gelesen: Phantasmen



Das steht drin


Aus unerklärlichen Gründen tauchen eines Tages die Geister der Verstorbenen auf. Zunächst sind es wenige, doch im Verlauf der Zeit mehren sich die Geister, bis ihr helles Leuchten den Planeten illuminiert. Aber die Geister sind harmlos, sie stehen still da und bewegen sich nicht. In der Wüste Spaniens warten die beiden Schwestern Rain und Emma auf das Erscheinen der Geister ihrer Eltern, die bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Doch als die Geister auftauchen passiert etwas Schreckliches: Sie lächeln, und ihr Lächeln ist tödlich. Rain und Emma sehen sich mit etwas Unvorstellbarem konfrontiert. 

Kritik

Mit "Phantasmen" beweist Kai Meyer erneut, dass sein Schreibtalent so schnell wohl nicht versiegen wird. Mit einem Knall zieht er den Leser gleich mitten hinein in die Geschichte. Die ist ungewöhnlich, denn es handelt sich nicht um eine klassische Geistergeschichte. Mit den herumspukenden Wesen aus Horrorfilmen haben die Geister hier nichts zu tun, sie sind zunächst apathisch und dann lebensgefährlich, allein durch ihre Anwesenheit. Besonders das erste Aufeinandertreffen der Hauptfiguren mit den Geistern in der Wüste sorgte bei mir für Gänsehaut. Die ganze Situation ist atmosphärisch enorm dicht und beklemmend.

Im weiteren Verlauf verliert sich dieses Beklemmende nach und nach und weicht gut geschriebener Action. An der gibt es formal wirklich nichts auszusetzen, als Leser fiebert man über weite Teile mit und ist voll drin im Geschehen. Doch das gruselige Element verschwindet nach und nach etwas im Hintergrund. Das fand ich persönlich etwas schade. Dafür tauchen mit fortschreitender Geschichte zahlreiche Denkanstöße auf. Nahtoderfahrungen, das mögliche Leben nach dem Tod, aber auch die eine oder andere moralische Frage wird aufgeworfen. Antworten darf man sich allerdings selber suchen, wer also gerne alles vorgekaut bekommt wird darüber nicht weiter nachdenken.

Allerdings ist "Phantasmen" in meinen Augen auch mit einigen Problemen behaftet. Auf den knapp 400 Seiten passiert zu viel, es muss immer noch eins draufgesetzt werden, immer noch eine Spur krasser werden. Auf Dauer wirkt das etwas übermüdend. Gerne hätte ich auch mehr über die Figuren erfahren. Was motiviert den schweigsamen, aber dafür gutaussehenden Tyler? Er versucht herauszufinden, was mit seiner großen Liebe passiert ist. Das war es. Man erfährt sonst nichts über die Beziehung der beiden. Und nebenbei bandelt er mit Rain an, weil... ja, wieso eigentlich? Weil kein Jugendbuch ohne Liebesgeschichte auskommen darf?

Rain und ihre Schwester Emma sind dann auch so zwei Fälle. Bei Emma wird mit dem Holzhammer immer wieder darauf hingewiesen, dass sie eine Form von Autismus haben könnte. Das macht sie automatisch zu einem Wunderkind, kennt man ja. Rain hat Traumata an allen Ecken und Enden. Spätestens bei der Afrika-Sache wäre weniger aber mehr gewesen. Außerdem bin ich mir recht sicher, dass Afrika nicht nur aus Wüsten, Kamelen und Löwen besteht, die allesamt davon profitieren, dass irgendwelche Weißen sich dort als Retter aufspielen. Aber hey, so ein Praktikum im afrikanischen Waisenhaus sieht ja immer prima aus im Lebenslauf. Jedenfalls, die Figuren sind nicht sonderlich spannend oder vielschichtig geschrieben, und so bleibt am Ende alle Last auf der Geschichte selbst. Die schultert das weitestgehend auch solide. Aber ein kleines bisschen weniger dick aufgetragen hätte hier eine Menge bewirkt.

Trotzdem überwiegt am Ende der positive Eindruck, denn wenn es eine Geschichte schafft, mich über Sekten, das Leben nach dem Tod, viel zu junge Soldaten, Fanatismus und all solche Dinge nachdenken zu lassen, dann verzeihe ich gerne auch die stellenweise oberflächlichen Charaktere. 

Fazit


Phantasmen ist extrem kurzweilig und vor allem zu Beginn eines: spannend. Zwischenzeitlich passiert fast schon übertrieben viel, und auch die eigentliche Hauptfigur könnte etwas weniger "besonders" sein. Doch das tut dem ungewöhnlichen Szenario keinen Abbruch, und wer gerne zwischen den Zeilen liest, der findet hier spannende Denkvorlagen, mit denen sich auseinandergesetzt werden darf. Ein ungewöhnliches Buch, aber eine volle Empfehlung für neugierige Fantasy- und SciFi Fans, die zwischen all den scheinbar endlosen Serien mal ein abgeschlossenes Buch in die Finger kriegen wollen. Über kleinere Mängel besonders in der zweiten Hälfte liest man bei nur 400 Seiten auch recht zügig hinweg.

