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gesehen: Vaiana

© Walt Disney

Story


Die temperamentvolle und eigenwillige Vaiana ist von Geburt an mit einer einzigartigen Verbindung zum Ozean gesegnet. Mutig setzt sie die Segel und macht sich zusammen mit dem selbstverliebten Halbgott Maui auf die Suche nach den Geheimnissen ihrer Vorfahren. Ihr Weg birgt jede Menge aufregende Erlebnisse und Begegnungen mit den verrücktesten Kreaturen und führt Vaiana letztlich nicht nur auf die Spur ihrer Ahnen, sondern auch zu sich selbst!

Filmkritik: Findet Dorie

© Disney / Pixar

Story


„Doch, ich vergess immer alles sofort, das liegt bei uns in der Familie. Ähm, das heißt, zumindest glaube ich das...hmmm...wo sind die eigentlich?“ Warum Dorie wohl allein im Ozean unterwegs war an dem Tag an dem sie Marlin traf? Diese Frage stellt sich bereits in "Findet Nemo". Und endlich gibt es auch die Antwort darauf. Denn in "Findet Dorie" macht sich die unfassbar vergessliche Paletten-Doktorfisch-Dame nun gemeinsam mit Nemo und Marlin auf die Suche nach ihren Wurzeln. Einmal quer durch das Riff vor der kalifornischen Küste, zwischen versunkenen Schiffen und Riesenalgenwäldern hindurch, trifft das Trio auf altbekannte Gefährten wie die Aquariumbande, aber auch viele neue, lustige und liebenswerte Meeresbewohner und schwimmt spektakulären Abenteuern und aufregenden Überraschungen entgegen…

Serienkritik: Captain Future

© Universum Anime

Story


Curtis „Curt“ Newton ist der Sohn der genialen Wissenschaftler Elaine und Roger Newton. Als seine Eltern von dem bösen Victor Corvo umgebracht werden, ist Curtis gerade acht Jahre alt. Grag, ein Roboter, und Otto, ein Android, die beide von Curtis’ Eltern erschaffen wurden, übernehmen zusammen mit Professor Simon Wright, einem Wissenschaftler, der als separates Gehirn getrennt von seinem Körper in einem Spezialbehälter existiert, die Erziehung des Jungen. Dieser entschließt sich nach dem Tod seiner Eltern sein Leben als „Capain Future“ in den Dienst des Guten zu stellen und reift zu einem genialen Wissenschaftler heran. Ihm zur Seite sehen auch die attraktive Agentin der Planetaren Polizei Joan Landor sowie der Marshall Ezella Garnie. Zusammen durchqueren sie mit der Comet, dem besten Schiff im gesamten Weltall, Raum und Zeit um Frieden und Gerechtigkeit zu bewahren. Der ärgste Widersacher von Captain Future ist dabei Vul Kuolun, der Sohn von Victor Corvo, dem Mörder von Curtis’ Eltern, der das Werk seines Vaters fortführt und die Galaxie bedroht. Doch in den Weiten des Weltalls lauern noch zahlreiche weitere Gefahren, denen sich Capain Future stellen muss.


Filmkritik: Zoomania

© Disney
Story: Zoomania ist eine Metropole wie keine andere, eine Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten und Schmelztiegel der unterschiedlichsten Tierarten aus aller Welt: Wüstenbewohner leben in Sahara-Wolkenkratzern neben Eisbären in coolen Iglu-Appartements. Hier scheint für jeden einfach alles möglich, egal ob Spitzmaus oder Elefant. Doch als Polizistin Judy Hopps – jung, ehrgeizig, erster Hase bei der Polizei überhaupt – nach Zoomania kommt , stellt sie schnell fest, dass es gar nicht so einfach ist, sich als einziges Nagetier in einer Truppe aus knallharten und vor allem großen Tieren durchzubeißen. Eben noch dazu verdonnert, Knöllchen zu schreiben, erhält die aufgeweckte Hasendame vom Polizeichef ihren ersten großen Auftrag: Sie soll eine zwielichtige Verschwörung aufdecken, die ganz Zoomania in Atem hält. Ihr erster richtiger Fall erweist sich bald als eine Nummer größer als gedacht, doch Hopps ist fest entschlossen, allen zu zeigen, was sie drauf hat! Auch wenn sie dafür notgedrungen mit dem großmäuligen und ziemlich ausgefuchsten Trickbetrüger Nick Wilde zusammenarbeiten muss…

Kritik: Disney erforscht sich, so scheint es jedenfalls, aktuell immer wieder selbst. "Tangled" brachte eine moderne Version von Rapunzel, "Frozen", "Big Hero 6" und "Wreck it Ralph" bewegten sich in dem Spannungsfeld zwischen traditioneller Disney-Erzählung und moderner Herangehensweise. "Zoomania", oder wie er im Original (und deutlich sinnvoller) heißt, Zootopia, ist dabei zuerst einmal wunderschön anzuschauen. Spätestens wenn Judy mit dem Zug in die große Stadt fährt und wir als Zuschauer alle Bereiche zu sehen bekommen (eisige Welten gleich neben der Sahara und einem saftigen, satten Dschungel), macht sich staunen breit. Auch der Aufbau der Welt ist gewohnt liebevoll bis in die kleinsten Details durchdacht. Es mag sich um eine Welt handeln, in der nur Tiere leben, aber alles wirkt so, als ob dieser Ort tatsächlich existieren könnte. Hier finden sich dann auch schon die ersten Seitenhiebe auf unsere Gesellschaft, die für den einen oder anderen Lacher sorgen. Ebenso unterhaltsam sind zahlreiche Anspielungen seitens Disney auf aktuelles, popkulturelles Geschehen.
© Disney
Neu, oder zumindest relativ neu für Disney, ist der überdeutliche Bezug zu aktuellen Themen. An die immer wiederkehrende "Du kannst alles sein, was du willst" Botschaft haben wir uns bereits gewöhnt, und eine Armee von einzigartigen, speziellen Schneeflocken bevölkert momentan die Welt, nur um zu lernen, dass sie alle nicht so besonders sind wie ihre Eltern ihnen das eingeredet haben. Doch hier wirkt das alles ein wenig eindringlicher, und vor allem wird es dank der tierischen Protagonisten erfolgreich auf weitere Themengebiete ausgeweitet. Und genau hier begibt sich der Film auf eine Gratwanderung, die ihm nicht immer gelingt.

Denn es wird rasch deutlich, dass auch hier die Tiere stellvertretend für Menschen stehen. Und während die Kernaussagen des Films, nämlich dass Stereotype schlecht sind, dass jedem alle Möglichkeiten offen stehen und so weiter, innerhalb der geschlossenen (Tier-)Welt des Filmes noch angehen mögen, wird der Vergleich mit den Menschen kompliziert. Denn der Film nutzt schlicht die falschen Beispiele. Dass Hasen sich beispielsweise recht zügig vermehren, wenn das Umfeld es zulässt, dass Raubtiere niemals ganz gezähmt werden können und unberechenbar bleiben, sind Tatsachen, die sich nicht wegdiskutieren lassen. Und "Zoomania" liefert genügend Beispiele für beide Richtungen und spart sich die Differenzierung. Würde man hier zwei Menschen mit komplett unterschiedlicher Gesinnung ins Kino schicken, sie beide würden sich am Ende in ihrer komplett entgegensetzten Meinung bestätigt fühlen. Doch vordergründig ist die Botschaft des Films natürlich wunderbar umgesetzt und auch wichtig.
© Disney
Ansonsten gibt es hier für Disney doch eher untypische Kost, "Zoomania" entwickelt sich nämlich über seine Laufzeit hinweg durchaus zu einem Krimi mit Noir-Elementen. Ich will nichts verraten, aber wer sich für das Genre interessiert wird sich über ein paar witzige Anspielungen freuen. Ansonsten ist die Geschichte um Freundschaft und den Glauben an sich selbst schön erzählt, toll animiert und randvoll mit Anspielungen in alle Richtungen. Kurz gesagt: Kurzweilig, lustig, nachdenklich und mal wieder ein Volltreffer aus dem Haus mit der Maus.

Fazit:"Zoomania" hat ganz klar das Herz am rechten Fleck und thematisiert aktuelle Geschehnisse. Da wird anhand von Hasen und Füchsen die ganze Bandbreite von Sexismus, Rassismus, Benachteiligung und Stereotypen abgearbeitet, und das oftmals ziemlich eindeutig. Das ist, vor allem für Disneyverhältnisse, neu, wertet den Film aber ungemein auf. Dass er sich dann am Ende selbst wenigstens ein bisschen in die Pfanne haut, weil die angeführten Beispiele im Bezug auf Menschen mal so gar nicht funktionieren, ist zu verschmerzen. Darüber hinaus sieht "Zoomania" atemberaubend schön aus, steckt randvoll mit popkulturellen Hinweisen und weiß, wie man sein Publikum bei Laune hält, egal wie alt es ist.

Infos zum Film

Originaltitel: Zootopia
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Animation, Krimi, Drama, Komödie
FSK: 0
Laufzeit: 108 Minuten
Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush
Drehbuch: Jared Bush, Phil Johnston
Sprecher (englisch): Ginnifer Goodwin, Jason Bateman, Idris Elba, Jenny Slate, J.K. Simmons, Alan Tudyk, Bonnie Hunt u.a.

Trailer


Filmkritik: Kung Fu Panda 3


© Twentieth Century Fox of Germany GmbH
Story: Nachdem Panda Po sich damit arrangiert hat, der auserwählte Drachenkrieger zu sein, steht er vor neuen Aufgaben. Aus dem Schüler soll ein Lehrer werden. Als plötzlich sein leiblicher Vater auftaucht und ihm von einem Dorf voller Pandas erzählt ist die Freude zunächst groß. Doch der legendäre Ochsenkrieger Kai kehrt aus der Geisterwelt zurück und sammelt das Chi der anderen großen Meister ein, um stärker zu werden. Po muss seine Aufgabe als Lehrmeister erfüllen, wenn er seine Freunde und das Tal retten will.

