es mir gleichtun und das zugehörige Buch direkt auch mal angehen. Denn, soviel wissen wir, kein Selbstfindungstrip findet sein Ziel auf der Leinwand, der nicht vorher ein Buch gewesen ist.
© Twentieth Century Fox
Cheryl Strayed hat so einiges hinter sich. Völlig am Boden zerstört, unter anderem durch den Tod ihrer Mutter, entschließt sie sich, ein Stück des Pacific Crest Trail mit seinen über 2000 Meilen zu laufen. Im Angesicht von über 1000 Meilen weg und in der Konfrontation mit sich selbst gerät sie mehrfach an ihre Grenzen, und darüber hinaus.

Eine Inhaltsangabe, die hier keine drei Zeilen ausfüllt. Und dennoch verspricht bereits die Eröffnungsszene einen packenden Film. Reese Witherspoon sitzt, deutlich mitgenommen, auf einem Felsen. Unter Schmerzen zieht sie ihre Schuhe und dann ihre Socken aus. Was darunter zum Vorschein kommt sieht alles andere als appetitlich aus. Eine unüberlegte Bewegung schickt einen ihrer Schuhe den Hang hinunter, und in einer Kurzschlussreaktion wirft sie, mit viel Gebrüll und begleitet von allerlei Schimpfwörtern, den zweiten direkt hinterher. Und dann geht sie weiter. Fiese Stimmen könnten hier Parallelen ziehen zu Reese Witherspoons Karriere. Nach ihrem Oscar im Jahr 2005 wurde es still um sie. Dabei hat sie durchaus Filme gemacht, und zuletzt auch "Gone Girl" produziert. Mit einer Art Urschrei kommt sie nun also zurück auf die Leinwand und liefert auch eine solide Performance ab. So 100% nimmt man ihr die Rolle des ehemaligen Junkies, der nun dem eigenen Seelenheil entgegenläuft, nicht immer ab, aber die meiste Zeit klappt es dann doch. In Nebenrollen sehen wir unter anderem Laura Dern als ihre Mutter, die einfach eine ganz wundervolle Person darstellen darf. Game of Thrones Zuschauer dürfen sich über einen kleinen Auftritt des neuen Daario freuen. Fans von Schriftsteller Nick Hornby sollen ebenfalls aufhorchen, denn er hat die Buchvorlage in ein Drehbuch umgesetzt.

© Twentieth Century Fox
So dürfen wir dann also Reese beim wandern zuschauen. Dazu gibt es ausreichend innere Monologe zu bestaunen, in denen über die Vergangenheit und das Jetzt nachgedacht wird. Der ein oder andre Lacher lässt sich auch finden, beispielsweise ist Cheryl am Anfang furchtbar unvorbereitet und schafft es nicht einmal, ihren Rucksack auf ihren Rücken zu kriegen. Doch die ernsten Töne überwiegen. Da eine solche Art Film aber wohl dann doch arg gewöhnungsbedürftig für die meisten Zuschauer ausfallen würde, gibt es eine ganze Menge Flashbacks. Gemeinsam mit dem, was wir auf ihrem Weg über Cheryl erfahren, verdichtet sich so das Bild einer Frau, die komplett aus ihrem Leben gerissen wurde. Die Beziehung zu ihrer Mutter schien ihr Dreh- und Angelpunkt gewesen zu sein, und das Fehlen eben dieses Mittelpunktes droht, ihr Leben zu zerstören. Doch auch dort finden sich unschöne Szenen, in denen Cheryl im Moment mit ihrer Mutter überfordert scheint. Auch diese werden ausreichend thematisiert und so wird eine Mutter-Tochter Beziehung charakterisiert, die nicht immer nur eitel Sonnenschein ist. Aber eben doch genug Sonnenschein, um mit dem Verlust der Mutter nicht zurechtzukommen. Es sind beklemmende Szenen, wenn man sich anschauen muss wie sie sich das Heroin in die Beine spritzen lässt, mit wildfremden Männern scheinbar wahllos Sex hat. Kein romantisches Licht, keine schöne Musik die dieses Elend irgendwie erträglicher machen würde. Vallée zwingt den Zuschauer, hinzuschauen, und das hinschauen tut das ein oder andere Mal auch weh. Und wer, wenn nichr wir Menschen, hat wohl das beste Konzept wenn es darum geht, sich selbst eine Strafe für die eigene Schuld aufzulegen? Also wird gewandert, um wieder zu sich zu finden, mit sich ins reine zu kommen. Die große Erleuchtung darf man auf diesem Weg nicht erwarten. Und doch scheint jeder Schritt ein kleiner Fortschritt in Sachen Heilung zu sein. Ein großer Vorteil des Films ist, dass er seine Hauptfigur nicht bewertet. Man kann nachvollziehen, woher ihre Motivation kommt, aber ein Urteil muss man sich selbst bilden. Für mich gab es Momente, in denen ich Cheryl nicht leiden konnte. Es gab aber deutlich mehr Momente, in denen ich mit ihr mitgefühlt habe, Angst um sie hatte, das Gefühl hatte genau zu wissen wie schwer ihr verdammter Rucksack ist und wie weh ihre Füße tun müssen. Das macht den Film vorrangig zu einer emotionalen Sache, und also solche ist er wunderbar in die Tat umgesetzt.

