Serienkritik: Outlander Staffel 1

© Starz
Um "Outlander" habe ich lange Zeit einen Bogen gemacht. Einen weiten Bogen. Die Buchvorlage war mir zwar bekannt, gelesen habe ich aber bisher kein einziges Buch aus der ganzen Reihe. "Outlander" kämpfte bei mir gegen Windmühlen, denn so sehr ich auch Schottland liebe, ich hatte keine Lust auf eine lahme, kitschige Liebesgeschichte vor romantischer Kulisse. Oh man, wie falsch ich doch lag. Als ein Kollege nur positives über die erste Staffel zu sagen hatte und mir das Ganze mit den Worten "das wird dir sicher gefallen, nachdem du dich so über "Game of Thrones" aufgeregt hast" nochmal mit aller Deutlichkeit nahelegte ergab ich mich also meinem Schicksal. Nachdem ich also die komplette erste Staffel in einer Woche verschlungen habe ist es Zeit für ein Plädoyer in Sachen "Outlander".





Story: Die britische Kriegskrankenschwester Claire Randall wird nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder mit ihrem Ehemann vereint. Auf ihrer zweiten Hochzeitsreise geht sie durch einen alten Steinkreis und befindet sich plötzlich im Jahre 1743 im kriegszerrütteten Schottland der Highland-Clans. Welche Mächte sie auf diese Zeitreise voller Intrigen und Gefahren geschickt haben, weiß Claire nicht. Sie wird als Spionin bezichtigt und muss einen verfolgten Highlander heiraten, in den sie sich auch noch verliebt. Claire ist zwischen zwei Männern, der Vergangenheit und ihrer Zukunft hin- und hergerissen. Dabei stehen ihr Leben und ihr Herz auf dem Spiel.
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Kritik: Als Zuschauer muss man sich natürlich zunächst einmal damit auseinandersetzen dass es hier um Zeitreisen geht. Die Serie beginnt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, Claire (Caitriona Balfe) und ihr Mann sehen sich nach Jahren zum ersten Mal wieder. Auch hier hatte ich Angst, aber Frank (Tobias Menzies) ist einfach ein richtig netter Kerl. Vielleicht ist er ein bisschen langweilig, aber verdammt, die beiden lieben sich, keiner benimmt sich wie ein Arsch. Die zweiten Flitterwochen werden in Schottland verbracht und eigentlich könnte alles prima sein. Doch dann sehen die beiden zu Samhain (Halloween) ein altes Ritual an einem Steinkreis. Als Claire am nächsten Tag den Steinkreis allein besucht wird sie in der Zeit zurückgeworfen. Es gibt keine direkte Erklärung dafür und Claire geht auch verdächtig entspannt damit um. Frank ist natürlich außer sich und sucht nach seiner Frau. Hier hätte man den Kitsch so richtig aufdrehen können, doch die Serie bleibt bodenständig und zeigt uns ein Paar, dass nichts will außer wieder zusammenzufinden. Es ist unheimlich leicht sich für die beiden zu begeistern und die Serie nimmt sich auch angemessen viel Zeit bis Claire sich dann für Jamie (Sam Heughan) interessieren "darf".