Kritik: Auch das dritte Wiedersehen mit dem knuffigen Panda sorgt für eine Menge Spaß. Mit dem sympathischen Vielfraß mitzufiebern ist leicht, denn ganz klar hat der pelzige Geselle das Herz am rechten Fleck. Das altbekannte Team mit Tigress, Viper, Mantis und wie sie alle heissen ist ebenfalls vollzählig vertreten. Und auch wenn es sich um Nebenrollen handelt, so hat doch jeder seinen kleinen Moment und liefert einen wichtigen Beitrag. Die Wertevermittlung, die sich natürlich vornehmlich an ein jüngeres Publikum richtet, ist dezent, aber vorhanden. Freundschaft, Mut, der Glaube an sich selbst, sie alle spielen eine zentrale Rolle. Denn Po ist nicht mehr länger nur Schüler, er soll nun auch unterrichten. Und das ist leichter gesagt als getan. Dabei bleibt der Humor aber keinesfalls auf der Strecke, und wie in den vorherigen Teilen richtet er sich gleichzeitig an die Jüngsten im Saal, und an die Erwachsenen. Bei den Animationen wurde auch nochmals eine Schippe draufgelegt, jede Szene sieht fantastisch aus und macht Lust auf mehr.  
© Twentieth Century Fox
Der vermutlich größte Coup gelingt "Kung Fu Panda 3" aber dort, wo auf den ersten Blick wohl fast niemand hinschaut. Denn im dritten Teil taucht Pos leiblicher Vater auf. Mit immer mehr Patchworkfamilien und vielen Adoptiveltern und offenen Adoptionen sicher ein Thema, das Fingerspitzengefühl verlangt. Und genau das beweisen die Autoren. Zwar lügen beide Väter ihren Sohn in manchen Situationen an, und ich hätte mir eine andere Lösung für diese kleinen Lügen gewünscht. Im großen und ganzen entstehen aber alle Konflikte aus der simplen Tatsache, dass beide Väter das beste für Po wollen. Mr. Ping ist dazu noch extrem unsicher, denn mit Pos leiblichem Vater hat er wohl einfach nicht gerechnet. Po wird aus diesen Streitereien aber weitestgehend herausgehalten. Er wird auch niemals vor die Wahl gestellt, ohne viel Aufheben arbeiten Ziehvater und leiblicher Vater zusammen, um Po so gut es geht zu helfen. In schön miteinander verflochtenen Szenen entdeckt Po seine Gemeinsamkeiten mit all den anderen Pandas. Und Mr. Ping, sein Ziehvater, erkennt dass die anderen Pandakinder sind wie Po und somit sein eigener Sohn. Ein kleiner, aber wichtiger Beitrag in Sachen Interkulturalität.
© Twentieth Century Fox
Da stresst es auch kaum, dass die Geschichte stellenweise doch sehr vorhersehbar ist. Unvorhersehbares und überraschende Wendungen bleiben komplett aus. Pos Vater ist in seiner Handlung ein besonders extremes Beispiel für diese Vorhersehbarkeit. Aber da sich die Reihe nach wie vor in erster Linie an Kinder richtet ist dies wohl zu verschmerzen. Mit Kai hat man einen zunächst eindrucksvollen Gegenspieler entworfen, der dann aber doch in der endlosen Masse an farblosen, schnell vergessenen Bösewichten untergeht.

Fazit: Auch im dritten Teil bewegt sich Panda Po auf zuverlässigem Gebiet. Die Witze zünden, die Story ist zwar nicht neu, mit dem sympathischen Panda fiebert man aber natürlich trotzdem mit. Und im dritten Teil sind die Animationen, das muss festgehalten werden, wirklich atemberaubend schön gelungen.Da stört es auch kaum, dass die Geschichte sich doch das eine oder andere Mal unnötig selbst ein Bein stellt. Schön wäre es gewesen, einen etwas bedrohlicheren Gegenspieler zu erschaffen, Kai wirkt doch relativ häufig eher harmlos. Andererseits steht natürlich die Frage im Raum, wie böse es in einem Familienfilm zugehen darf.   
© Twentieth Century Fox
Infos zum Film

Originaltitel: Kung Fu Panda 3
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Komödie, Abenteuer, Animation
FSK: 0
Laufzeit: 96 Minuten
Regie: Jennifer Yu, Alessandro Carloni
Drehbuch: Glenn Berger, Jonathan Aibel
Sprecher: originale Stimmen: Jack Black, Bryan Cranston, J.K. Simmons, Dustin Hoffmann, Angelina Jolie, Lucy Liu, Seth Rogen, David Kross, Jean-Claude Van Damme u.a. deutsche Sprecher: Hape Kerkeling, Gottfried John, Bettina Zimmermann, Cosma Shiva Hagen, Ralf Schmitz u.a.

Trailer

Filmkritik: Kikis kleiner Lieferservice

© Universum Film GmbH
Story: Dies ist die Geschichte der kleinen Hexe Kiki, die sich gemäß der uralten Hexentradition mit ihrem schwarzen Kater Jiji aufmacht um ein Jahr lang alleine an einem anderen Ort zu leben, damit sie dort ihre Hexenkräfte vervollkommnen kann.
Ihre neue Wahlheimat ist eine große Stadt am Meer, wo sie durch einen glücklichen Zufall bei einer Bäckerfamilie eine Unterkunft findet. Das Haus wird Dreh- und Angelpunkt ihres ersten eigenen kleinen Lieferservices, der nach ein paar Startschwierigkeiten sehr gut läuft. Allerdings macht Kiki die Einsamkeit in der Großstadt und die Tatsache, dass sie anders ist als andere Kinder schon bald zunehmend Probleme.

Kritik: "Kikis kleiner Lieferservice" ist Hayao Miyazakis erstes Werk innerhalb des Studio Ghibli nach "Mein Nachbar Totoro" gewesen, und auch wenn es keine direkte Fortsetzung von Totoro ist, so könnten beide Filme doch Geschwister im Geiste sein. Denn wo Totoro sich der Kindheit annimmt erinnert Kiki uns alle daran, wie sich der Beginn der Pubertät angefühlt hat. 

© Universum Film GmbH
Dabei ist die Geschichte an sich simpel. Kiki folgt einem alten Brauch und zieht mit 13 Jahren für ein Jahr in eine fremde Stadt, um ihre Zauberkräfte zu vervollständigen. Hayao Miyazaki erschafft hier erneut eine fantastische Welt, in der beide Weltkriege niemals stattgefunden haben und in der Hexen etwas Alltägliches sind. Das Ausblenden der Weltkriege führt vor allem bei den Fortbewegungsmitteln zu wunderschönen Anachronismen, und typisch für Miyazakis Werke wird dem Fliegen als ultimative Form der Freiheit in vielerlei Hinsicht große Bedeutung beigemessen. Tombo, der übereifrige Junge und Verehrer von Kiki könnte sicher als Parallele zu Miyazaki selbst interpretiert werden, denn Kikis Fähigkeit zu fliegen ist was ihn zunächst zu ihr hin zieht. Wie auch bei Totoro steht also auch hier eine junge Frau im Mittelpunkt, doch während bei Totoro zwei Mädchen langsam eine magische Welt kennen lernten reist Kiki von einer magischen Welt in eine Welt in der Magie nicht ganz so alltäglich ist. Hier setzen nun verschiedene Erzählebenen ein. 

© Universum Film GmbH
Zum einen wäre da eine kindgerechte Geschichte. Kiki lernt im Verlauf des Films an sich zu glauben, in ihre Kräfte zu vertrauen. So weit, so gut, eine wirklich besondere Angelegenheit ist das nicht, denn diese Form der Erzählung lässt sich vermutlich in jedem beliebigen Disneyfilm ebenfalls finden. Interessanter wird es, wenn man sich eine Schicht tiefer begibt. Dort beginnt "Kikis kleiner Lieferservice", Jugendliche anzusprechen. Kiki wird von außen sozusagen in die Unabhängigkeit gezwungen, gleichzeitig ist sie getrieben vom Willen sich zu behaupten. Sie muss ihren Platz in einer Welt voller Erwachsener finden. Sie spürt, dass sie nicht zu den anderen Kindern passt, die ihr Kindsein noch in vollen, lauten Zügen genießen. In gewisser Weise zahlt Kiki den Preis, den wir alle gezahlt haben als wir erwachsen wurden: die Kindheit in all ihrer Unbeschwertheit wird immer mehr zu einer Erinnerung. Gleichzeitig kämpft sie dafür das tun zu können, was sie liebt. Als Erwachsener sind all dies Dinge an die man sich erinnert, doch Kiki wohnt noch eine weitere Ebene inne. Mit ihrem Lieferservice macht sie nicht nur schöne Erfahrungen, einige Kunden sind extrem unfreundlich zu ihr. Der Alltag und die Routine schleichen sich ein und zehren im wahrsten Sinne des Wortes an ihren Kräften. Streng genommen ist Kikis Leben nichts Besonderes: es gibt keine magische Prophezeiung die ihr ein großes Schicksal vorhersagt. Sie ist keine Nachfahrin einer berühmten Persönlichkeit, es gibt kein Erbe welches sie antreten könnte. Kiki ist, zumindest in ihrer magiedurchzogenen Welt, ein ganz normales Mädchen. Ein Mädchen, das sehr schnell lernt dass der Arbeitsalltag größtenteils aus Wiederholungen besteht, garniert mit unfreundlichen Menschen. Ein Alltag, in dem aufmunternde Worte einer fremden Person schnell mal zum Highlight der Woche werden können. 