Für Reese Witherspoon ist der Film eine wundervolle Möglichkeit, ihr Talent zu beweisen. Größtenteils trägt sie den Film allein, es ist ihre Aufgabe die Persönlichkeit ihrer Figur an den Zuschauer zu bringen. Wild ist ein ruhiges, aber effektives Drama, auch weil so erfrischend wenig Schnickschnack drumherum ist. Wer an Filmen wie "Into the Wild" Gefallen hatte, der dürfte sich auch hier wohl fühlen. 

Infos zum Film
Originaltitel: Wild
Genre: Drama, Biopic
FSK: 12
Regisseur: Jean-Marc Vallée
Darsteller: Reese Witherspoon, Laura Dern, Thomas Sadoski

Trailer


Filmkritik: Mr. Turner

© Prokino (Fox)


Joseph Mallord William Turner ist, ganz ohne Zweifel, einer der größten Maler der Geschichte. Gemeinsam mit Künstlern wie John Constable führte er die Phase der englischen Romantik mit seinen wunderschönen Landschaftsbildern an. In meiner persönlichen Favoritenliste rangiert er weit auf den vordersten Plätzen, gemeinsam mit den Bildern von Constable fand ich durch seine Werke überhaupt erst richtigen Zugang zur Kunst der Malerei. Entsprechend gespannt war ich auf diesen Film von Mike Leigh, der natürlich hier in London auch massiv beworben wird und gleichzeitig auch mein erster Film des Regisseurs ist. Erfreulicherweise wurden meine Erwartungen zumindest teilweise sogar übertroffen, wenigstens aber erfüllt. Wenn auch manchmal anders, als ich gedacht hatte. Aber lest selbst:



Biopics sind oftmals eine trockene Angelegenheit. Häufig wird die Geschichte, ähnlich einem Flickenteppich, irgendwie zusammengeschustert, damit es für den Zuschauer spannend bleibt. So werden die wichtigsten Ereignisse zusammengestellt und im Eiltempo heruntergerissen, und am Ende bleibt das unangenehme Gefühl, die beschriebene Person nun kein bisschen besser zu kennen. Geht es dann noch um eine historisch irgendwie relevante Person, kommt schnell der Vorwurf der Oscarjagd hinzu. Mitten in "Mr. Turner" findet sich eine ganz wunderbare Anspielung auf diese Tatsache. Wenn gefragt wird, was falsch daran sei, Portraits anzufertigen, wird mit der Antwort "was tun denn Portraits, um die Kunst auf die nächste Ebene zu heben?" gekontert. "Mr. Turner" stört sich an solchen Vorwürfen nicht. Mike Leigh lässt uns in knapp 150 Minuten an den letzten 25 Jahren dieses eigenwilligen Künstlers teilhaben. Und eigenwillig ist auch der Film. Da wäre zunächst einmal Timothy Spall, der die Hauptrolle spielt. In Cannes gab es dafür bereits eine Goldene Palme, und es würde mich wundern wenn er bei den kommenden Oscars nicht wenigstens eine Nominierung bekommen würde. Er grunzt, stöhnt, meckert sich mit einer Mischung aus Gassenjargon und nobler Sprache durch den Film. Ich bin normalerweise keine Freundin von Untertiteln, da ich sie als mindestens ablenkend, meistens sogar störend empfinde. Timothy Spall ließ mich aber dann doch das ein oder andere Mal verzweifeln. Ihn kauzig zu nennen wäre noch untertrieben. Es ist ein intensives Spiel, eines dass die Person dahinter vollkommen verschwinden lässt und den Raum freigibt für den Künstler, den Spall zweifelsohne in sich trägt. Zwei Jahre hat er damit verbracht, malen zu lernen. Ein Glück für den Zuschauer, der ihm jeden Pinselstrich, jedes Spucken auf die Leinwand (ja, richtig gelesen), jede einzelne Geste abnimmt, ohne mit der Wimper zu zucken. All die Gegensätzlichkeiten, die Turner ausmachen, reizt Spall bis über jede Grenze hinaus aus. Und bleibt dabei doch immer überzeugend, faszinierend, mindestens spannend zu beobachten. Als Figur ist er das komplette Gegenteil seiner Kunst: Laut, ungehobelt, in der Lage ganze Sätze auf ein einziges Grunzen zu reduzieren, was zumindest manchmal Untertitel obsolet macht. Bisweilen unangenehm zu beobachten, vor allem wenn es an die rar gesähten, beklemmenden und mehr als nur seltsamen Sexszenen geht. Aber auch durchzogen von Güte, Klugheit, einem tiefschwarzen Humor und, noch vor allem anderen, einer tiefen, aufrichtigen Menschlichkeit. Es gibt Szenen im Film, die es vermögen dem Zuschauer den Atem zu rauben, Szenen in denen Spall nicht wie ein Mensch erscheint, sondern wie ein anderes Wesen, getrieben von Angst, Wut, Unsicherheit, die sich im Inneren einen Kampf liefern der nur sehr selten an der Oberfläche sichtbar wird, dann aber in all seiner Schrecklichkeit. Ergänzt wird er von einem fantastischen Reigen an Schauspielern, die mit ihren Rollen nahezu verschmelzen. Auch nur einen davon besonders hervorzuheben würde allen anderen Unrecht tun.

