Filmkritik: Mein Nachbar Totoro

© Universum Film GmbH
Story: Der zweite Film aus dem berühmten Studio Ghibli dreht sich ganz um Familie, Natur und Kindheit. Der Mutter von Satsuke und ihrer kleinen Schwester Mei geht es nicht besonders gut, weshalb man in diesem Jahr den Sommer auf dem Land verbringt, ganz in der Nähe jener Klinik, wo die Mutter liegt. Dort hat der Vater, von Beruf her Archäologe, ein kleines Haus mit großem Garten gemietet, wo er schreiben kann und die Kinder Platz haben zum toben. Was keiner ahnt: Das Haus wird von schüchternen, geradezu schreckhaften Aschegeistern heimgesucht. Doch damit nicht genug. Im Wald, der sich nahtlos an den großen Garten anschließt scheinen mysteriöse Gestalten zu leben. Doch weder der Vater noch seine beiden Töchter haben Angst vor den Geistern, und schon bald lässt Totoro sich häufiger blicken. 
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Kritik: Mit "Mein Nachbar Totoro" begebe ich mich erst zum zweiten Mal auf Ghibli-Gebiet, der erste Ausflug erfolgte mit "Die letzten Glühwürmchen", und der hat mich mit seiner bedrückenden Thematik zunächst tatsächlich abgeschreckt. Doch dieser Totoro, der sah knuffig aus, und so schnappte ich mir den Film, nicht vorbereitet auf das was da folgen würde. Bemühe ich mich sonst immer um einen sachlichen Stil sehe ich hier keine andere Möglichkeit, als mal so richtig persönlich zu werden. Ich hoffe ihr bleibt trotzdem bis zum Ende. 

Als Kind hatte ich eigentlich immer irgendwie einen Wald in der Nähe meiner Wohnorte. Zuhause war es häufig mal stressig, und so verbrachte ich einen guten Teil meiner Kindheit draußen. Baute geheime Höhlen aus Ästen, folgte dem Lauf des kleinen Flusses, entdeckte Tiere und führte ausgiebige Selbstgespräche. Manchmal veränderten sich Dinge, wenn ich ein oder zwei Tage meinen geheimen Verstecken fernblieb, und für mich stand schnell fest: das müssen die Waldgeister sein. Ich machte mir meine eigene kleine Welt, in der die triste Außenwelt nichts zu suchen hatte. 

Und genau dieses Gefühl vermittelt "Totoro" von der ersten Minute an. Sobald die Familie ihr neues Haus betritt wird unbändig entdeckt, jede noch so verstecke Ecke wird erkundet. Schnell tauchen die kleinen Aschegeister auf, und man ist sich einen Moment lang unsicher ob die nun tatsächlich existieren oder sich eingebildet werden. Doch so schnell dieser Gedanke aufkam, so schnell verschwindet er auch wieder. Viel zu spannend ist die Entdeckungsreise. Nach und nach öffnet sich der Spielraum der Kinder, der Garten wird erkundet, nur vor dem Wald hält man noch ehrfürchtigen Abstand. 
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Doch dann taucht ein kleines Wesen auf, das sich zeitweise unsichtbar machen kann. Die kleine Mei folgt dem putzigen Tierchen, und ehe sie sich versieht führt der Weg durch das Unterholz und in das innerste der Wurzel eines gigantischen Baumes. Und dort schlummert Totoro. Gleichzeitig extrem niedlich und irgendwie auch ein bisschen bedrohlich entpuppt er sich als freundlicher Waldgeist, der nur von Kindern gesehen werden kann. Oft ist er im Film nicht zu sehen, doch wenn er auftaucht weiß er zu begeistern. Schön ist hier auch die Einstellung der Erwachsenen, welche die Kinder in ihrem Glauben an die übernatürlichen Wesen bekräftigen, auch wenn sie selbst nur noch Erinnerungen an ihre eigene Kindheit haben und Totoro selbst nicht richtig wahrnehmen können. Was ihnen bleibt ist der Wind, der durch das Reisfeld weht. 

Vordergründig sind es diese zauberhaften Momente, die den Film dominieren. Doch unter dem, was zunächst als Alltagsbeobachtung zweier Kinder durchgehen würde, liegt so viel mehr vergraben. Miyazaki legt allerdings keinen Wert darauf, die vielen Schichten mit Dialogen zu erläutern. Stattdessen wird der aufmerksame Zuschauer hier und da Hinweise finden. So erfährt man zwar, dass die Mutter im Krankenhaus liegt, doch was sie genau hat wird nicht benannt. Aber es bringt das Leben der restlichen Familie gehörig aus dem Konzept. Der Vater verschusselt Dinge, Mei sucht die Nähe ihrer Familie und Satsuke gibt sich alle Mühe, erwachsen zu sein und sich mit ihren Freundinnen abzulenken. Es ist mehr als die kleinen Mädchen ertragen sollten, doch auf dem Leid wird nie verharrt. Stattdessen fiebern die Mädchen der Genesung der Mutter entgegen. unerschütterlich optimistisch. Totoro wird zum Sinnbild für die eigene, kindliche und unschuldige Phantasie und zu einer Möglichkeit, dem Alltag zu entkommen.