© Universum Film GmbH
Ungewöhnlich, zumindest für westliche Zuschauer, dürfte auch die Tatsache sein dass es in Kikis Welt nichts wirklich Böses gibt. Sicher, einige Menschen sind unfreundlich. Doch Kiki selbst ist immer freundlich und hilfsbereit, und auch ihre Umgebung reflektiert dieses Verhalten. Sie wird von Osono freundlich aufgenommen, und selbst Momente wie die erste Begegnung mit Ursula im Wald verlaufen positiv. Das Ausbleiben eines Antagonisten sorgt für ein gemächliches Erzähltempo, und würde man gemein sein wollen könnte man Kiki sicher vorwerfen langweilig zu sein. Aber dafür müsste man eben auch all die feinen Schichten unter der Oberfläche ignorieren. Und selbst dann würde noch immer eine wunderschön gezeichnete Welt voller feinsinnigem Humor bleiben. Besonders die teilweise vor Sarkasmus triefenden Kommentare von Kater Jiji (natürlich, stilgerecht für eine Hexe kohlrabenschwarz) sind wunderbar pointiert. Spuren von Melancholie sind ebenfalls zu finden, spätestens wenn Jijis Scharfzüngigkeit mit Kikis schwindender Kraft einem unverständlichen Miauen weichen muss leidet der Zuschauer mit. Und Kikis Konflikt mit der eigenen Bestimmung, oder vielmehr deren Ausbleiben, bietet leichte Identifikationsfläche für die meisten Zuschauer. Innerhalb dieser ruhigen Inszenierung fühlt sich nicht einmal der Showdown überladen an, er ist für Kiki nur ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Die Form der Bestätigung im Alltag, nach der sich so viele von uns sehnen. Ebenfalls subtil präsent ist die Entwicklung vom traditionellen hin zur Moderne. Kiki ist besonders zu Beginn der Geschichte mit Traditionen behaftet: sie übernimmt den Besen ihrer Mutter, sie kleidet sich, ganz wie die Hexentradition es verlangt, in schwarze Gewandung. Doch sie durchbricht diese starren Muster, bindet sich eine rote Schleife ins Haar und sticht so deutlich aus der Masse heraus. Gänzlich gebrochen wird hingegen das traditionelle Verständnis von Hexerei und Magie, die nur dem Selbstzweck dient und das Leben leichter macht. Kiki hat magische Kräfte, diese sorgen aber nicht dafür dass sie von Kummer und Problemen verschont bleibt. Das macht sie, trotz ihrer Fähigkeiten, zu einer extrem humanen Figur. Dazu trägt auch ihre Verletzlichkeit bei, die am Ende nicht als Schwäche ausgelegt wird, sondern Kiki hilft ihre Probleme zu überwinden. Es reicht eben nicht, eine besondere Fähigkeit zu haben. Man muss auch lernen, wie und wofür man diese einsetzen kann, um sich nicht selbst zu verlieren.

Fazit: Wie so oft wirkt "Kikis kleiner Lieferservice" oberflächlich betrachtet wie ein reiner Kinderfilm. Doch unter der gewohnt schönen Animation verbergen sich erneut zahlreiche Themen, die ein erwachsenes Publikum auf durchaus emotionale Art ansprechen. Der direkte Nachfolger von "Mein Nachbar Totoro" entpuppt sich als dessen logische Fortsetzung im Geiste, statt der unbeschwerten Kindheit steht nun die Adoleszenz mit all ihren Problemen im Fokus. "Kiki" ist dabei herzensgut und fliegt gemeinsam mit Katerchen Jiji geradewegs ins das Herz des Zuschauers. Ruhig, aber umso charmanter ist "Kikis kleiner Lieferservice" ein Film, der auf seine ganz eigene Weise zu begeistern weiß.  



Die Blu-ray: Gewohnt schick kommt die Studio Ghibli Blu-ray Collection aus dem Hause Universum Anime daher. Die Kanten des Pappschubers sind leider arg anfällig für Dellen und auch die FSK-Aufkleber lassen sich nicht immer rückstandslos entfernen. Doch die Optik ist überzeugend. Das Bild der Blu-ray ist scharf und die Farben wirken lebendig. Neben der japanischen Sprachfassung liegt natürlich auch die deutsche Tonspur bei (beide in DTS-HD MA 2.0), die Sprecher machen einen guten Job. Auffällig ist, dass Jiji in der Originalfassung deutlich weniger sarkastisch wirkt, da scheint man sich bei der amerikanischen Synchronisation (übrigens mit Kirsten Dunst als Kiki) orientiert zu haben. Untertitel in deutsch liegen ebenfalls vor. Besonders toll sind die Extras: 137 Minuten werden mit Storyboards zum kompletten Film gefüllt, obendrauf gibt es den japanischen Originaltrailer so wie weitere Trailer zu anderen Ghibli-Werken. Einen detaillierten Blick auf Ursulas Gemälde bekommt man ebenfalls.

Infos zum Film
Originaltitel: Majo no takkyûbin
Erscheinungsjahr: 1989
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 103 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Minami Takayama, Rei Sakuma, Kappei Yamaguchi, Keiko Toda u.a. Deutsche Stimmen: Melina Borcherding, Jochen Bendel, Petra Einhoff u.a.

Trailer


Filmkritik: Arlo & Spot

© Pixar
Story: Arlo hat es nicht leicht. Der kleine Apatosaurier ist der Nachzügler der Familie, die sich als Farmer betätigt. Nicht einmal den kleinen Menschenjungen, der heimlich die Vorräte der Familie stiehlt kann er vertreiben. Doch beim erneuten Versuch wird Arlo vom Fluß davongetragen und muss, gemeinsam mit dem Menschenkind Spot, den Weg nach Hause finden. Auf der abenteuerlichen Reise treffen sie auf viele andere Dinosaurier und es entwickelt sich eine innige Freunschaft zwischen den beiden ungleichen Wesen. 

Kritik: Pixar hat 2015 wirklich einen Lauf. "Alles steht Kopf" entpuppte sich nicht nur als bester Film des Studios seit langem, sondern als generell großartiges Meisterwerk über den Umgang mit unseren Gefühlen. Nun ist "Arlo & Spot" zu sehen, und der Film kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Der Regisseur wurde ausgetauscht, der Film ging zurück ans Zeichenbrett und kam mit 18 Monaten Verspätung ins Kino. Mit diesem Hintergrundwissen kommt man kaum darum herum sich zu fragen, welche Szenen im Film ausgetauscht wurden, oder wie die Originalfassung ausgesehen hätte. Denn "Arlo & Spot" ist nett. Mehr aber irgendwie auch nicht. Die Kritik enthält vermutlich Spoiler, der Film ist aber tatsächlich so vorhersehbar und ereignislos dass diese vermutlich nicht wirklich zu Buche schlagen. Dennoch, ihr wurdet gewarnt.
© Pixar
Besonders gelobt gehört der Animationsstil. Nicht unbedingt von den Figuren, ich zumindest frage mich wieso  die Dinosaurier so extrem verniedlichen musste. Sicher, zu einem gewissen Anteil müssen sie verniedlicht werden, schon allein damit man ihnen die Emotionen im Gesicht ablesen kann, aber die Kollegen hier sind schon arg überzogen. Arlo, der kleine und besonders ängstliche Apatosaurus ist aber natürlich trotzdem überaus putzig geraten, man gewöhnt sich überraschenderweise doch sehr schnell an die eigenwillige Optik. Aber der heimliche Star sind ganz klar die Landschaften. Was hier aus dem Computer herausgezaubert wurde trotzt einfach jeder Form der Beschreibung, die Landschaften sehen aus wie abfotografiert. Auch der Humor passt größtenteils. Die Slapstickeinlagen sind vermutlich vor allem für die kleineren Zuschauer witzig, treffen aber auch die Erwachsenen. Interessante Nebenfiguren, wie beispielsweise ein Rudel Tyrannosaurier mit einer eigenwilligen Berufswahl, gibt es ebenfalls. Ein wenig schwer zu erklären ist eine kurze, aus dem Nichts kommende Sequenz in der die beiden Hauptfiguren vor sich hin halluzinieren, sie erinnert ein wenig an "Pinocchio". Und zwischendrin wird es dann auch emotional, beispielsweise wenn Dino- und Menschenkind versuchen sich gegenseitig zu erklären wie es dem Rest ihrer jeweiligen Familie ergangen ist. Auch die Idee dass der Meteorit einfach an der Erde vorbeigerauscht ist und die Dinosaurier mit den Menschen gemeinsam auf dem Planeten leben ist witzig, wird aber im Film kaum genutzt.

© Pixar
Leider sind das aber auch beinahe schon alle Höhepunkte, die der Film zu bieten hat. Vor allem für Disneykenner gibt es hier absolut nichts Neues zu entdecken. Schlimmer noch, einige Szenen sind schrecklich offensichtlich aus anderen Filmen geklaut. Besonders der Einfluss von "König der Löwen" ist spürbar. So wie es eigentlich für Disney und weniger für Pixar typisch ist darf man sich zum Beginn des Films von einem Elternteil verabschieden, und hier wurde eine Herde Gnus einfach durch Wassermassen ersetzt. Später gibt es dann eine Stampede, natürlich mit einem Stein, hinter dem sich der verschreckte kleine Dinosaurier verstecken kann. Die Flugsaurier erinnern zu sehr an die Hyänen, vielleicht auch die Geier aus "Robin Hood", obwohl sie netterweise ihre ganz eigenen Spleens mitbringen und ihr Glaube, es handle sich bei schlechtem Wetter um eine anzubetende Gottheit, fast schon niedlich ist, weil sie natürlich keinerlei Sinn ergibt. Und am Ende steht, ganz wie im Dschungelbuch, die Erkenntnis dass Menschen und Tiere besser bei ihren jeweiligen Herden aufgehoben sind. Was sowieso ein wenig verwundert, denn davor ist nicht genug passiert um die starke Bindung zwischen den beiden Figuren zu rechtfertigen. Auch fühlt die Geschichte sich unbefriedigend an, denn mit Arlo passiert einfach zu wenig. Er wird in ein Abenteuer geworfen, er wird ein wenig erwachsener, ist am Ende mutiger und der Dino, den sein Vater in ihm gesehen hat. Was schön und gut ist, wäre da nicht seine Familie. Zu Beginn wird lange davon erzählt wie wenig sie mit der drohenden Hungersnot zurechtkommen, und man erwartet beinahe schon das Arlo unterwegs etwas findet um seiner Familie zu helfen. Dem ist aber nicht so, und seine schlussendliche Heimkehr unterstreicht diese Tatsache beinahe schon schmerzhaft. Nun, wenigstens sind nun alle überlebenden Familienmitglieder beisammen um gemeinsam nicht durch den harten Winter zu kommen. "Arlo & Spot" merkt man an zu vielen Stellen einfach an, dass die Geschichte nicht rundläuft, dass viel mehr Potential da gewesen wäre und man sich am Ende wohl nur darauf geeinigt hat den harmlosesten, weil nichtssagendsten Pixar-Film seit langem zu machen. 