© Prokino (Fox)
Doch es ist nicht nur das unfassbar gute Schauspiel, was diesem Film ohne Zweifel den Titel eines Meisterwerks einbringt. Und ja, ich bin mir bewusst dass es im Kontext der Malerei irgendwie lahm erscheint, aber der Titel ist angemessen. "Mr. Turner" bringt eine Bildgewalt mit sich, die den Werken des titelgebenden Künstlers in nichts nachstehen muss. Lichtdurchflutete Aufnahmen, Sonnenuntergänge, Schiffe auf See, es sind zu viele um sie aufzuzählen. Es sind Bilder, die zum Leben erweckt werden, und in diesen Bildern liegen die eindrucksvollsten Momente des Films. Es ist eine angenehme Herangehensweise an das Thema der Malerei. Statt den Maler bei der Arbeit zu beobachten, sehen wir größtenteils nur die Bilder, die er später auf Leinwand bannen wird, Bilder die ihn inspiriert haben. Wer bereits die Freude hatte, Werke von Turner bewundern zu dürfen (oder sich wenigstens mit diesen auskennt, allen anderen empfehle ich sofort ein Ticket nach London zu buchen und sich dort in die National Gallery zu begeben), wird doppelte Freude haben, lassen sich doch einige davon im Film wiederfinden, sowohl auf der Leinwand als auch in der Natur. Es sind kunstvolle Bilder, die hier zusammenkomponiert wurden, und sie sind der Person Turners vollkommen angemessen. Angeschmiegt an diese Bilder ist die Musik, die sich dezent im Hintergrund bewegt, nur manchmal verlässt sie ihr schattiges Versteck und tritt ins Licht, um der gekonnten Dramaturgie im rechten Moment den letzten Schliff zu verleihen. 

© Prokino (Fox)
Problematisch, oder eher gewöhnungsbedürftig, könnte allerdings die etwas unzusammenhängende Erzählweise empfunden werden. "Mr. Turner" springt von Momentaufnahme zu Momentaufnahme. Die Zugänglichkeit leidet darunter, wenn auch nur minimal und sicher längst nicht für jeden. Die letzten 25 Jahre werden auf diese Weise abgeklappert. Wie Turner selbst, ist auch sein Leben durchzogen von Gegensätzlichkeiten. Ich gebe gerne zu, dass es mich eine Weile gekostet hat, mit der Erzählweise klarzukommen, doch vor allem im Nachinein empfinde ich sie als durchaus ansprechend. Es ermöglicht dem Film einen stetigen Fluss, von dem man sich angenehm tragen lassen kann. Momenten des Dramas stehen Szenen zur Seite, die einen fiesen Humor in sich tragen. Konflikte werden stimmig herausgearbeitet, so wird beispielsweise thematisiert welcher Abgrund sich zwischen dem befinden kann was ein Künstler zeichnen will, und dem was das Publikum erwartet. Wir begleiten Turner auf seiner Reise, auf seinen zahlreichen Besuchen bei der Aristokratie, im Bordell, der Royal Academy of Arts. Erleben die Hochs und Tiefs des Künstlers aus seiner Perspektive, fühlen den Schmerz, das Leid, aber auch die Freude. Kriegen eine Idee davon, wieviel Genie, und ein kleines bisschen Wahnsinn, dieser Mensch innehatte. Mike Leigh hat einen Film geschaffen, der es vermag dem Zuschauer einen Blick hinter die Fassade eines getriebenen, beeindruckenden Künstlers zu werfen. Kein bisschen romantisiert, dafür aufrichtig und zutiefst menschlich. Ein Film, der die Auseinandersetzung mit der Person fordert, der inspiriert und eine Wohltat für das Auge ist, welches doch stets nach Kunst und Vollkommenheit strebt.

Infos zum Film
Originaltitel: Mr. Turner
Genre: Biopic, Drama
Laufzeit: 149 Minuten
FSK: 6
Regisseur: Mike Leigh
Darsteller: Timothy Spall, Dorothy Atkinson, Paul Jesson, Marion Bailey, Ruth Sheen, Lesley Manville
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...