Fakten zum Buch


Phantasmen von Kai Meyer | Verlag: Carlsen | erstmals erschienen März 2014, aktuelle Taschenbuchausgabe 1. September 2016 | Taschenbuch | 400 Seiten | 8,99€

Filmkritik: High Rise

© DCM


Story: Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) zieht nach seiner Scheidung in ein neu gebautes Hochhaus. Die vierzig Etagen des glamourösen Gebäudes sind klar aufgeteilt: Die Upperclass hat die oberen Stockwerke für sich reserviert, während Familien sich mit den Untergeschossen zufrieden geben müssen. Der 30-jährige Laing hat sein Apartment im mittleren Bereich und freundet sich mit dem Fernsehjournalisten Richard Wilder (Luke Evans) aus dem zweiten Stock an. Seine große Faszination gilt aber Anthony Royal (Jeremy Irons), dem Architekten, der ganz oben über allen residiert. Schon bald beginnt es, hinter der glitzernden Oberfläche des Wolkenkratzers zu rumoren. Mysteriöse Schlafprobleme machen den Bewohnern zu schaffen. Dazu kommen Konflikte zwischen den Schichten, die sich immer weiter ausdehnen. Während eines Stromausfalles brechen die Aggressionen dann offen aus.  



Kritik: Regisseur Ben Wheatley macht mit seinen Filmen gerne mal auf sich aufmerksam, denn sie bewegen sich immer ein kleines, wohldosiertes bisschen abseits jeder Norm. Und sie überraschen, mehr als jede Wundertüte vom Kiosk es je könnte. Gewissermaßen ist er also genau der richtige, um den eigenwilligen Roman von J.G. Ballard zu verfilmen. Mit Tom Hiddleston und Jeremy Irons sind zwei Schwergewichte mit an Bord, Sienna Miller und Luke Evans sind einem Großteil des Publikums wohl auch bekannt. Die Prämisse des Hochhauses, in dem man je nach Schichtzugehörigkeit entweder oben oder unten lebt, erinnert entfernt an Filme wie "Snowpiercer", allerdings legt Wheatley den Fokus eindeutig auf eine andere Art des Zerfalls.

© DCM



Zu viel sollte man über den Film eigentlich gar nicht erst verraten. Die Ausgangslage sorgt natürlich für einen umfassenden Konflikt, doch der Weg bis zur Eskalation und darüber hinaus ist spannend. Nicht, weil er unbedingt etwas Neues zu erzählen hat. Es ist mehr das "wie", das fasziniert. Als Zuschauer wird man mehr und mehr mit dem Wahnsinn, der im Haus herrscht, alleingelassen. Szenen voller Ruhe wechseln sich mit brutalen Einstreuungen ab, kommentiert wird dies nicht. Man bleibt in der Passivität gefangen, so wie die Figuren im Haus gefangen sind. Der Ausbruch erfolgt auf der kleinstmöglichen Ebene. Das Geschehen bleibt ungreifbar, stellenweise auch unerklärbar. Die Darsteller, der Soundtrack von Clint Mansell und die kühlen, distanzierten Bilder verschmelzen zu etwas Größerem. Etwas, das im einen Moment sein Publikum sicher in seinen Armen wiegt, nur um dann im nächsten zuzudrücken, bis die Luft wegbleibt. Die dystopische Vision der (großartig ausgestatteten) 70er Jahre, die sich problemlos auch auf die heutige Zeit anwenden lässt, hält jedenfalls nichts zurück und frisst sich ins Gedächtnis der Zuschauer hinein.  



Fazit: "High Rise" setzt sich zielsicher zwischen Indie- und Mainstreamkino nieder und besticht durch die schleichende Faszination, die er ausstrahlt. Fühlt man sich als Zuschauer zu Beginn noch sicher (nach einem kleinen Exkurs in den Wahnsinn, der dort lauert), bricht nach und nach die Fassade weg. Was bleibt ist ein tiefer Einblick in die Gesellschaft, den man so vielleicht lieber nicht gesehen hätte. Mit Glanz, Gloria und Exzess fährt hier alles vor die Wand und man wird mitgerissen, ob man nun will oder nicht. 


Infos zum Film

Originaltitel: High Rise
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Sci-Fi, Thriller, Drama
FSK: 16
Laufzeit: 118 Minuten
Regie:
Drehbuch:
Darsteller: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans u.a.

Trailer

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