Fazit: Besonders bei der Animation der Landschaften hat Pixar sich hier selbst übertroffen. Teilweise ist kaum noch zu unterscheiden ob man nun ein Panoramafoto anschaut oder eine animierte Landschaft, so realistisch sieht das alles aus. Würde es sich hier um ein reines Projekt handeln in dem gezeigt werden soll was Pixar momentan leisten kann, man müsste Höchstwertungen vergeben. Leider ist dem aber nicht so, und "Arlo & Spot" krankt dann auch an der ganz falschen Stelle. Die Figuren sind zu eindimensional, die Geschichte zu banal erzählt. Entschleunigung ist schön und gut und auch jederzeit willkommen, doch dieser Film lässt sich mit "Dino geht verloren, Dino findet Mensch, Dino geht nach Hause" in einem Satz vollumfänglich erklären. Herzig ist das natürlich trotzdem irgendwie, hier und da sitzt der Humor und wer nahe am Wasser gebaut ist wird hier sicher auch Taschentücher verbrauchen, denn stellenweise ist "Arlo & Spot" traurig. Aber unterm Strich fühlt sich das alles an wie dreimal recycelt und das drücken auf die Tränendrüsen erfolgt so dermaßen berechnet dass man sich hinterher ärgert, darauf hereingefallen zu sein. Ein schön anzusehender, netter Film, aber leider auch nicht mehr als das.


Infos zum Film

Originaltitel: The Good Dinsaur
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Komödie, Animation, Abenteuer
FSK: 6
Laufzeit: 94 Minuten
Regie: Peter Sohn 
Drehbuch: Meg LeFauve
Sprecher: Raymond Ochoa, Jack Bright, Frances McDormand, Jeffrey Wright, Anna Paquin, Sam Elliott u.a.

Trailer

Filmkritik: Chihiros Reise ins Zauberland

© Universum Film GmbH
In dieser Kritik schauen wir uns einen wahren Meilenstein der jüngeren Filmgeschichte an. "Chihiros Reise ins Zauberland" kann nämlich auf eine ganz und gar eindrucksvolle Geschichte zurückblicken. Nachdem es unter anderem auf der Berlinale 2002 einen Goldenen Bären gab, gelang dem Film von Hayao Miyazaki auch der Sieg bei den Oscars für den animierten Film. Wohlgemerkt ist es der erste Anime und der erste nicht-englischsprachige Animationsfilm, dem diese Ehre zuteilwurde. Außerdem warf Chihiro in Japan Titanic vom Box-Office-Thron und nahm 200 Millionen Dollar ein bevor er auch außerhalb von Japan im Kino lief. Sowohl finanziell als auch bei Kritikern und Awardverleihungen war Chihiro also ein enormer Erfolg. Wie bei vielen Ghibli-Filmen war im Vertrieb außerhalb von Japan Disney stark involviert, und es war der heutige Disney-Kreativchef John Lasseter, der gemeinsam mit einem großen Team von Miyazaki-Anhängern bei Disney den Film synchronisieren ließ. Aus der Zusammenarbeit entwickelte sich eine Art Freundschaft zwischen Lasseter und Miyazaki, die unter anderem Thema einer ganzen Dokumentation ist. Zeit also, sich den Film mal genauer anzusehen. 


Story: Die zehn Jahre alte Chihiro ist gar nicht begeistert, mit ihren Eltern von Tokio in einen kleinen Vorort umzuziehen und dabei alle ihre Freunde hinter sich zu lassen. Auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause verirrt sich die Familie und stößt dabei auf einen geheimnisvollen Tunnel. Sie wissen nicht, dass sich auf der anderen Seite des Tunnels die Zauberwelt Aburaya befindet - eine Welt, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Sie kommen in eine verlassene Stadt und finden ein leeres Restaurant, wo Chihiros Eltern sich gierig auf das Essen stürzen - und in Schweine verwandelt werden. Plötzlich erscheint ein geheimnisvoller Junge namens Haku, der Chihiro erklärt, dass es nur eine Möglichkeit gibt, ihre verzauberten Eltern zu retten: Sie muss in den Dienst der bösen Hexe Yubaba treten, die nicht nur die Zauberwelt von Aburaya beherrscht. Chihiro stellt sich dieser Herausforderung und macht sich auf eine Reise, auf der sie ungeahnten Mut, eine bisher nicht gekannte Willenskraft und Ausdauer beweisen muss.....
© Universum Film GmbH
Kritik: "Chihiros Reise ins Zauberland" erwischte mich auf völlig kaltem Fuß, denn ich wusste vorher nichts über die Handlung und den Inhalt. Also wurde ich kurzerhand in diese Welt hineingeworfen, und wie Chihiro musste auch ich mich erst einmal zurecht finden. Gleich zu Beginn fiel mir auf, wie rational Chihiro wirkt, und wie unvernünftig ihre Eltern eigentlich sind. Eine rare Angelegenheit, werden doch sonst immer die Kinder als die unvernünftigen portraitiert. Mit dieser Ausgangslage hatte der Film mich dann auch recht schnell um den Finger gewickelt, aber ich hatte ja keine Ahnung. Immer noch schwer von meiner disneygeprägten Kindheit geschädigt saß ich also 10, 15 Minuten lang hier und wartete auf die Katastrophe...

Die so natürlich nicht eintritt. Statt die Eltern brutal um die Ecke zu bringen wird ihre stark ausgeprägte Gier bestraft indem sie in Schweine verwandelt werden. Was sich aber, und das ist überraschend, so gar nicht ungerechtfertigt anfühlt, denn mal ehrlich: einfach so über fremdes Essen herfallen ist schrecklich unhöflich. Das lässt natürlich Chihiro mutterseelenallein und verängstigt zurück, doch am Ende handelt es sich auch hier um eine Coming of Age Geschichte, und so bricht das kleine Mädchen zu einer ganz persönlichen Reise auf. Und schon an dieser Stelle kam Freude auf, denn wenn ich eines mag, dann sind es Mädchen und Frauen, die sich nach einem Rückschlag aufraffen und allen Abenteuern und Gefahren trotzen. Und genau das macht Chihiro, begrenzt auf einen eigentlich sehr überschaubaren Raum, nämlich im Badehaus der Hexe Yubaba. 

Neben der Coming of Age Thematik finden sich hier auch zahlreiche andere Elemente, die in für Miyazakis Werken immer wieder durchschimmern, beispielsweise der Umweltaspekt, der durch den nahezu vergifteten und schrecklich stinkenden Besucher des Badehauses aufgegriffen wird. Besonders interessant ist bei Chihiro aber die auch in anderen Filmen vorkommende Zweiteilung zwischen kindgerechter Geschichte und Erzählung für Erwachsene. Oberflächlich betrachtet ist die Geschichte ja schnell erzählt: Chihiro muss sich nach einer Krise zusammenreißen und stark sein, wenn sie ihre Eltern wiedersehen will. Unterwegs findet sie ungewöhnliche Freunde, und am Ende wird natürlich alles gut. Doch unter diesem leicht bekömmlichen Dekor verbergen sich zahlreiche weitere Aspekte. Schält man die atemberaubenden und unfassbar detailreichen Bilder beiseite offenbart sich ein wahres Schatzkästchen. Das fängt schon damit an dass dem Kind die Zeit gegeben wird, zu trauern. Ihre Sorgen werden zumindest von einigen Bewohnern des Badehauses nicht einfach abgetan, und der reflektierte Umgang mit der Situation ermöglicht dem Mädchen, an der Lage zu wachsen.
© Universum Film GmbH
Für Chihiro steht im Badehaus, obwohl sie ihre Eltern retten will, sie selbst an erster Stelle. Nicht weil sie besonders egoistisch wäre, doch die Hexe Yubaba herrscht mit eiserner Hand über ihr Badehaus. Sie stiehlt ihren Mitarbeitern den Namen und ersetzt ihn durch einen simplen, nichtssagenden anderen. Nun gibt es viele Kulturen in denen die Besonderheit des eigenen Namens hervorgehoben wird, in denen es immer ein Zeichen von Macht ist wenn man den wahren Namen des Gegenübers kennt. Yubaba nimmt Chihiro und allen anderen Mitarbeitern Stück für Stück ihre Identität und lässt sie nach und nach vergessen wer sie sind. Auch optisch gleichen sich die Mitarbeiter, sind von der Bekleidung her nicht zu unterscheiden und auch die Statur ist ähnlich. Auch andere Probleme, die nicht nur am Arbeitsplatz auftreten können sind hier vorhanden. Chihiro erfährt Diskriminierung weil sie ein Mensch ist, die Frauen im Badehaus müssen sich widerliche Sprüche der Männer anhören. Es gibt nur Yubaba und das Wohl der Gäste, dem sich alle mehr oder weniger freiwillig verschreiben. No-Face mit seiner Maske und seiner Unfähigkeit sich zu artikulieren repräsentiert die unterste Stufe, denn der Zugang zum Badehaus ist ihm verwehrt und er trägt nicht einmal einen vereinfachten Namen. Kein Wunder will Yubaba ihm den Zugang verwehren, denn in seinem späteren Verhalten reflektieren sich all die unschönen Triebe und Wünsche, welche die anderen Besucher, die Arbeiter und die Besitzerin heimsuchen.