Jamie kommt dann auch zunächst daher wie das personifizierte Cover jedes Highlander-Liebesromans der je geschrieben wurde. Er ist groß, er ist männlich und bestimmt, er kann kämpfen, er hat eine dunkle Vergangenheit, hört zu, ist freundlich und schreitet dazwischen wenn Frauen ungerecht behandelt werden. Ich müsste lügen wenn ich sagen würde dass ich Jamie nicht innerhalb weniger Folgen verfallen bin. Doch "Outlander" spielt mit dieser scheinbaren Perfektion, denn auch Jamie gerät in Momente, in denen eine ganz andere Seite zum Vorschein kommt. Einige davon sind gut gehandhabt, andere (nachdem er eine Meinungsverschiedenheit mit Claire hatte und sie züchtigt) sind weniger gut gehandhabt. Alles in allem ist er aber eine komplexe Figur mit der man schnell mitfiebern kann. Ihm gegenüber steht Claire, die vermutlich selbst für 1945 sehr fortschrittliche Ansichten hatte. 1743 eckt sie damit häufiger mal an. Durch ihre Arbeit als Krankenschwester im Krieg besitzt sie ein breites medizinisches Wissen, und sie ist gleichzeitig willensstark, aber auch verletzlich. Wie auch Jamie ist sie vielschichtig und extrem sympathisch. Tobias Menzies hat hier eine fulminante Doppelrolle, denn er darf in der 1743 spielenden Geschichte den Bösen geben. Captain Black Jack Randall ist, soviel kann man guten Gewissens sagen, mit das fieseste was ich je in einer Serie gesehen habe. Sein Verhalten ist grausam, sadistisch und einfach nur brutal, und besonders in den späteren Folgen zog sich alles in mir zusammen sobald er zu sehen war. Menzies hängt sich in diese Rolle so richtig rein und haucht der Figur ein erschreckendes Leben ein. Dafür kann man ihn wirklich nicht genug loben. Zartbesaitete Zuschauer dürften allerdings hier an ihre Grenzen stoßen, denn spätestens mit den letzten beiden Folgen fährt die erste Staffel Geschütze auf, die man nur als drastisch bezeichnen kann. Und auch davor gibt es einige heftige Szenen zu sehen. So gibt es, der Zeit angemessen, zahlreiche Verwundete, man darf von Peitschenhieben zerfetzte Rücken begutachten und es wird auch recht explizit in Sachen Sex.
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Auch die Nebenfiguren wissen zu gefallen. Graham McTavish als Dougal MacKenzie ist wunderbar intrigant, Gary Lewis als Colum MacKenzie überzeugt ebenfalls. Doch wo "Outlander" so richtig brilliert sind die weiblichen Nebenrollen. Da wäre Laura Donelly als Jenny Fraser. Sie liefert eine Performance ab bei der sofort klar ist: mit der Frau legt man sich nicht an. Sie hält das Haus zusammen, hat aber auch kein Problem damit die Dinge außerhalb in die Hand zu nehmen. Es wäre so leicht gewesen sie und Claire gegeneinander auszuspielen, doch "Outlander" geht den erhabenen Weg und lässt die weiblichen Figuren mindestens respektvoll, oft aber auch freundschaftlich miteinander agieren. Zickenkriege sucht man hier vergeblich. Lotte Verbeek spielt Geillis Duncan als gleichzeitig verschlagene, aber auch resolute und sympathische Figur. Es wäre darüber hinaus ein leichtes, die schottische Landschaft als weiteren Darsteller aufzulisten. Wer bereits einmal selbst vor Ort war wird das sicherlich bestätigen können: Schottland ist ein verdammt hübsches Fleckchen Erde. Gedreht wurde dann auch an richtigen Schauplätzen (wenn ihr mal in der Nähe von Inverness sein solltet tut euch den Gefallen und besucht das Culloden Battlefield, es setzt Maßstäbe in der Funktionsweise eines Museums!). Auch die Kostümdesigner gehören gelobt für die vielseitigen, detailreichen und wunderschönen Kleider. Ein großer Pluspunkt ist auch die Verwendung des Gälischen. Viele Figuren sprechen zwischendurch gälisch, und es gibt keine Untertitel dazu. Manchmal übersetzen andere Figuren dann das Wesentliche, oft bleiben dem Zuschauer aber nur der Tonfall und die Mimik als Anhaltspunkte. Es kommen aber zu keiner Zeit Probleme auf zu verstehen, um was es gerade geht. Diese Mischung aus fantastischen Figuren und immersiven Kulissen, gepaart mit wundervoller Musik, komponiert von Bear McCreary, und dieser wundervollen, speziellen Sprache macht "Outlander" dann auch zu einem richtigen Erlebnis. Die Geschichte steht auch niemals still, es wird nie lange an einem Ort verweilt. Man kriegt also viel zu sehen und die Geschichte entwickelt sich ständig in eine neue Richtung.
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Womit "Outlander" mich dann aber vollends überzeugen konnte war der reflektierte Umgang mit Gewalt. Nach diesem einen, unschönen Ereignis in der fünften Staffel von "Game of Thrones" schrieb ich diesen Artikel, der sich mittlerweile zum meistgelesenen Artikel auf diesem Blog gemausert hat. Als jemand der sich immer stark für den Umgang mit (vor allem) sexueller Gewalt in Film und Serien interessiert hat, hatte ich natürlich meine Bedenken wegen "Outlander". Doch die Macher der Serie haben ein geschicktes Händchen bewiesen. Gewalt ist natürlich vorhanden, und auch historisch gut verankert innerhalb der Geschichte. Aber der Umgang damit ist reflektierter als vieles, was sonst im TV zu sehen ist. Im Falle einer Vergewaltigung wird sich danach mit dem Befinden des Opfers und auch der Angehörigen beschäftigt, und ein solches Trauma hat in der Serie Konsequenzen für die Figur. Man verzichtet darüber hinaus größtenteils auf das voyeuristische Zeigen von zu viel nackter Haut. Das gibt all den Szenen die Möglichkeit, uneingeschränkt den Horror einer solchen Situation zu zeigen. Auch gibt es eine Szene in der Jamie ausgepeitscht wird. Hier gilt das gleiche: es gibt einiges zu sehen, nichts davon ist leicht zu ertragen. Doch es wird sich danach damit auseinandergesetzt, es ist nicht einfach nur schmuckes Beiwerk um den Zuschauer aus seiner Lethargie zu reißen. Im Gegenzug dazu sind Szenen, in denen einvernehmlicher Sex stattfindet durchaus freizügig, allerdings wird sich hier mehr auf Claire konzentriert. Es ist erfreulich in einer Serie einer Frau zu begegnen die selbstbestimmten Sex genießen darf und auch keine Probleme damit hat, Wünsche zu äußern und einzufordern.