Zum Ende hin gerät dann all dies in Gefahr. Mei rennt davon, will ihre Mutter im Krankenhaus besuchen. In ihren Armen trägt sie einen Maiskolben, denn die freundliche Nachbarin hat ihr erzählt dass ihre Mutter sicher gesund wird, wenn sie frisches Gemüse essen kann und mit Vitaminen versorgt wird. Die kindliche Idylle zerbricht, die Verzweiflung macht sich breit. Wer erinnert sich nicht daran wie hilflos man sich als Kind fühlt, wenn etwas mit den eigenen Eltern nicht in Ordnung ist? Wer hat nicht schon mal versucht ein krankes Familienmitglied mit einem selbstgemalten Bild, einem Strauß gepflückter Blumen oder ähnlichen kleinen, kindlichen Zaubereien zu heilen? Doch außerhalb des sicheren Gartens lauert eine andere Welt, und Mei verschwindet. Panik bricht im Dorf aus, und als ein kleiner Kinderschuh in einem Teich auftaucht scheint alles verloren. 
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Doch Totoro ist da, wenn man ihn braucht. Wenn man nur stark genug an ihn glaubt, wenn man gute und reine Absichten hat. Weil es für ihn einen Platz in unserer Welt gibt, auch wenn wir ihn nicht sehen können. Er ist da wenn der Wind weht, wenn es abends stürmisch ist und ein Gewitter aufzieht. Aber auch wenn die Sonne scheint. Riesengroß, aber mit kindlicher Naivität ausgestattet. Beinahe schon diebische Freude kommt auf, wenn Totoro im strömenden Regen entdeckt wie witzig Regentropfen klingen wenn sie auf den Regenschirm prasseln. So wird dem Schrecken des Alltags, sei es Krankheit, Armut oder Verlust, stets etwas Positives entgegengesetzt. Die Konfrontation wird somit erträglich gemacht, und das ist dem Film hoch anzurechnen. 

Obwohl "Mein Nachbar Totoro" schon beinahe 20 Jahre alt ist muss er sich nirgends verstecken. Wunderschön gezeichnet und mit lichtdurchfluteten Bildern nimmt Miyazaki uns auf eine Reise mit, von der man eigentlich nicht zurückkehren möchte. Auch der Soundtrack ist toll. Verspielt plätschert er dahin, und der Titelsong frisst sich unweigerlich in den Gehörgang und verschwindet so schnell nicht wieder von dort.

Fazit: Man sagt, dass Bilder mehr sagen als Worte es je könnten. "Mein Nachbar Totoro" bietet Bild für Bild überwältigende Schönheit und eine stimmige Mischung aus kindlicher Unschuld, Naivität und dem bitteren Ernst des Lebens. Die Natur und die Phantasie werden zu den größten Verbündeten welche die Kinder besitzen, und alle Erwachsenen respektieren dies. Groß und Klein dürften von dem plüschigen Totoro begeistert sein, der nicht umsonst zum Maskotten für Studio Ghibli wurde. Und während Kinder vermutlich vorrangig Spaß an der Entdeckungsreise der beiden Mädchen haben tut sich für den aufmerksamen größeren Zuschauer eine ganz andere Welt auf. Eine Reise zurück in die eigene Kindheit, aber auch eine Reise in eine ganz magische Welt, die direkt vor unserer Nase ist. Wir müssen nur genau hinschauen.

Infos zum Film


Originaltitel: Tonari no Totoro
Erscheinungsjahr: 1988
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 86 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Noriko Hidaka, Chika Sakamoto, Hitoshi Takagi u.a. Deutsche Stimmen: Marea Sedlmeier, Pauline Rümmelein, Gerhard Hilka 



Trailer: 


Kommentare:

  1. Der Film ist wirklich wundervoll. Ghibli schafft es immer wieder die Menschen mit seinen Filmen zu faszinieren. *.*
    Wenn ich dir einen weiteren Film empfehlen darf, "Ame und Yuki - Die Wolfskinder" von Mamoru Hosoda ist auch ein wunderschöner, rührender Animefilm. =)

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    1. Ja, ganz zauberhaft. Musste heute direkt eine kleine Bestellung aufgeben und warte jetzt sehnsüchtig auf Post aus Japan ^^

      "Ame und Yuki" klingt nach einer tollen Geschichte, da werd ich direkt mal Ausschau nach halten. Danke für den Tipp!

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