Diese Arbeiterthematik zieht sich bis in die Zugfahrt gegen Ende des Films hinein. Jeder, der schon einmal im Feierabendverkehr von der Arbeit nach Hause gependelt ist dürfte die leeren Gesichter kennen, die man in Bus und Bahn zu sehen bekommt. Wie die Geister im Film sind die meisten von ihnen gesichtslose Wesen die nachdenklich ins Nichts oder auf ihr Smartphone starren. In diesem Film wird diese Tristesse durch Chihiros Anwesenheit noch verstärkt, denn das alles fühlt sich für ein Kind einfach falsch an. Für Chihiro ist es ein Ausblick in eine unschöne Zukunft, für den erwachsenen Zuschauer ist es nur zu oft eine schmerzhafte Erinnerung an den eigenen Arbeitsalltag. Eigene Träume von dem Leben, welches man führen wollte, das nun aber in unerreichbarer Ferne liegt. Gedankenspiele nach dem Motto "was wäre wenn?", und man redet sich ein dass man, wie es in diesem Lied heißt, doch jederzeit die Sachen packen könnte und an Ferne Orte reisen kann. Aber am Ende bleibt man doch in seinem Alltag gefangen, freiwillig. Die Fahrt in die Nacht, die scheinbar ewig dauert ist extrem deprimierend und sie markiert den Abgang der Unschuld von der Bühne in den ruhigsten, umso mehr verstörenden Tönen. Es ist eine durch und durch beeindruckende Szene.
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Doch die Wiederherstellung der Unschuld lässt nicht auf sich warten. Die Rückreise auf Hakus Rücken, die Wiederentdeckung der Namen und somit auch das erneute aufkeimen der Unschuld werden durch den Fall symbolisiert, dem keiner der beiden mit Angst begegnet. Möglich dass die Kindheit irgendwann zu Ende geht, doch es ist niemals zu spät um ihr einen kurzen Besuch abzustatten, und es ist sicher nicht zu spät für Chihiro, den Weg zurück in die Unbeschwertheit zu finden. Hier kommt dann auch wieder das Thema der Identität ins Spiel, denn auch wenn sie sich an Haku erinnert, so ist die Erinnerung an sich selbst doch verblasst. Dies erklärt vielleicht auch ihre Reaktion auf die präsentierten Schweine, aus denen sie ihre Eltern heraussuchen soll. Da Chihiro sich aber nicht an ihr vorheriges Leben erinnern kann dürfte auch die Erinnerung an die Eltern fehlen. Es ist fraglich, inwieweit sie sich überhaupt an die Eltern erinnert, und eigentlich spielt es ja auch keine Rolle. Selbst wenn sie ihre Eltern nicht erkannt hätte, selbst wenn die Eltern anwesend gewesen wären, Chihiro hat eine gewisse Schwelle übertreten die ihr unbeschwertes altes Leben in gewisser Weise überflüssig gemacht hat. Sie wäre auch in Zukunft ohne ihre Eltern zurechtgekommen, so wie Haku, Lin und Kamaji eben auch irgendwie zurechtkommen. So wie wir alle irgendwie zurechtkommen. Der Trick ist, tief im inneren an der Person festzuhalten, die man als Kind war, während man durch das oftmals triste Dasein als Erwachsener navigiert.

Visuell ist das natürlich, wie gewohnt, absolute Spitzenklasse. Der Detailreichtum, die Vielzahl an skurrilen Figuren die scheinbar alle irgendwo in Miyazakis Kopf hausen und sich ab und an den Wegs auf das Papier bahnen, "Chihiros Reise ins Zauberland" kann man sich wieder und wieder anschauen, nur um auf Entdeckungsreise zu gehen. Das verwunschene Badehaus erinnert ein wenig an "Alice im Wunderland", nur noch ausschweifender. Da wird schnell mal eine Treppe ohne Geländer zu einer bedrohlichen Angelegenheit aus Kinderaugen, und selbst als Erwachsener ringt einem diese monströse Konstruktion Respekt ab. Einige Kreaturen, wie beispielsweise Kamaji mit seinen vielen, nach Bedarf unterschiedlich langen Armen kann man nur als verwunderlich bezeichnen. Jedes Mal wenn man davon ausgeht dass es nicht seltsamer werden kann kommt etwas Neues hinzu. Ein Schiff voller Geistermasken. Ein Zug, dessen Schienen unter Wasser liegen. Bis über den Bildrand hinaus ist das Zauberland bevölkert von Kreaturen, die einzigartig sind. Keine davon fühlt sich irgendwie geklaut oder ausgeliehen an. Das Badehaus präsentiert eine völlig abgeschlossene Welt in seinen vier Wänden, und das Innenleben scheint generell größer zu sein als die Außenhülle es vermuten lassen würde. Der Detailreichtum geht so weit, dass sich hunderte von Dingen im Haus finden lassen, die für die Geschichte völlig irrelevant sind. Aber sie sind da, machen das Haus lebendig und lassen einen wünschen, wenigstens für kurze Zeit auch auf Entdeckungstour gehen zu können. Die von satten Rottönen dominierte Farbpalette des Films ist unerschöpflich und komplettiert einen visuellen Stil, der mir bisher noch nie in dieser Form begegnet ist. Und weil all dies noch nicht reicht komponierte Joe Hisaishi erneut einen Soundtrack, dessen ruhige Töne allein dafür sorgen dass die Tränen fließen, während in aufregenden Momenten ein Gänsehautschauer den nächsten von den Zehen zum Scheitel und wieder zurück jagt.
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Fazit: Es ist immer so seltsam wenn man einen Film als perfekt bezeichnet. Doch wenn sich einer das verdient hat, dann "Chihiros Reise ins Zauberland". Mitreißend, tiefgründig, wunderschön animiert, versehen mit einem ergreifenden Soundtrack und so detailverliebt dass man ihn mehrmals hintereinander schauen kann und jedes Mal etwas Neues entdecken würde: Hayao Miyazaki ist mit diesem Werk etwas ganz, ganz Großes gelungen. Etwas, dessen vollen Umfang man so gar nicht in Worte fassen kann. 

Infos zum Film

Originaltitel: Sen to Chihiro no kamikakushi
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 125 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Rumi Hiiragi, Miyu Irino, Mari Natsuki,  Yumi Tamai u.a. Deutsche Stimmen: Sidonie von Krosigk, Tim Sander, Nina Hagen, Cosma Shiva Hagen u.a.

Trailer


Filmkritik: Das wandelnde Schloss

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Nachdem ich erst vor kurzem "Mein Nachbar Totoro" und "Prinzessin Mononoke" gesehen hatte und natürlich sofort hier besprechen musste ist es nun wieder Zeit für einen weiteren, zauberhaften Film des unverschämt kreativen Hayao Miyazaki und dem Studio Ghibli. Bei "Das wandelnde Schloss" handelt es sich um die Verfilmung des britischen Buches "Howl's Moving Castle" von Diana Wynne Jones, welches bereits 1986 erschien, aber eine besonders zum Ende hin ganz andere Geschichte erzählt. Wer gerne liest sollte sich das Buch und die beiden Nachfolger nicht entgehen lassen. Gleichzeitig eine Liebesgeschichte, ein Abenteuer und ein Portrait über das Leben in Zeiten des Krieges ist "Das wandelnde Schloss" ein Film, den man sich durchaus genauer ansehen sollte. Miyazakis neunter Film markiert auch eine Rückkehr zu klassischeren Themen wie Magie, gleichzeitig ist es nach "Kikis kleiner Lieferservice" die zweite Geschichte, die nicht komplett von ihm ausgedacht ist. Die Buchvorlage ist sogar nicht einmal japanisch, sondern, wie weiter oben erwähnt, britisch. 2006 war er für einen Oscar in der Kategorie "Bester Animationsfilm" nominiert, verlor aber gegen "Wallace und Gromit". Wieso der Film sich aber hinter keinem anderen verstecken muss, das erfahrt ihr in der Kritik. 

Story: Das Mädchen Sophie arbeitet als Hutmacherin im Geschäft ihres verstorbenen Vaters. Bei einem Besuch in der Stadt lernt sie zufällig den Zauberer Hauro kennen. Sie verliebt sich in ihn und wird daraufhin von einer eifersüchtigen Hexe mit einem Fluch belegt, der sie in eine alte Frau verwandelt. Sophie verlässt im Körper einer 90-Jährigen ihre Heimatstadt und zieht in die Ferne, um Hauro zu suchen und den bösen Fluch rückgängig zu machen. Schließlich findet sie ihn und arbeitet als Putzfrau in seinem geheimnisvollen "wandelnden Schloss", das Türen in vier verschiedene Welten und Zeiten öffnen kann. Feuerteufel Calcifer, der das Haus bewacht, und Hauros kindlicher Assistent Markl werden bald ihre Freunde - nur Hauro schenkt ihr kaum Beachtung. Als er jedoch vom König berufen wird, sein Land vor dem drohenden Krieg zu retten, übernimmt er Verantwortung. Sophies wachsende Liebe zu ihm vermag schließlich den Fluch zu lösen, sie beide zu retten und die Welt vor Zerstörung zu bewahren...
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Kritik: Reden wir doch zunächst über das visuelle. Für "Das wandelnde Schloss" wurde beispielsweise das Schloss selbst am PC animiert, die Hintergründe wurden aber alle von Hand gezeichnet. Und es ist nur legitim wenn man das Schloss als eigenständige Figur bezeichnet. Aus sicher beinahe 100 Einzelteilen besteht es, die sich dauernd verändern. Wie eine riesige Maschine, an der nichts zusammenpassen will und gleichzeitig alles am richtigen Fleck sitzt wandert es durch die Landschaft. Die Innenräume verändern sich ebenfalls und generell quillt alles vor lauter Fantasie schier über. Die Landschaften um das Schloss herum laden zum Träumen ein und sehen teilweise wie frisch aus dem Louvre geklaut aus. Und dann wäre da noch die kleine Stadt, in der Sophie wohnt. Angelehnt an Städtchen wie Colmar gibt es hier charmante alte Häuser. Im starken Kontrast dazu steht die Stadt des Königs, die sehr modern wirkt. Selbst wenn der Film sonst nichts zu bieten hätte könnte man sich immer wieder in den wundervollen Bildern ergehen. Typisch für die Filme von Miyazaki ist auch, dass er die Bilder für sich sprechen lässt, keine Zeit damit verbringt dem Zuschauer genau zu erklären, was was ist. Stattdessen findet man sich sofort mitten im Geschehen wieder und darf selbst auf Entdeckungsreise gehen.