Fazit: "Outlander" begeistert mit einer abwechslungsreichen Geschichte, tollen Kulissen und vor allem mit seinen vielschichtigen und komplexen Figuren. Man sollte sich von der Werbung nicht täuschen lassen, statt endlosem Kitsch in den schottischen Highlands gibt es hier Drama, Action und ein überraschend hohes Level von Brutalität. Sympathische und talentierte Darsteller runden das Gesamtpaket ab und machen die erste Staffel von "Outlander" zu einer meiner neuen Lieblingsserien.

Infos zur Serie

Originaltitel: Outlander
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Sci-Fi, Romantik, Abenteuer,
FSK: 16
Laufzeit: ~ 880 Minuten (16 Folgen mit je rund 50-60 Minuten Laufzeit)
Regie: Anna Foerster, Richard Clark, Brian Kelly, John Dahl
Drehbuch: Ronald D. Moore, Ira Steven Behr, Diana Gabaldon
Darsteller: Caitriona Balfe, Sam Heughan, Tobias Menzies, Graham McTavish, Gary Lewis, Lotte Verbeek, Duncan Lacroix, Bill Paterson



Kommentare:

  1. Wow, super gute Kritik, die ich niemals so treffend in Worte hätte fassen können. Ich kann dir einfach nur zu 100 Prozent zustimmen.
    Ich hatte Outlander "damals" angefangen, als es im TV lief und hatte eine nette Liebesgeschichte erwartet, mit der ich mir den Mittwochabend vertreiben konnte. Aber was die Serie bietet, hat mich dann wirklich überrascht. Vor allem von der Brutalität war ich überrascht, um nicht zu sagen erschrocken. Tobias Menzies ist da wirklich als Fiesling herauszuheben, gerade die Peitschen-Szenen und die letzten Folgen fand ich schon ziemlich hart.

    Das Ende (auf dem Schiff) fand ich doch etwas kitschig und es wirkte etwas zu konstruiert, aber da habe ich mir sagen lassen, dass das der Buchvorlage geschuldet ist und es schmälert den Gesamteindruck der Serie keineswegs. Ich hoffe, dass Staffel 2 genau so stark weitermacht :)

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    1. Danke für deine lieben Worte :) ich bin auch schon richtig gespannt auf die zweite Staffel, und für den Winter nehm ich mir die Bücher vor.

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  2. Besser hätte ich eine Kritik zur 1. Staffel nicht schreiben können.
    Outlander ist m.E. eine der besten Serien, die je verfilmt wurden. Die Hauptdarsteller ist allemal hervorragend. Allen voran "Jamie" Sam Heughan, "Claire" Caitriona Balfe und "Randall" Tobias Menzies in Doppelrolle.
    Ich freue mich auf die 2. Staffel und hoffe, die Verfilmung des 3. Buches wird ebenfalls folgen.

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  3. Also ich finde die Bücher super (alle gelesen) - und die Serie wollte ich natürlich auch sofort sehen. Ich finde sie im Prinzip auch gut - nur leider stört mich der Hauptdarsteller etwas. Meines Erachtens nicht so toll besetzt, aber das liegt evtl. nur daran, dass ich ihn mir wesentlich anders vorgestellt habe. Allerdings finde ich die Sexszenen störend - auch wenn natürlich die Story darauf aufbaut. Ich meine aber, es hätte auch anders umgesetzt werden können. Manches braucht eben nur angedeutet werden - die Vergewaltigung von Jamie durch Randall bspw. hätte nicht derart (quälend) lang und mit vollem Körpereinsatz dargestellt werden müssen. Hätte man vielleicht auch in erzählerischer Form gestalten können.
    Wie auch in Game of Thrones gehört Gewalt und Sex in die Geschichte - in GoT ist der Sex aber trotzdem nie so derart aufdringlich... Leider bekommt man oft den Eindruck, man hätte die Verfilmung eines Groschenromans vor sich - was aber gar nicht der Fall ist. Schade drum.
    Hoffe sehr, die 2. Staffel wird diesbezüglich besser...

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