Doch natürlich ist es damit noch längst nicht getan. Für die Besprechung der Figuren im Film möchte ich die Buchvorlage außen vor lassen, denn die hätte durchaus ihre eigene Besprechung verdient. Wer weiß, vielleicht finden Bücher eines Tages den Weg in diesen Blog, wir werden sehen. Bis dahin ist wieder einmal faszinierend, wie wenig Miyazaki sich auf stumpfe schwarzweiß-Malerei verlässt. Statt der strikten Aufteilung in Gut und Böse, wie sie anderswo gern praktiziert wird, damit der Zuschauer ja nicht überfordert ist, gibt es hier Figuren in allen Schattierungen. Sie alle sind unterschiedlich, haben andere Beweggründe, handeln aber stets nachvollziehbar. Sophie ist als Figur ein interessanter Ansatz, da sie ihrer Jugend beraubt wird. Zwar ist es ein wenig schade dass man ihr andichten musste dass sie so wenig Selbstbewusstsein besitzt und sich als hässlich empfindet, doch sie ist dennoch eine sehr differenzierte Persönlichkeit, die für sich selbst und für andere einstehen kann. Klar, die Sache mit der inneren Schönheit ist mittlerweile irgendwie ausgetreten, doch Sophie ist ein gelungenes Beispiel für eine gekonnte Umsetzung der Thematik. Sie findet sich mit der Lage ab und nimmt das Entfluchen dann einfach selbst in die Hand, und sie ist ziemlich resolut bei der Sache. Ich habe besonders zum Beginn des Films wirklich gefürchtet dass man es hier mit einer dieser schrecklichen "toller Typ rettet graues Mäuschen, graues Mäuschen ist auf ewig dankbar" Geschichten zu tun hatten, aber davon wird man verschont. Ja, es geht darum sich gegenseitig zu retten, doch für eine Liebesgeschichte ist "Das wandelnde Schloss" erfrischend unkitschig. Auch wird schnell klar dass es viel weniger der Fluch der (spannend geschriebenen) Hexe ist sondern viel eher die Selbstzweifel Sophie einen Strich durch die Rechnung machen.
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Den Kontrast dazu bietet Hauro. Sein Ruf ist unterirdisch, die Frauen soll er reihenweise meucheln. Unglaublich eitel ist er, aber auch wankelmütig. Das Schloss passt sich seinen Stimmungen an und reflektiert diese nach außen hin. Dass es optisch eher heruntergekommen und ein wenig hässlich ist passt wie die Faust aufs Auge. Seine Magie nutzt Hauro sporadisch, er neigt aber zu einer Art Überdosis, die ihn dann auch konsequent erschöpft. Ein bisschen erinnert er an einen Junkie. Nur langsam erkennt er was er für Sophie empfindet, und diese Gefühle geben ihm einen Grund sich gegen den tobenden Krieg zwischen zwei Königreichen zu stellen. Im tiefsten Inneren wird auch ein magisches Wesen von Selbstzweifeln geplagt. Wer gerne interpretiert wird hier fündig, so gibt es zahlreiche Szenen die gekonnt mit der Thematik des Monsters im Menschen spielen. Im Schloss finden sie aber alle zusammen und eine sichere Ruhezone. Der aufmüpfige Feuerdämon Calcifer, der die ganze Angelegenheit zusammenhält und bitte nicht als Kochfeuer benutzt werden will. Der kleine Zauberlehrling Markl, der sich eigentlich nichts sehnlicher wünscht als eine Familie in einer Zeit, in der die Bomben scharenweise auf die Städte hinabregnen. Ebenfalls als Bewohner des Schlosses kann eine liebenswerte Vogelscheuche  gezählt werden, die unweigerlich an "Der Zauberer von Oz" erinnert. 

Statt sich nun aber einfach in einer Liebesgeschichte zu ergehen stehen andere Dinge im Vordergrund. Der sich ausbreitende Krieg wird weitflächig thematisiert und nimmt nach und nach mehr Platz innerhalb der Erzählung ein. Nun spielt der Film in einer fiktiven Welt, doch die Anleihen an vergangene Kriege unserer Welt sind nicht zu übersehen. Brisant ist ebenfalls, dass der Film erschien als der Irakkrieg tobte, doch was hier erzählt wird lässt sich prinzipiell auf jeden Krieg anwenden. Auffällig ist, dass keinerlei Szenen zu sehen sind, in denen jemand stirbt. Wir beobachten Hauro, wie er ins Gefecht fliegt, doch wir sehen ihn niemals töten. Dies gilt auch für alle anderen Kämpfe. Zwar werden nach und nach immer mehr Städte zerstört, und das sich ausbreitende Feuer sorgt für Unbehagen beim Zuschauer, doch die Bewohner scheinen jeweils zu entkommen. Hauro versucht den Konflikt so friedlich wie möglich zu lösen, durch Sabotage und Verwirrung.

Auch hier bieten sich zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten an. So werden beispielsweise die Zivilisten vom Bombenhagel heimgesucht während sie ungeschützt sind, die königlichen Paläste werden jedoch durch starke Magie geschützt. In vielen Szenen spricht "Das wandelnde Schloss" sich konkret gegen Kriege aus, ohne sich dabei aufzudrängen. Hier zeigt sich, wie effektiv der Film sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gemacht ist. Als Kind wird man sich vermutlich zu Beginn des Films nichts Schlimmes denken wenn Sophie von den beiden Soldaten angesprochen wird. Als Erwachsener weiß man, wo die wirklichen Absichten der beiden liegen. Diese Zweigleisigkeit funktioniert über weite Strecken des Films, erst gegen Ende hin verliert sie sich ein wenig im Sand. So erfährt man nicht, wieso es eigentlich Krieg gibt, die Geschichten fallen am Ende gemeinsam in ein eher unübersichtliches Durcheinander. Doch die Figuren sind da und tragen den Film gemeinsam auf ihren Schultern ins Ziel. Letzten Endes sind es, wie schon bei "Prinzessin Mononoke", zwei Hälften eines Ganzen, die zueinander finden und sich ergänzen. Das entbehrt nicht einer gewissen Tragik, denn es sind die menschlichen Momente, die Hauro seiner Menschlichkeit berauben. Dazu ist niemand hier ein typischer Held, und alle sind irgendwie auf der Flucht vor sich selbst. Das wäre an sich nicht sonderlich sympathisch, doch die Tatsache dass sie alle in ihrer Unsicherheit im Schloss zusammenfinden und sich dann entscheiden, es von nun an anders anzugehen hat etwas Befreiendes an sich. 
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Fazit: "Das wandelnde Schloss" ist vielleicht nicht ganz so komplex und gleichzeitig subtil wie die bisherigen Filme von Hayao Miyazaki. Die Geschichte hat weniger Zeit sich zu entfalten, die Figuren sind in vielerlei Hinsicht erwachsener als es in den anderen Filmen der Fall ist. Und trotzdem ist er visuell betörend, hat spannende Haupt- und vor allem Nebenfiguren, ergeht sich nicht in langweiligen Gut-Böse Schemen und stellt die Menschlichkeit in den Vordergrund. Abgerundet durch einen erneut zauberhaften Soundtrack von Joe Hisaiashi lädt auch "Das wandelnde Schloss" zum nachdenklichen Träumen ein. Vielleicht nicht der allerbeste Film des Studio Ghibli, aber ein durch und durch charmantes Abenteuer mit dem Herzen am rechten Fleck.


Infos zum Film

Originaltitel: Hauro no ugoku shiro
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 120 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Takuya Kimura, Tatsuya Gashuin, Chieko Baishô, u.a. Deutsche Stimmen: Robert Stadlober, Gerald Schaale, Sunnyi Melles u.a.

Trailer


Filmkritik: Alles steht Kopf

© Pixar
Jedes Mal wenn ein neuer Film von Pixar erscheint toben sich die meisten Zuschauer aus und ordnen ihre Rangfolge der besten Filme vom Studio mit der Lampe neu an. Und während Pixarfilme, die sich tatsächlich um Menschen drehen, wie beispielsweise "Merida", immer noch sehr schön anzuschauen sind brilliert das Studio vor allem dann, wenn es uns die Sicht auf etwas anderes ermöglicht. Was wäre, wenn Spielzeug Gefühle hätte? Was wäre, wenn Autos sprechen könnten, wenn Fische nicht nur stumm im Meer unterwegs sind? Eine der größten Stärken des Studios ist es dann auch, sowohl Kinder als auch Erwachsene gleichermaßen anzusprechen. Dass man formal Disney untersteht schimmert ebenfalls durch, dennoch lässt sich sicher sagen: Pixar ist weitaus mutiger als das Haus mit der Maus es vorgeben würde. Da wird dem Publikum auch gerne mal ein kleiner Roboter vorgesetzt und gut 50 Minuten kein Wort auf der Leinwand verloren. Da ist die Vorgeschichte zum eigentlichen Film, in dem ein Paar sich kennenlernt und viele Jahrzehnte später feststellen muss dass es zu spät für all die geplanten Abenteuer ist, dermaßen ergreifend dass die Durchschnittlichkeit des restlichen Films komplett von den ersten 15 Minuten überschatten wird. Und nun folgt mit "Alles steht Kopf" der neueste Geniestreich und, wenn ich das mal so vorwegnehmen darf, der in meinen Augen beste Film, den Pixar bisher produziert hat. Wieso das so ist? Lest weiter und findet es heraus. 

Story: Im Kopf der elfjährigen Riley geht es turbulent zu. Fünf Emotionen, verkörpert durch kleine Figuren, versuchen sie durch ihren Alltag zu leiten. Freude möchte, dass es ihr immer gut geht. Ekel bewahrt Riley vor körperlichen und mentalen Vergiftungen, Angst passt auf dass es nicht zu gefährlich wird, und Wut ist vor allem auf Gerechtigkeit aus. Nur Kummer weiß nicht so recht, was ihre Aufgabe ist, und die anderen Emotionen halten sie so oft es geht vom Kontrollpult fern. Als Riley mit ihren Eltern umziehen muss und Freude und Kummer durch ein Unglück mit ein paar wichtigen Erinnerungen verschwinden beginnt eine Reise durch die Gefühlswelt, von der vieles abhängt. Die Kernerinnerungen müssen zurückgebracht werden, die Emotionen müssen lernen im Team zu arbeiten um Riley zu helfen und aus den abgelegenen Winkels ihres Gehirns, wie beispielsweise dem Langzeitgedächtnis, zu entkommen.
Die Emotionen in der Schaltzentrale © Pixar
Kritik: Vorrangig wird der Film durch die Trailer als Komödie verkauft. Das ist, in meinen Augen, eine der größten Fehlleitungen der letzten Jahre. Sicher, "Alles steht Kopf" ist für ein paar Lacher gut. Kleine Kinder die keinen Broccoli essen wollen und dann nur durch ein "Flugzeug" wieder beruhigt werden können, kennen wir alles schon. Der für Pixar typische Humor der sowohl kleine Kinder, Jugendliche und Erwachsene, oft gleichzeitig durch vielschichte Szenen, anspricht, ist vorhanden. Und doch schimmert auch hier schon durch, was dann später immer deutlicher wird: "Alles steht Kopf" zapft im großen Stil die Erinnerungen an, die so ziemlich jeder Zuschauer an seine eigene Kindheit hat. Wir hatten imaginäre Freunde, wir haben uns die abgedrehtesten Sachen einfallen lassen und Spielzeuge mit Leben erfüllt. Aber es gab auch schwierige Zeiten. Wenn man umziehen musste, dann wurde man aus seinem Umfeld gerissen. Freundschaften zerbrachen, man war allein, fühlte sich isoliert, man hat Heimweh. Darüber mit den eigenen Eltern zu reden war schwierig, weil man nicht wusste was man beschreiben soll. Und viele Eltern sind ebenfalls nicht in der Lage ihren Kindern verständlich zu machen, wieso manche Dinge eben passieren. Es ist als ob eine Barriere zwischen beiden wäre, und am Ende bleiben leere, tröstende Worte. Eine ganz alltägliche Situation, die so jeden Tag irgendwo auf der Welt vorkommt, und die so banal erscheint dass man denken würde, man müsse nicht darüber reden. Und genau hier setzt "Alles steht Kopf" an. 

Wenig erfreuliches Abendessen mit der Familie © Pixar
Schauen wir nochmal "Oben" an, der übrigens vom gleichen Regisseur wie dieser Film hier stammt. Die ersten 15 Minuten des Films hinterließen einen enormen Eindruck beim Publikum, denn sie reduzierten eine langjährige Ehe auf wenige Schlüsselmomente. Schlüsselmomente, die unser weiteres Leben definieren, die unsere Entscheidungen beeinflussen und uns formen. "Alles steht Kopf" nimmt sich dieser Prämisse an, fokussiert sich aber auf einen ganz entscheidenden Moment im Leben: den Übertritt von der Kindheit in die Jugend. Es ist ein aufwühlender Prozess, einer an den man sich erinnert, einer von dem die Eltern einem Jahren später noch erzählen, denn man war schrecklich. Stimmungsschwankungen die man nicht erklären kann, eine Miniversion einer manisch-depressiven Phase die über Jahre immer wiederkommt. Pubertät ist das reinste Chaos, und eigentlich bleibt am Ende nicht viel mehr als das ganze auszusitzen. Riley befindet sich in dieser Phase, und weil das allein nicht stressig genug ist kämpft sie mit den Folgen des Umzugs in die Großstadt. Die Eltern sind ihr keine Hilfe, denn niemand im Film weiß, wie man diese Dinge bespricht. Es ist eine bedrückende Hilflosigkeit, die sich auf beiden Seiten wiederfindet, hier ist jeder mit jedem und vor allem mit den ungewohnten Emotionen, die empfunden werden, überfordert.

Dabei hat man es hier mit zwei Welten zu tun. Während bei Pixar oft abstraktes im Vordergrund steht geht es hier sehr figurativ zu. Die Außenwelt, in der Riley sich bewegt, entpricht exakt unserer eigenen. Hier passiert nichts, was nicht absolut alltäglich wäre. Und auch in Rileys Kopf sind die Figuren, die Landschaften, die einzelnen Bestandteile letztlich Repräsentationen von Gefühlen jeder Art. Seien es die tatsächlichen Emotionen, die als antropomorphe Wesen für Ordnung sorgen wollen, oder ein Wald aus Broccoli, den man lieber nicht betreten will: all diese Faktoren lassen "Alles steht Kopf" außergewöhnlich wirken. Weniger wie einen Abenteuerfilm, sondern mehr wie eine Art Traum, den man nur schwer greifen kann. Ein Traum, der sich permanent verändert und wächst, bei dem ganze Teile plötzlich verschwinden können und wo längst vergessenes wieder an die Oberfläche treten kann. Am Ende geht es darum, dass keine Emotion für sich allein stehen kann, dass es in Ordnung ist nicht immer fröhlich zu sein. Es wird betont, dass eine einzige Erinnerung Platz für mehr als nur Trauer oder Freude bieten kann und sollte, und dass nichts daran falsch ist diesen Emotionen freien Lauf zu lassen. 

Freude unterwegs im Langzeitgedächtnis © Pixar
Und hier verbirgt sich dann auch die größte und wichtigste Botschaft, die dieser Film übermittelt. Uns wird für gewöhnlich in Ratgebern und von anderen Leuten eingetrichtert, dass wir unsere Gefühle jederzeit kontrollieren können, dass es nur an uns und unserer Willenskraft liegt und wir uns nur entscheiden müssen, glücklich zu sein. "Reiß dich zusammen, wenn dich jemand beleidigt dann vergib ihm und du wirst zufrieden sein". Vielleicht haben wir keine Kontrolle über unsere Gefühle, aber wir können entscheiden, wie wir mit unseren Emotionen umgehen wollen. "Alles steht Kopf" verzichtet auf diese frustrierenden Ratschläge. Der Film akzeptiert die Tatsache, dass seine Protagonistin zutiefst traurig und vor allem einsam ist. So wie einige Erinnerungen in einem tiefen Abgrund gefangen sind, so ist Riley in ihrem eigenen, traurigen Tal gefangen. Und wir alle wissen: da gibt es keinen magischen Knopf den man drücken kann um auf einen Schlag glücklich zu sein. Das herauskämpfen aus einer Depression ist ätzend, es dauert, es gibt Rückschläge, es ist alles andere als einfach. In diesem Film wird Rileys Angst und Einsamkeit niemals als lächerlich abgestempelt, es wird sich niemals darauf berufen dass sie ja "nur" ein Kind ist. Indem sich, anders als beispielsweise bei Disney, wo die weiblichen Protagonisten im Allgemeinen damit beschäftigt sind über irgendwelche Prinzen nachzudenken, mit einer jüngeren Hauptfigur beschäftigt wird ist es möglich sich auf etwas anderes als die ausgelutschte "erste große Liebe" Nummer zu konzentrieren. Riley ist keine Prinzessin, keine Heldin, sie ist ein ganz normales Mädchen und bietet damit eine Menge Identifikationsfläche.

Dass in ihrem Kopf die Freude permanent versucht, Kummer zurückzuhalten spiegelt die Einstellung der Gesellschaft, nur glückliche Menschen sehen zu wollen. Es erfüllt Menschen mit Verwirrung und Ablehnung, wenn jemand offen betrübt ist. Man weiß nicht wie man damit umgehen soll, und sowohl Menschen als auch Freude in Rileys Kopf versuchen, Kummer auszusperren und zu unterdrücken. Der Betroffenen wird so die Möglichkeit genommen, alle Gefühle zuzulassen, es kann faktisch keine Auseinandersetzung mit dem Trauma geschehen. Am Ende wird allen Beteiligten, sowohl in Rileys Kopf als auch ihrer Umwelt, klar dass es so nicht funktioniert. Kummer als Emotion wusste um ihre eigene Wichtigkeit und brach sich kathartisch den Weg an die Oberfläche. Ein emotional gesunder Mensch hat, ganz grob vereinfacht, seine Gefühle in Einklang miteinander gebracht, lässt die richtigen Emotionen zum richtigen Zeitpunkt dominant sein. Alles was Riley gefehlt hat war das Zulassen von Trauer. Trauer ist ein elementarer, gesunder Bestandteil der Psyche, und wenn man nur eine Sache aus diesem Film mitnehmen will, dann doch bitte dass es in Ordnung, manchmal sogar notwendig, ist, traurig zu sein.
Die Inseln mit wichtigen Erinnerungen © Pixar
Visuell ist "Alles steht Kopf" ein wundervoller Abenteuerspielplatz. Der Ideenreichtum, die Vielseitigkeit und die Kreativität die in die Erschaffung der Gedankenwelt geflossen sind, sind unfassbar. Es gibt für die Kernerinnerungen Inseln, und eine Szene später im Film, die diese Inseln beinhaltet, ist so dermaßen verstörend und ergreifend dass man automatisch zum Taschentuch greift. Es gibt surrealistische und kubistische Elemente, eine Art Müllhalde für unwichtige Erinnerungen wie Telefonnummern, eine imaginäre Jugendliebe, einen Drehort für Träume (an dem allgemeine Träume via Poster als Blockbusterkino beworben werden) und generell ist der Aufbau des Gehirns, auf den sich hier konzentriert wird, einfach nur bombastisch. Wer sich generell gerne mit Animationsfilmen beschäftigt dürfte hier ordentlich zu knabbern haben, denn Pixar verneigt sich vor so vielen verschiedenen Stilen dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Mittendrin ist Bing Bong unterwegs, eine der vermutlich tragischsten Figuren jemals in einem Film. Ich will gar nicht zu viel über ihn verraten, aber so viel sei gesagt: danach möchte man sein Lieblingskuscheltier wiederfinden und ganz fest an sich drücken. Was hier erschaffen wurde ist eine wundervolle Welt und man kann den Film problemlos mehrfach ansehen, nur um alles zu entdecken. Michael Giacchinos Soundtrack verleiht den Bildern eine emotionale Tiefe die kaum noch greifbar ist.

Fazit: Mit "Alles steht Kopf" ist Pixar etwas wirklich Außergewöhnliches gelungen. Überbordend kreativ und ideenreich wird hier die Welt eines jungen Mädchens unter die Lupe genommen. Der Fokus auf ein aus Erwachsenensicht vielleicht banales Ereignis wird zum Anlass genommen eine wichtige Botschaft zu übermitteln. Es ist in Ordnung, auch mal etwas anderes als Freude zu empfinden. Visuell ist das, wie man von Pixar gewohnt ist, atemberaubend schön und abwechslungsreich. Jeder, der eine Kindheit hatte, egal ob gut oder schlecht, jeder der sich schon mal gefragt hat ob es in Ordnung ist auch mal Trauer zuzulassen, kurzum: einfach jeder kann aus diesem Film etwas mitnehmen. Mit Abstand der beste Film, den Pixar bisher veröffentlicht hat, und für mich persönlich sicher unter den Top 3 des laufenden Jahres.

Infos zum Film

Originaltitel: Inside Out
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Animationsfilm, Drama, Komödie
FSK: 0
Laufzeit: 95 Minuten
Regie:Pete Docter, Ronaldo del Carmen
Drehbuch: Pete Docter, Josh Cooley, Meg LeFauve
Darsteller: Engl.: Amy Poehler, Phyllis Smith, Bill Hader, Mindy Kaling, Lewis Black, Kaitlyn Dias, Richard Kind, Diane Lane, Kyle MacLachlan. Dt.: Nana Spier, Philine Peters-Arnolds, Hans-Joachim Heist, Olaf Schubert, Tanya Kahana, Vivien Gilbert, Bettina Zimmermann, Kai Wiesinger

Trailer: 


Filmkritik: Prinzessin Mononoke

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2,4 Milliarden Yen, soviel hat "Prinzessin Mononoke" damals gekostet. Rechnet man das in Dollar um sieht man sich einem Budget von knapp 23 Millionen gegenüber. Doch der Film, an dem 16 Jahre lang gearbeitet wurde hat sich gelohnt. 18,6 Milliarden Yen spielt er in Japan wieder ein (mehr als beispielsweise "Titanic"), man wird auch im Ausland auf die Filmperle aufmerksam. Auch in Deutschland erfolgte ein Kinostart im Jahr 2001, allerdings waren  landesweit nur knapp 35 Kopien im Umlauf. Nicht einmal 100.000 Zuschauer strömten ins Kino um den größtenteils handgemalten Film (Computereffekte wurden nur eingesetzt um Übergänge fließender zu gestalten) zu bewundern. Eine anständige Veröffentlichung für das Heimkino erfolgte 2006, und 2014 erschien der Film dann hierzulande erstmalig auf Blu-ray. Als einer der wenigen Filme des Studio Ghibli mit einer FSK 12 Freigabe zeigt "Prinzessin Mononoke" einen erstaunlich vorurteilsfreien Blick auf das Zusammenleben von Mensch und Natur. Dafür hagelte es sowohl positive Kritiken als auch haufenweise Auszeichnungen. Höchste Zeit also, den Film genauer unter die Lupe zu nehmen.


Story: Japan im frühen Mittelalter. Der junge Krieger Ashitaka tötet in Notwehr einen dämonischen Eber und wird darauf mit einem Fluch belegt. Auf der Suche nach Heilung durchstreift Ashitaka das Land und stößt schließlich auf die von Wölfen großgezogene Kriegerin San. Vor langer, langer Zeit, als Japan noch von Göttern regiert wurde, lebte in einem riesigen Wald die wilde Prinzessin Mononoke bei den Wölfen. Doch das friedliche Miteinander von Mensch und Tier ist bedroht: Immer weiter frisst sich die Zivilisation in die Natur hinein. Erstmals werden Waffen aus Eisen geschmiedet, Gewehre, deren Kugeln bereits den Panzer einer Samurai-Rüstung durchschlagen können. Nun wollen die Menschen die alte Ordnung endgültig umstürzen und machen Jagd auf den mächtigen Waldgott. Die Tiere aber wollen sich nicht kampflos ergeben und sammeln sich zu einer letzten großen Schlacht. Mitten hinein in diesen tödlichen Konflikt gerät der junge Krieger Ashitaka. Er und Mononoke finden sich zwischen den Fronten wieder - und nur in ihren Händen liegt die Macht, die drohende Katastrophe abzuwenden …
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Kritik: Zimperlich geht es hier nicht zu. Bereits in den ersten Minuten kämpft Ashitaka gegen einen monströsen Eber. Sein alles überwältigender Hass betäubt das Tier emotional, der Hass manifestiert sich im tropfenden Schleim und madenähnlichen Schlieren. Der Prinz gewinnt den Kampf, doch fortan lastet ein Fluch auf ihm. Sein Arm wird von einem seltsamen Muster verziert, immer wieder bricht er in unkontrollierbare Krämpfe aus. Helfen kann ihm nur der Waldgott, also bricht Ashitaka auf zu neuen Ufern. 

Der Konflikt, in den er folglich hineingezogen wird, ist universell. In einer Stadt mühen sich die Menschen ab. Unter der Leitung der eigenwilligen Lady Eboshi, die zahlreiche Frauen aufnimmt um sie vor dem Schicksal im Bordell zu bewahren und Leprakranken eine Chance gibt ihren Teil zur Gesellschaft beizutragen, wird hier am Rande der Zivilisation nach Erz gesucht. Der Kaiser ist weit entfernt, und der Umbruch zur Industrialisierung hin ist nicht aufzuhalten. So recht will sich das Dorf unter ihrer Leitung dann auch nicht einfügen. Das Matriarchat regiert hier, und zunächst scheint es als würde es mit eiserner Hand gegen die Natur vorgehen. Es sind elementare Themen, die an diesem kleinen Dorf vorgeführt werden. Die Entwicklung einer Gesellschaft in der alle einen Platz finden können, der Umgang mit Fortschritt: Themen, die niemals an Aktualität verlieren, die auch heute noch präsent sind.

Doch so einfach ist es natürlich nicht. Auf der Gegenseite stehen die tierischen Götter und ihr Gefolge, welches den Wald bevölkert. Sture Wildschweine, majestätische und weise Wölfe sind hier zu finden. Und bei den Wölfen lebt San, ein verwildertes Mädchen welches die Menschen zutiefst verabscheut. Ihre Welt gerät aus den Fugen als Ashitaka den Wald betritt und sich schnell als Vermittler zwischen den verhärteten Fronten findet. Die animalischen Götter wollen ihr Reich natürlich nicht aufgeben und bekämpfen die Menschen. Beide Seiten fahren unentwegt Verluste ein, Deeskalation wäre dringend notwendig. Man bedient sich alter Legenden um die verfeindete Stimmung anzuheizen. Und so werden zahlreiche Spannungsfelder erschaffen, in denen sich die weitere Handlung abspielt. Mensch gegen Natur, Tradition gegen Fortschritt, Frau gegen Mann, und sie alle greifen ineinander über.
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Was sich als langweilige Variante der immer gleichen Geschichte hätte entwickeln können wird in den fähigen Händen von Hayao Miyazaki zu einer mitreißenden und vielschichtigen Angelegenheit. Keine einzige Figur bleibt eindimensional, und nach der strikten Unterteilung in Gut und Böse kann man lange suchen. Sicher, die Situation eskaliert, doch einen Schuldigen ausmachen? Dürfte hier schwer werden. Die einen Menschen sind gierig, kommen aber auch nicht sonderlich sympathisch rüber. Die anderen wollen das Beste für ihre Gemeinschaft, wer will das nicht? Und auf der anderen Seite steht die wunderschöne und noch unberührte Natur, die von teilweise recht kriegerischen und auch extrem sturen und stolzen Tieren bevölkert wird. Kommt es zum Konflikt wird auch auf explizite Darstellung von Brutalitäten nicht verzichtet und diverse Körperteile gehen in hohem Bogen verloren. Und jedes einzelne Mal sitzt der Schreck darüber tief, tiefer als man zunächst annehmen würde. Als Zuschauer sind wir ganz andere Brutalitäten gewohnt, doch hier nimmt jeder Pfeil der sein Ziel trifft mit. Unweigerlich wird man in das Geschehen hineingezogen, fiebert mit obwohl man sich nur schwer für eine Seite entscheiden kann. Die Figuren tun Schlechtes, aber die Beweggründe sind nachvollziehbar und entziehen sich somit wenigstens anteilig einer Bewertung von außen. Das Bedürfnis nach einem Kompromiss wird unerträglich hoch, einfach weil man mit jeder Fraktion mitfiebern kann.

Erzählt wird all dies in Bildern, die als Standbild in jedem großen Kunstmuseum dieser Welt unterkommen könnten. Prächtige, intensive Farben untermalen den Konflikt, dessen Lösung im Zugehen aufeinander liegen würde. Die Welt innerhalb des Films ist unglaublich lebendig, bevölkert von faszinierenden Wesen. Doch der Fokus liegt nie auf ihnen, und man sieht sich dementsprechend an keinem Bild jemals satt. Hervorzuheben ist hier auch die Detailgenauigkeit in der Bewegung der Figuren. Dazu gesellen sich Landschaftsaufnahmen, die das Prädikat "episch" bei aller Überstrapazierung des Wortes wirklich verdient haben. Der verträumte, aber auch dramatische Soundtrack von Joe Hisaishi umspielt das Geschehen und lädt durchaus auch zum Träumen ein.
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Fazit: "Prinzessin Mononoke" lässt sich Zeit mit dem Aufbau und der Einführung der Figuren. Strikt darauf bedacht keine Partei zu ergreifen präsentiert Hayao Miyazaki ein Epos, welches seinesgleichen sucht. Visuell atemberaubend gestaltet wird der Zuschauer auf eine Reise mitgenommen, die er nicht ohne Veränderung durchmachen kann. Was am Ende bleibt und auch immer wieder vom Soundtrack unterstrichen wird ist die Hoffnung. Auf Linderung des Schmerzes, auf ein friedvolles Miteinander, eine Lösung für diesen ewig anhaltenden Konflikt. Auf wessen Seite man sich hier letztendlich schlagen will, oder ob man neutral bleibt? Das wird jedem selbst überlassen.

Infos zum Film

Originaltitel: Mononoke Hime
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: 12
Laufzeit: 134 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Yoji Matsuda, Yuriko Ishida, Yuko Tanaka u.a. Deutsche Stimmen: Alexander Brem, Stefanie von Lerchenfeld, Marietta Meade u.a.


Trailer: 


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